Wie weit muss die Nato gehen, um von einem plötzlich offen revisionistischen Russland – wieder – ernst genommen zu werden? Und womit würde sie zu weit gehen, so weit, dass die Propagandisten im Kreml eine Neuausrichtung des Bündnisses nach Osten als einen "faschistischen Vormarsch" ausschlachten könnten? Eigentlich, hatten Diplomaten gehofft, hätte der Nato-Gipfel diese Woche in Wales zum langweiligsten in der 65-jährigen Geschichte des Verteidigungsbündnisses werden können. Zwei Tage im Golf-Resort Celtic Manor, das Ende des Kampfeinsatzes in Afghanistan besiegeln, gründlich durchatmen. Daraus wird nichts.

Die 28 Staatschefs der Allianz müssen angesichts der russischen Aggression eine Zeitenwende einleiten – und zwar, was die Sache nicht leichter macht, in Millimeterarbeit: Die Nato, das macht im Moment jeden ihrer Züge so riskant, hat noch kein Gefühl entwickelt für die neue ethnische Ideologie des Kreml. Sie muss den "Noworossianismus" verstehen lernen, während sie zeitgleich auf ihn reagiert, politisch wie militärisch.

Vor allem die Bundesregierung fürchtet, dass die Hardliner um Putin (oder gar er selbst) nur auf eine Überreaktion warten. Denn jedes Auftrumpfen der Nato könnte Moskau als Generalrechtfertigung dienen, ethnische Russen überall in Osteuropa "beschützen" zu müssen – in den baltischen Staaten etwa, jenen ehemaligen Sowjetrepubliken, die der Nato erst 2004 beigetreten sind.

Die Osteuropäer beruhigen, ohne den Kreml zu provozieren – für dieses komplexe Ziel wurde im Brüsseler Nato-Hauptquartier in letzter Minute vor dem Gipfeltreffen ein ausgeklügelter Vorschlag ersonnen. Die Nato soll keine Truppen permanent nach Osten verlegen, also nicht mit der Nato-Russland-Grundakte von 1997 brechen, in der sie ebendies zugesagt hatte. Geschaffen werden sollen stattdessen Strukturen, um Truppen schnell nach Osten verlegen zu können. "Mit leichtem Gepäck reisen, aber notfalls hart zuschlagen können", fasst der Oberbefehlshaber der Nato, der US-General Philip Breedlove, die Vorlage für den Gipfel angemessen martialisch zusammen. Ein sogenannter readiness action plan , den die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vorab veröffentlichte, sieht demnach vor, in Polen, Rumänien, Lettland, Litauen und Estland neue multinationale Nato-Stützpunkte zu eröffnen, zum Teil in bestehenden Kasernen. Sie sollen mit je 300 bis 600 Soldaten aus wechselnden Nato-Ländern besetzt sein, Logistikern, Einsatzplanern, Aufklärern.

Als Kampftruppe in Marsch gesetzt werden könnte im Fall der Fälle die bereits bestehende Nato Response Force (NRF), eine 13.000 Mann starke Truppe, die rotierend aus verschiedenen Mitgliedstaaten bestückt wird. Um sie noch schneller verlegefähig zu machen – die Rede ist von wenigen Stunden –, soll eine etwa 5.000 Soldaten starke "Speerspitze" direkt dem Nato-Oberbefehlshaber unterstellt werden, der sie ohne weitere politische Konsultationen an einen Angriffsort befehlen könnte. Hinter alldem, so der scheidende Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen, stecke die Absicht, "jeden potenziellen Aggressor wissen zu lassen, dass er nicht bloß auf nationale Truppen stoßen wird, wenn er einen unserer Verbündeten angreift, sondern auf die Nato".

Was der Däne und der Amerikaner da anpreisen, gründet aus deutscher Sicht auf einer unangenehm scharfen Auslegung des Artikels 5 des Nato-Vertrages, der grundlegenden Beistandsklausel. Denn anders als landläufig angenommen, folgt aus dieser Vorschrift keineswegs automatisch eine Pflicht zum militärischen Eingreifen. Wörtlich heißt es in dem Artikel, dass jede Vertragspartei "die Maßnahmen, einschließlich der Anwendung von Waffengewalt, trifft, die sie für erforderlich erachtet, um die Sicherheit des nordatlantischen Gebiets wiederherzustellen und zu erhalten". Jede Regierung besitzt also Spielraum, wie sie reagieren möchte; die Spannbreite reicht theoretisch vom tröstenden Telefonanruf bis zum Atomwaffeneinsatz.

Nicht alle Kabinettsmitglieder stimmen deshalb Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen zu, die in der ZEIT gewarnt hatte, die Nato sei "tot", falls sie den Baltenstaaten im Falle eines Angriffs nicht militärisch beistehe. Die Kanzlerin verspricht zwar, Deutschland werde "seinen Beitrag leisten, um das verständliche und berechtigte Schutzbedürfnis der Bevölkerung in den baltischen Staaten zu erfüllen". Aber einen regelrechten Stolperdraht entlang der Nato-Russland-Grenze zu ziehen, der die Diplomatie ausschalten und sofortige Panzerbewegungen auslösen würde, das dürfte ihr zu weit gehen. Denn: Ab wann wäre ein Einsickern von "grünen Männchen", von Uniformierten ohne Hoheitsabzeichen wie auf der Krim und jetzt wieder in der Ostukraine, ein bewaffneter Angriff im Sinne des Artikels 5? Bei der Beschreibung der Lage in der Ostukraine zögert die Bundesregierung noch immer, spricht vorsichtig von einer "Intervention". Andere Nato-Regierungen sind da drastischer. Sie reden seit Wochen von "Krieg".