Der Sommer 1816 fiel einfach aus. So mies war das Wetter. Kälte, Regen, und wenn es einmal nicht vom Himmel schüttete, schneite es. Ende Juli lag Süddeutschland unter einer weißen Decke. Aus Getreide wurde brauner Matsch, eine Hungersnot breitete sich aus. Es gibt Berichte von geplünderten Bäckereien und Höfen. Viele wanderten aus.

Das Elendsjahr ging als "Achtzehnhundertunderfroren" in die Geschichte ein. Es war eine einzige Katastrophe. Was war passiert? Wilde Gerüchte kursierten. Eine auffällige Spur waren lediglich die glutroten Sonnenuntergänge, die Caspar David Friedrich und William Turner in ihren Gemälden festhielten. Heute weiß man: Das "Jahr ohne Sommer" war Folge einer der größten Vulkanexplosionen in der Menschheitsgeschichte. Der Tambora auf Sumbawa in Indonesien hatte sich ein Jahr zuvor selbst geköpft.

Von wegen friedlicher Planet! Es vergeht keine Woche, ohne dass die Erde ihre Bewohner tyrannisiert. Sie speit Feuer, schüttelt den Boden, flutet Landstriche, entfacht Wirbelstürme. Hier zu leben ist lebensgefährlich. Die Geschichte der Menschheit lässt sich als Geschichte der Katastrophen beschreiben. Die Natur fordert die Kultur unablässig heraus. Was macht diese Machtprobe mit uns? Ist sie zu gewinnen?

Auf der Suche nach Antworten wird man in Mannheim fündig. Die Reiss-Engelhorn-Museen zeigen die größten Naturkatastrophen der Menschheitsgeschichte. Sie sind in der Ausstellung nach auslösenden Faktoren gegliedert, in Anlehnung an Aristoteles’ Vier-Elemente-Lehre: Feuer (Vulkane), Erde (Beben), Wasser und Luft (Flut, Sturm) – hinzu kommt der Faktor Mensch (Klimawandel). Es ist eine Reise durch die Zeit. Und es ist eine Reise um die Welt. Von Atlantis bis heute. Mensch. Natur. Katastrophe heißt die Ausstellung, die mehr ist als ein begehbares Lehrbuch; sie erzählt vor allem etwas über uns selbst.

Da ist etwa unsere beständige Suche nach Ursachen, die Neugier. Es darf nicht einfach etwas geschehen, wir müssen wissen, warum. Die Naturforscher vor zwei Jahrhunderten fanden allerlei Erklärungen für die Sommerkälte in Europa. Mancher nahm an, die Abholzung der Wälder habe Wärme entweichen lassen, andere sahen den Auslöser in den zahlreichen Erdbeben der vorangegangenen Jahre. In den Fokus gerieten auch die in vielen Augen dubiosen Blitzableiter. Hatten sie das Innere der Erde so stark erhitzt, dass nun der natürliche Wärmefluss gestört war?

Trotz des Siegeszugs der Aufklärung hielten sich auch die Erklärungsversuche der Kirche hartnäckig. Diese deutete die historische Kälte von 1816 als Strafe Gottes für sündhaftes Verhalten. Ihre Deutungshoheit habe die Kirche oft zum eigenen Vorteil genutzt und zur Aufrechterhaltung der moralischen Ordnung, sagt der Ethnologe Werner Krauß vom Helmholtz-Zentrum in Geesthacht: "Katastrophen schaffen ein Machtvakuum, und sie traumatisieren die Menschen." Diese Konstellation mache die gewaltigen Verheerungen so geeignet für jedweden ideologischen Missbrauch.

Auf Sumbawa füllte man das entstandene Machtvakuum, indem man zunächst Berggeister für den Vulkanausbruch verantwortlich machte. Kurze Zeit später verdrängte der Islam diese mythischen Erklärungen: Die Herrscher des Fürstentums Tambora konnten sich nur den Zorn Gottes zugezogen haben.

Den wissenschaftlich korrekten Zusammenhang zwischen Vulkanausbruch, Trübung der Atmosphäre und Kälteperiode stellte keiner her. Dafür war die Welt noch nicht ausreichend vernetzt. Dass eine Eruption die Hauptursache für Wetteranomalien sein kann, dräute den Menschen erst beim gewaltigen Ausbruch des Krakatau in Indonesien 1883. Erneut verfärbte sich die Sonne. Und dank des Telegrafen wusste die eine Seite der Welt nun, was auf der anderen Seite los war. Der Vulkanausbruch wurde zum ersten weltweiten Medienereignis. Endgültig bewiesen wurde die kühlende Wirkung von Schwefelsäure in der Atmosphäre aber erst mit dem Ausbruch des Pinatubo auf den Philippinen vor 23 Jahren.