Im Tiefengedächtnis der Menschheit hat die Wüste einen unverrückbaren Platz. Sie steht für archaische Not, für das nackte, schutzlose Leben, für den Naturzustand. Die Wüste hat kein Interesse am Menschen, sie braucht ihn nicht, und deshalb musste der Mensch der Wüste entkommen. In der Wüste beginnt der Aufbruch in die Zivilisation. Der Nahe Osten, sagt man, das Land zwischen Euphrat und Tigris, sei die "Wiege der Kultur".

Zehntausende von Frauen, Männern und Kindern fliehen im Nordirak vor ihren Mördern in die Wüste, wer es nicht schafft, wird erschossen oder versklavt. Auf den Fotos sieht man schemenhafte Gestalten, panische Körper, auf einem T-Shirt steht "Fabregas", das ist der Name eines Fußballstars. Gejagt werden sie von Todesschwadronen, die über ihre Smartphones mit der ganzen Welt vernetzt sind. Töten als archaische real-life action im Wüstensand: Das ist die Hochzivilisation im Jahre 2014 – die aufgeklärte Weltgesellschaft, die ruhmreiche Moderne.

Was ist das, wenn sunnitische Killerbrigaden wahllos morden und Köpfe abschlagen? Ist es die Wiederkehr des Bösen? Oder die teuflische Menschennatur? Ist es eine Invasion von Barbaren?

Solche Erklärungen sind nicht falsch, doch Berichte über die Grausamkeit des Menschenwesens sind so alt wie dieses selbst. Die Söldner des "Islamischen Staates" kommen aus aller Welt, vor allem aus den arabischen Staaten, es sind alte Strenggläubige, neue Fanatiker und Schnellbekehrte, darunter viele, die vom War on Terror erst radikalisiert wurden. Ein kleine Gruppe stammt aus dem europäischen Kernland, aus England, Belgien, Frankreich und Deutschland. Diese Dschihadisten sind Kinder der modernen Gesellschaft, von Beruf vielleicht Pizzabäcker, Gemüsehändler oder Auslieferungsfahrer. Auch zwanzig ehemalige Bundeswehrsoldaten sind mit dabei. Alle zusammen bilden die größte Freiwilligenarmee der Welt, die gefährlichste Gegenkultur zur globalisierten Moderne, die es gibt. Präsident Bush wollte mit shock and awe die amerikanische Vorherrschaft im Nahen Osten sichern. Jetzt ist der Irak nur noch eine kartografische Fiktion, und der Dschihad verbreitet Furcht und Schrecken. Er will die Herrschaft über die Region – ein islamisches Reich, ein Kalifat.

Andere Bilder lagern sich an, auch sie sind Allegorien der Wüste. Boko Haram, die Terrormiliz aus Nigeria, verbreitet ebenfalls einen Islamismus des Schreckens und mordet für ein Kalifat, für ein Reich ohne Alphabetisierung, ohne Bücher – ohne das "Gift" einer gottlosen westlichen Kultur, die Afrika ins Unheil gestürzt habe. Und dann die Bilder aus der Ostukraine. Für Wladimir Putin ist die unipolare Herrschaft Amerikas vorbei, und jetzt wittert er die Gelegenheit, in der neuen multipolaren Welt seinen eigenen Machtbereich zu erweitern. Putin will kein Kalifat, er will ein eurasisches Reich, das sich der Einflussmacht des Westens widersetzt und wie ein Baldachin die kapitalistische russische Wolfsgesellschaft überwölbt.

Zeithistoriker werden nun zu Bedenken geben, solche Erschütterungen seien nicht neu, und in den Kriegen und Bürgerkriegen nach 1989 seien mehr Menschen gestorben als heute. Das stimmt, man denke nur an das Blutvergießen in Jugoslawien oder an den Gewaltexzess in Ruanda. Und doch gibt es einen Unterschied. In den neunziger Jahren hätte man sich mit der Auskunft beruhigt, es handele sich bloß um Übergangskrisen, um den Schmerz des Neuen und die Geburtswehen der Zukunft. So schrecklich das Blutvergießen auch war, so spürte die Weltgeschichte doch einen metaphysischen Rückenwind und schien auf jenen Zustand zuzusteuern, den George Bush der Ältere versprochen hatte: eine globale Ordnung von Recht und Freiheit. Von Gerechtigkeit war eher weniger die Rede.

Von diesem metaphysischen Rückenwind ist nichts mehr zu spüren. Es herrschen Aufruhr und Destabilisierung, Kriegsangst geht um. Während man damals glaubte, blutige Konflikte gehörten der Vergangenheit an, so glaubt man das heute nicht mehr. Putin, dem George W. Bush vormachte, wie man die Axt ans Völkerrecht legt, hat die europäische Friedensphase beendet. Ein Vierteljahrhundert nach dem Untergang der Sowjetunion führt er einen offen verdeckten Angriffskrieg gegen einen souveränen Staat. Seine Panzer überrollen den kosmopolitischen Traum, die legitime Sehnsucht nach einer kooperativen Weltgesellschaft, in der imperiale Akte der Vergangenheit angehören. In diesem Traum war die Wiederkehr militärischer Souveränität nicht vorgesehen, ebenso wenig ein – seit der Nato-Osterweiterung – von Einkreisungsfantasien getriebener Politiker.

Ohnehin war es ein Irrtum, zu glauben, nach dem Fall der Mauer entstehe der raumlose Raum einer one world, und zwischen Vancouver und Wladiwostok würden die Fähnchen der marktkonformen Demokratie lustig im Winde flattern. Schon die Globalisierung selbst war eine Spalterin, was jene Länder gern vergessen, die von ihr profitiert haben und denen es besser geht als jemals zuvor. Die Globalisierung ist eine gewaltige Umwälzungsmaschine, eine permanente Revolution, die alles Hergebrachte erschüttert und eine elementare Unsicherheit in die Gesellschaften getragen hat.