Steven Sotloff ist tot. Sind die Vereinigten Staaten schuld? Seiner Ermordung ging eine Warnung voraus, und diese Warnung des "Islamischen Staates" an die US-Regierung war unmissverständlich: Wir schicken euch ein Video von der Enthauptung des amerikanischen Journalisten James Foley. Wir enthaupten ihn, weil ihr unsere Frontlinien im Irak bombardiert. Wenn ihr nicht sofort die Bombardements einstellt, töten wir einen weiteren US-Bürger, den Journalisten Sotloff. Hätte Amerika auf die Forderung eingehen sollen, damit Steven Sotloff überlebt?

Wahr ist: Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob Steven Sotloff tot ist. Wir wissen nicht einmal, ob James Foley tot ist oder ob beide Videos gefälscht wurden. Doch zweifellos führen sie etwas Barbarisches als machbar und wünschenswert vor. Am wahrscheinlichsten ist, dass diese Hinrichtungsfilme inszeniert und manipuliert wurden – so wirken sie jedenfalls mit ihren linkischen Messerattacken auf die Opfer und den theatralisch eingeblendeten blutigen Köpfen – und dass die Journalisten trotzdem tot sind. Washington jedenfalls nahm die beiden Fälle ernst genug, um Regierungserklärungen abzugeben. Am Dienstagabend sagte die Außenamtssprecherin, die Geheimdienste prüften "mit Hochdruck" das neueste Video – und dann kondolierte sie der Familie Sotloff.

Man muss sich die angebliche Tötung nicht im Video ansehen. Aber man muss sich die Todesart vorstellen. Nach allem, was der IS in den letzten Wochen im Irak angerichtet hat (von der Vertreibung Zehntausender "Ungläubiger" bis zur massenhaften Ermordung Gefangener), ist klar: Falls die beiden Amerikaner enthauptet wurden, dann wurden sie gründlich gequält. Sind die Vereinigten Staaten schuld? Natürlich sind sie schuld, weil sie nach dem Tod Foleys weiter IS-Stellungen bombardierten. Sie wären aber auch schuld, hätten sie das Gegenteil getan. Das ist ein Konflikt wie in der griechischen Tragödie: Egal, was du tust, es gibt vor der Schuld kein Entrinnen. Mit den Bomben halfen die Amerikaner den kurdischen Peschmerga im Nordirak, die seit über einem Monat die Einzigen sind, die Hunderttausende vertriebener Christen, Jesiden und Muslime schützen. Konnte Amerika die Sicherheit dieser Menschen nun wieder preisgeben? Erst letzte Woche hatte die Terrormiliz einen syrischen Flughafen erobert und war bis 30 Kilometer vor die Millionenstadt Erbil vorgerückt, wohin die meisten Flüchtlinge entkommen waren.

Was ist ein Menschenleben wert? So viel wie zwei oder zehn oder zehntausend Leben. Denn der Wert eines Lebens bemisst sich nicht nach der Zahl der Köpfe. So sehen wir das zumindest in den freiheitlichen Gesellschaften. Das Kalifat dagegen sieht es anders. Im vormundschaftlichen Folterstaat gilt ein Mensch nur dann etwas, wenn er sich bedingungslos unterwirft.

Deshalb stellt sich die Schuldfrage doch anders als in der Tragödie. Denn die tragische Situation wird im Irak nicht von Göttern schicksalhaft verhängt, sondern von Terroristen gemacht. Sie wollen töten. Also sind sie schuld an den Toten. Sie stellen sich außerhalb der Moral, deshalb darf man sich von ihnen nicht zu einer moralischen Entscheidung zwingen lassen. Sonst siegt die Logik der Gewalt: Der Nihilist tötet, doch beschuldigt andere. Wer diesem Nihilismus nachgibt, wird immer der Unterlegene sein. Steven Sotloff ist vermutlich tot. Die Vereinigten Staaten sind nicht schuld. Aber sie werden sich schuldig fühlen. Das ist das wahre Dilemma.