Es wird eine Krisensitzung. Wenn die Chefs der deutschen Rüstungsproduzenten am Freitag zum "Branchendialog" ins Wirtschaftsministerium kommen, fürchten sie insgeheim, dass dort ein verkappter Pazifist eingezogen ist. Einer, der ihnen die lukrativen Exportmärkte verbieten und damit einen Teil ihrer geschäftlichen Existenzgrundlage rauben will. Und das ausgerechnet in dem Moment, in dem seine Regierung höchstselbst Waffen in den Irak liefert. Ein Mann, der aus der Zeit gefallen ist.

Was sie noch nicht wissen: Sigmar Gabriel hat viel mehr vor. Er will die Rüstungsindustrie neu ordnen, zweifelhafte Auslandsgeschäfte unmöglich machen. Zugleich aber soll ein wettbewerbsfähiger Kern vom Geschäft mit der Bundeswehr, den Verbündeten und krisenfreien Regionen leben können.

Dafür plant der Minister nach Informationen der ZEIT eine Reihe von Maßnahmen: Erstens sollen Behörden künftig im Ausland kontrollieren, wo die Waffen wirklich landen. Zweitens wird er ein Programm zur "Diversifizierung der Rüstungsindustrie" auflegen, in das aus anderen Töpfen des Hauses zunächst 10 bis 15 Millionen Euro fließen werden, das soll bei der Umrüstung auf zivile Produkte helfen. Und drittens drängt er auf eine Konsolidierung der Branche, wirbt persönlich bei den beiden Panzerbauern Krauss-Maffei Wegmann (KMW) und Rheinmetall für eine Fusion. Dabei setzt er auf Druck und Verlockung: Sein Haus kann Türen öffnen. Aber auch Exporte strenger beurteilen.

Der Sozialdemokrat kündigte so ein stilles Übereinkommen, das die schwarz-gelbe Regierung einst mit der Branche getroffen hatte. Die hatte die Anträge deutscher Waffenschmieden äußerst großzügig geprüft. Sie erlaubte Exporte in höchst zweifelhafte Abnehmerstaaten wie Katar oder Saudi-Arabien und interessierte sich wenig dafür, wo die Waffen tatsächlich landeten. Zugleich setzte sie darauf, dass das am Ende auch der Bundeswehr zugute kam – weil die Aufträge der Auslandskunden die heimischen Produktionskosten reduzieren und so auch die Bundeswehr günstiger einkaufen konnte.

Doch stimmt das? Ist der wachsende Export von Kleinwaffen in alle Welt wirklich nötig, damit die Bundeswehr das Land kostengünstig verteidigen kann? Muss die Bundesregierung Panzerverkäufe nach Katar erlauben, damit Rheinmetall überlebt? Braucht Deutschland die Rüstungsindustrie, die es hat?

"Waffenausfuhren auf die arabische Halbinsel können nicht die Zukunft der deutschen Wehrtechnik sein", sagt Hans-Peter Bartels, Vorsitzender des Verteidigungsausschusses. "Sie muss von Exporten an demokratische Staaten leben können." Doch deren Rüstungsetats stagnieren oder schrumpfen seit Jahren, selbst wenn jetzt wieder Kriege aufflammen, wird sich das nicht radikal ändern. Kein Land wird seinen Militäretat auf absehbare Zeit wieder so vergrößern wie zu Zeiten des Kalten Krieges. Für Bartels führt deswegen kein Weg an einer weiteren "Konsolidierung" vorbei, doch die solle die Politik unterstützen. Ähnlich wie in der Luftfahrt, wo Airbus ein Weltmarktführer sei, wünscht sich Bartels größere Unternehmen, "die weniger anfällig sind, wenn Exporte aus guten Gründen nicht genehmigungsfähig sind".

Beliebt machen sich Politiker mit solchen Ideen in der Branche nicht. Das zeigt sich dieser Tage bei KMW und Rheinmetall. Gemeinsam stellen die beiden den Kampfpanzer Leopard 2 her, den mehr als 20 Staaten für ihre Armeen angeschafft haben, zuletzt Katar. Sie produzieren zusammen den Radpanzer Boxer und den Schützenpanzer Puma sowie ein Artilleriegeschütz, die Panzerhaubitze 2000. Trotzdem reichen die Aufträge von Bundeswehr und Nato-Partnern kaum für beide. Doch eine Fusion lehnen vor allem die Eigentümer von KMW ab. Bisher haben das auch die Anrufe von Sigmar Gabriel nicht ändern können.

Die Gesellschafter von KMW sähen ihr Unternehmen lieber mit dem französischen Panzerbauer Nexter fusioniert. "Es gibt zwischen KMW-Eignern und Rheinmetall alte Animositäten. Vor allem die Familie Bode hat eine Fusion immer abgelehnt", sagt Burkhard Braunbehrens, der bis zu diesem Jahr zu den Gesellschaftern gehörte und zeitweilig im Aufsichtsrat saß. Möglicherweise geht es bei den Fusionsplänen mit Nexter aber auch darum, die großzügigeren französischen Exportbestimmungen nutzen zu können. Und genau das demonstriert das politische Problem: Die Branche will sich nicht einfach so schrumpfen lassen.

Schon jetzt wehren sich die Rüstungslobbyisten: Sie warnen vor dem Verlust von Arbeitsplätzen – und scheuen sich nicht, die Zahlen großzügig nach oben zu drücken. Von 200.000 direkt und indirekt Beschäftigen reden sie gern. Dabei nennen seriöse Untersuchungen wie die der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) höchstens 20.000 im Kernbereich Rüstung.