Das Taxi setzt uns in einem kleinen Badedorf in Menorca ab. Die Sonne blitzt in den Wellen des Meeres, und die roten Bougainvilleen ergießen sich über die weißen Mauern. Rolando Villazón öffnet mit der einen Hand die Gartenpforte zu seinem Sommerhaus, mit der anderen hält er den hechelnden Mops am Halsband fest.

Rolando Villazón, 1972 in Mexiko geboren, ist nicht nur der zurzeit berühmteste Tenor der Welt, er ist – als müsste er sein Temperament in tausend Formen zur Erscheinung bringen – auch Regisseur, Fernsehmoderator, Cartoonist und immer wieder mit besonderer Hingabe: Clown. Als wäre das nicht genug, hat er jetzt auch noch einen Roman geschrieben. Da denkt man natürlich sofort: Muss das sein? Ein Tenor, der sich berufen fühlt, unter die Literaten zu gehen – Umberto Eco käme ja auch nicht auf die Idee, öffentlich Verdi-Arien zu singen, nur weil ihm das Herz voll ist.

Villazóns Roman heißt Kunststücke. Wenn man darin liest, merkt man sehr schnell: Es ist ein sehr ernsthaftes Stück Literatur. Dass dieser Tenor, der sonst mit Anna Netrebko schmachtende Liebesduette in Salzburg singt, sich traut, einen Roman zu schreiben, hat jedenfalls nichts damit zu tun, dass er die Sache der Literatur auf die leichte Schulter nähme. Eher im Gegenteil: Man hat schon lange keinen Roman mehr gelesen, der sich so vor der Literaturgeschichte verbeugt. Dieser höchst anspruchsvoll konstruierte Roman scheint seine Existenz geradezu der grenzenlosen Bewunderung seines Verfassers für die Großen der Literaturmoderne zu verdanken – von Italo Calvino über Cortázar bis Borges. Und für einen deutschen Leser, der in den letzten zwei Jahrzehnten eingebläut bekam, die Anrufung des Kanons als bildungshuberisches Namedropping zu verwerfen, ist die begeisterte Glut, mit der hier die Namen der berühmtesten Philosophen von Sokrates bis Wittgenstein aufstrahlen, erst einmal gewöhnungsbedürftig.

Dass Villazón nicht ins Rollenfach des dummen Tenors passt, das konnte man immer schon wissen. Man hat es allenfalls manchmal auch wieder vergessen, wenn man ihn ein ums andere Mal sah, wie er auf der Couch von Wetten, dass..? saß und die dämlichsten Fragen mit so unerschütterlich guter Laune beantwortete, als könnte ihn wirklich gar nichts zur Verzweiflung bringen.

Jetzt sitzen wir auf seiner Terrasse unter einem Sonnendach, Villazón hat eine Schale mit unverschämt fleischigen schwarzen Oliven hingestellt. Er sei ein Leser, sagt er, ein Buch pro Woche, das sei sein Lektüreminimum. Und Villazón, der alles, was er sagt, theatralisch ausagiert, springt auf und führt dem Gast seine peripatetische Art der Lektüre vor: Seine Hände imitieren ein aufgeschlagenes Buch, in dem er mit grübelnder Stirn liest, während er das Quadrat der Terrasse ausschreitet. Es sieht aus, als könnte jeden Moment Aristoteles hinzutreten und ihn nach der Ordnung des Kosmos fragen.

Nachdem er sich wieder gesetzt hat, sagt er offenherzig: "Wenn ich den Roman einer Sopranistin in den Händen hielte, würde ich ihn wahrscheinlich auch nicht lesen." Ihm ist klar, dass sein Rollenwechsel zu Spott einlädt. Als er das Manuskript an die Agentur, die ihn jetzt vertritt, schickte, hatte er nur mit "R. Villazón" unterschrieben. In ihrer Antwort fragte die Agentin: "Sind Sie verwandt mit dem Tenor?" Villazón, der stets zwischen mindestens fünf Sprachen hin- und herspringt: "Da habe ich eine funny E-Mail zurückgeschrieben: ›Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, denke ich manchmal: Vielleicht bin ich wirklich der Tenor Rolando Villazón!‹" Seine Agentin erklärte dann mit Bestimmtheit: Sie verlege keine Bücher von Celebritys, sondern von richtigen Schriftstellern. Ob es ihm ernst sei? Ja, sagte Villazón, er schreibe schon am nächsten Roman, er wolle ein Schriftsteller werden.

Wer man wirklich ist, das ist eine der Fragen, um die Kunststücke kreist. Und wie man sich selbst erfindet, wie das Leben die Kunst braucht, um ein Ich zu gestalten. Einmal sagt die Hauptfigur, der Clown Macolieta, der zwischen metaphysischen Grübeleien und ekstatischen Lebensumarmungen schwankt: "Wir lesen nicht, um zu lernen; wir lesen, um zu fühlen, zu zweifeln und die Turbulenzen nicht zu verpassen, die unser Leben in Bewegung halten." Die größte Kunst, Drahtseilakt und Clownerie zugleich, ist es, das Leben in Bewegung zu halten.

Kunststücke ist das Gegenteil eines Celebrity-Buchs. Doch trotz seiner postmodernen Konstruktion schimmert durch die Fiktionen immer wieder der Tenor Rolando Villazón hindurch, zwar auf eine vexierspiegelhafte Weise, aber eben doch. Sagen wir es so: Es gibt Rolando Villazón, den weltberühmten Tenor. Es gibt Rolando Villazón, den Tenor, der zu Charity-Zwecken gerne mal als Clown auftritt. Es gibt Rolando Villazón, der einen Roman schreibt. Es gibt den Erzähler dieses Romans, Macolieta, Vertreter einer existenzialistischen Boheme, der einst (Ersteres wie der echte Villazón!) Priester werden wollte, sich dann aber in eine exzessive Sexaffäre stürzte und sich nun sein Geld als Clown auf Kindergeburtstagen verdient. Macolieta leidet unter Rückenschmerzen, und er hat ein blaues Notizbuch, in das er die Geschichte des weltberühmten Clowns Balancín schreibt, der seinerseits einen Bandscheibenvorfall hat, über die Fragwürdigkeit des Ruhms sinniert und irgendwann zu einem blauen Notizbuch greift, in das er die Geschichte des erfolglosen Clowns Macolieta schreibt. Man sieht: Ein perfektes, unendliches Spiegelkabinett, wie es sich für einen Borges-Verehrer gehört.