Gleich zu Beginn fragt Matthias Stotz, ob es den Besucher störe, wenn er sein Jackett ablege. Normalerweise tue er das nicht, aber angesichts der Temperaturen da draußen solle man es bitte entschuldigen. Dann hängt Stotz die Jacke seines anthrazitfarbenen Anzugs über eine Stuhllehne. Doch sie hängt nicht ordentlich, der Kragen hat sich umgeschlagen. Also beugt sich Stotz hinunter und streicht ihn in Form. Nun sitzt er richtig, und der Firmenrundgang kann beginnen.

Matthias Stotz hat einen Beruf gelernt, in dem man es ohne einen gewissen Hang zur Pedanterie nicht weit bringt. "Der Horizont eines Uhrmachers ist oft nicht größer als der Rand seiner Lupe", sagt er und lächelt. Doch als Stotz vor sieben Jahren bei Junghans in Schramberg im Schwarzwald anfing, war er gezwungen, über seine Lupe hinauszublicken: Ein Jahr später meldete die Firma Insolvenz an. Und Stotz sollte als Geschäftsführer den Betrieb retten, der einst Maßstab in der Uhrenbranche war.

Stotz wurde vor 45 Jahren in Freiburg geboren. In seiner Jugend war er Radrennfahrer. "In diesem Sport erwirbt man eine gewisse Leidensfähigkeit", sagt er, und man kann sich gut vorstellen, wie seine kräftigen Backen unter dem Helm ausgesehen haben müssen, wenn ein Rennen in die entscheidende Runde ging. Doch Stotz war immer auch Realist: "Ich hatte nicht genug Talent, um es ganz nach vorn zu schaffen." Also machte er sein Abitur und ging anschließend auf die Uhrmacherschule. Als Gesellenstück baute er ein Tourbillon und damit gleich die schwierigste technische Spielerei, die man in eine mechanische Uhr einbauen kann, um deren Ganggenauigkeit zu erhöhen.

Und doch zweifelte Stotz daran, ob er für den Rest seines Lebens Uhren bauen wollte. Er fing an, Architektur zu studieren, und machte dieselbe Erfahrung wie beim Sport: Er würde es nicht ganz nach vorn schaffen. In diesem Moment der Ernüchterung wurde ihm klar, was seine wahre Leidenschaft war: die Uhrmacherei. Stotz besann sich auf das erlernte Handwerk und machte den Meister. Heute sagt er stolz: "Ich bin Uhrmacher in der vierten Generation."

Im Schwarzwald hat dieses Handwerk Tradition. Was als Heimarbeit der Bauern im Winter begonnen hatte, führte Erhard Junghans in eine neue Zeit. Er gründete 1861 in Schramberg eine Uhrenfabrik, die nach den modernsten amerikanischen Methoden arbeitete. Dort wurde im Takt der Industrie produziert, das selbst bestimmte Tempo der Zahnradschnitzer und Schildermaler war vorbei.

Im Jahr 1903 war Junghans die größte Uhrenfabrik der Welt. Sie beschäftigte 3.000 Arbeiter und Angestellte. Weil in dem engen Schwarzwälder Tal der Platz ausging, setzte der Architekt Philipp Jakob Manz einen sieben Stufen hohen Terrassenbau an den steilen Hang. Trotz der Berge ringsum hatte so praktisch jeder Uhrmacher Tageslicht an seinem Arbeitsplatz. Der Terrassenbau wurde zum Wahrzeichen einer Fabrik, deren Produkte auf dem Weltmarkt führend waren. Heute steht diese Ikone der Industriearchitektur unter Denkmalschutz.

Junghans setzte Meilensteine in der Geschichte der Zeitmessung. Für das eben erst erfundene Automobil entwickelte die Firma den Tachometer. Bald baute man in Schramberg auch Zünder für die Artillerie. So hatte das Unternehmen in den beiden Weltkriegen Hochkonjunktur. In den sechziger Jahren verteilte sich die Fabrik auf 104 Gebäude. Die elektronische Zeitmessung für die Olympischen Spiele in München 1972 kam von Junghans.

Die Marke soll werden, was sie mal war: Verlässlich und erschwinglich

Matthias Stotz trägt zwei Armbanduhren: eine mechanische Uhr am linken Handgelenk und eine schwarze Funkuhr am rechten Handgelenk. Letztere wird durch Solarzellen im Zifferblatt gespeist und erhält die Zeit auf Sekundenbruchteile genau von einem Funksender bei Frankfurt. An der Art und Weise, wie Stotz über diese Uhr spricht, merkt man, dass an ihr sein Herz nicht hängt. "Weiter weg kann eine Uhr nicht vom Uhrmacher sein: Er muss kein Werk korrigieren, keine Batterie wechseln und keinen Kratzer aus dem kratzfesten Keramikgehäuse polieren." 1990 hat Junghans diese Weltneuheit auf den Markt gebracht und wähnte sich mit dem Modell Mega 1 für die Zukunft gerüstet. Im Gefühl des technischen Triumphs übersah man, dass diese Uhr schon für einen Kunden in Madrid nicht taugte – weil dort das Zeitsignal aus Deutschland nicht ankam.

2000 wurde Junghans an den Lifestylekonzern Egana Goldpfeil verkauft. Der machte die Traditionsmarke erst zum Billigheimer, und als er merkte, dass diese Strategie nicht aufging, versuchte er das Gegenteil: Junghans ganz oben bei den teuren mechanischen Uhren neu zu platzieren. Doch dabei vergraulte er die Händler. Als Junghans 2008 Insolvenz anmeldete, beschäftigte die Firma nur noch 110 Mitarbeiter. Wenigstens deren Arbeitsplätze sollte Matthias Stotz retten.

"Für mich war das eine nationale Aufgabe", sagt Stotz nicht ohne Pathos. Er steht am Eingang des denkmalgeschützten Baus von 1917, neben der längst leer stehenden Pförtnerloge, und öffnet einen Türflügel aus schwerer Eiche, der zum hohen Treppenhaus mit dem Paternoster führt.