DIE ZEIT: Herr Biedenkopf, wie bedrohlich ist der Wahlerfolg der AfD bei der Landtagswahl? SPD-Chef Sigmar Gabriel nennt sie "deutschnational", der einstige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler findet sie "rückwärtsgewandt".

Kurt Biedenkopf: Die Bewertung teile ich nicht. Mein Eindruck ist eher: Es geht den Deutschen so gut, dass sie bereits bei einer geringfügigen Veränderung des Status quo Krisengefühle entwickeln und dafür Ventile suchen. Die große Mehrheit erlebt die Gegenwart als eine Zeit großen Wohlstandes und großer Stabilität. Das weckt in manchen das Gefühl, man könne mit der Demokratie ein wenig spielen und Neues ausprobieren.

ZEIT: Sie glauben, dass die AfD sich nicht auf Dauer etabliert?

Biedenkopf: Das ist offen. Bisher ist die AfD eine politische Gruppierung auf dem Wege zu einer Partei, mehr noch nicht. Schon deshalb kommt sie für die CDU nicht als Koalitionspartner infrage. Sie ist noch zu heterogen und kann deshalb als Partner keine politische Stabilität gewährleisten. Man wäre nie sicher, wie ihre Abgeordneten in kritischen Fällen abstimmen. In Sachsen wurde die AfD bisher durch den Wahlkampf zusammengehalten. Ich vermute jedoch, dass sie unter den Bedingungen politischer Verantwortung auseinanderfallen könnte. Proben dafür hat sie bereits geliefert.

ZEIT: Sind denn Koalitionen mit der AfD nur aus praktischen oder auch aus inhaltlichen Gründen falsch?

Biedenkopf: Mir fällt am Programm der AfD zur Europawahl auf, dass an keiner Stelle die wirtschaftlichen und finanziellen Folgen der geforderten Veränderungen der Euro-Zone benannt werden. Die notwendige Aufklärung fehlt. Das ist unpolitisch. Würden Spanien, Portugal oder Italien aus der Euro-Zone ausscheiden und ihre Währungen abwerten, wie es die AfD verlangt, wären die Folgen für Deutschland dramatisch. Die südeuropäischen Länder könnten ihre Produkte weit billiger exportieren als heute und damit deutsche Produkte verdrängen. Massive Arbeitslosigkeit in Deutschland wäre die Folge. Niemand hierzulande kann das wollen.

ZEIT: In Sachsen fiel die AfD zuletzt auf mit Themen wie Ausländerkriminalität, Volksabstimmungen über den Bau von Minaretten und dem Werben für Drei-Kinder-Familien – sie hat damit auch viele Wähler der Union angesprochen. Was sagt das über Ihre Partei?

Biedenkopf: In Sachsen hat die AfD erfolgreich versucht, mit ihrem Themenallerlei ein politisches Vakuum zu füllen, das entstanden ist, weil sich Union und SPD zu ähnlich geworden sind und die politische Mitte besetzen. Vom Euro war nicht die Rede. Das Vakuum zu nutzen war bereits das Ziel der Piraten. Die waren bisher nicht erfolgreich.

ZEIT: Ist die CDU zu links?

Biedenkopf: Es geht nicht um links oder rechts. Was fehlt, ist eine ernst zu nehmende politische Kraft, die sich mit den beiden großen Parteien und ihrer Politik auseinandersetzt. Die Superkoalition in Berlin hat die Gewaltenteilung praktisch außer Kraft gesetzt. Regierung und Parlament sind zu nahe beieinander. Zwischen Angela Merkel und Sigmar Gabriel hat sich eine Arbeitsteilung etabliert. Die Kanzlerin ist für die Außen- und Europapolitik zuständig, der Vizekanzler für die Wirtschafts- und Energiepolitik, also für die schwierigsten innenpolitischen Themen. Erst haben viele diese Arbeitsteilung kritisiert. Tatsächlich war diese Aufteilung ein genialer Schachzug der Kanzlerin.