Jagd in der Hamburger U-Bahn: Grigori Dobrygin (r.) als Terrorverdächtiger und Rachel McAdams als Anwältin © dpa

In einem Roman, hat John le Carré einmal gesagt, seien Orte stets auch Charaktere. Ganz gewiss gilt das für Hamburg, so wie es der Meister des Agententhrillers in seinem 2008 erschienenen Buch A Most Wanted Man (auf Deutsch: Marionetten) beschreibt. Hamburg, die "schuldige" Stadt, in der die 9/11-Verschwörer unerkannt leben und planen konnten; ein zweites Ground Zero, wie es im Buch heißt. Aber auch: Hamburg als Zufluchts- und Verbannungsort zugleich für den Protagonisten des Buches, den aufrechten, aber gebrochenen deutschen Nachrichtendienstler Günther Bachmann (im Film dargestellt von Philip Seymour Hoffman).

Bachmann ist dieser Stadt so ähnlich, dass beide sich ineinander spiegeln: "Wir sind ein Seefahrervolk, wir sind ein weltoffener, linksliberaler, quicklebendiger Stadtstaat. (...) Unsere Ausländer sind keine Fremden für uns. (...) Im Lauf der Jahrhunderte haben Millionen von Mohammed Attas unser Bier getrunken, unsere Nutten gevögelt und sind zurückgekehrt auf ihre Schiffe." So spricht Bachmann im Buch zu seinen Mitarbeitern. Und ergänzt: "Wir sind besser als Deutschland." So wie Bachmann der bessere Agent ist: besser als die amerikahörigen Sesselpupser in Berlin, die vielleicht nicht so viel saufen wie Bachmann, aber dafür keine Ahnung haben vom Leben und Sterben, vom Oben und vom Unten, vom Licht und vom Schatten, von den echten Dingen also, die in Hamburg so viel dichter beieinanderzuliegen scheinen als anderswo und manchmal auch ineinanderfließen.

In dieser Woche läuft die Verfilmung von A Most Wanted Man an. Und der Regisseur Anton Corbijn führt darin diese Linien fort: Er zeigt ein Hamburg, in dem die Moschee gegenüber dem Sexshop liegt und das Nebeneinander von Kiez und feinster Privatbank, von der Lobby des Atlantic und den rostigen Containern im Hafen bewusst ausgestellt wird. Hamburg ist vielleicht kompliziert, aber dafür echt, sagt der Film. Berlin dagegen ist eindimensional, grau, langweilig – und falsch.

Hamburg als Star einer Hollywoodverfilmung: Das sieht gut aus. Womöglich ist es an der einen oder anderen Stelle zu pointiert geraten. Eine türkische Familie versteckt den tschetschenischen Terrorverdächtigen Issa (Grigoriy Dobrygin), und vor dem Haus der Familie Oktay liegen stets Müllsäcke auf der Straße, steht Sperrmüll herum – na ja. Der Privatbanker Tommy Brue (Willem Dafoe), der das Vermögen des Tschetschenen verwaltet, führt eine unglückliche Ehe – und nie hat man eine kälter ausgeleuchtete, kühler eingerichtete Architektenvilla am Elbufer gesehen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der aktuellen ZEIT. Sie finden die Hamburg-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Aber geschenkt. Denn es gibt kleine Geniestreiche, die das aufwiegen und für die Hamburg eine äußerst dankbare Leinwand ist. Als die CIA-Agentin Martha (Robin Wright) sich mit Bachmann trifft, lässt sie ihn in eine geradezu unwirklich wirkende Sky-Bar hoch über dem Hafen kommen: Das ist die 30.000-Fuß-Perspektive einer amerikanischen Killerdrohne. Als Bachmann sie einlädt, landen sie in einer dunklen Spelunke, in der Bachmann zwischendurch jemanden verprügelt. "Ich bin ein Höhlenbewohner", sagt der Agent, der übrigens einen alten Mercedes fährt, keinen neuen wie die Berliner Wichtigtuer.

Hamburg ist rough, Hamburg ist kantig. Hamburg leidet, und jetzt wird es politisch, an seinem Versagen, die 9/11-Terroristen nicht entdeckt zu haben. Aber die Stadt steht trotzdem für den besseren Weg, wie sich Terroranschläge verhindern lassen. Weil Hamburg den genaueren Blick auf das Fremde hat, das es doch so gut kennt. Bachmann, der eine Antiterroreinheit leitet, die "nur wenige kennen und noch weniger mögen", will Issa, den Terrorverdächtigen, nicht verhaften. Er will ihn nutzen, um an die Hintermänner des Terrors heranzukommen. Doch die Amerikaner und ihre Berliner Lakaien durchkreuzen das, mit dramatischen Folgen.

Der Verdacht wird zum Urteil, so lautet der Kommentar John le Carrés zur Antiterrorpolitik nach 9/11. Und das Gegensatzpaar Hamburg und Berlin dient ihm zur Illustration einer Sorge, die ihn umtrieb, als er A Most Wanted Man schrieb: dass die USA und die Briten mit Irakkrieg, Guantánamo, illegalen Entführungen und Abu Ghraib schon auf die dunkle Seite gewechselt waren; die Deutschen aber noch nicht. Bachmann und Hamburg stehen für die Widerstandskräfte, Berlin und sein Establishment für gedankenlose Unterordnung.

Ist das ein Kompliment für Hamburg? Man könnte versucht sein, es so zu verstehen. John le Carré hat hier einst gelebt und gearbeitet, er kennt Hamburg gut; wir dürfen voraussetzen, dass er die Stadt mag. Sicher auch ihre Weltläufigkeit und Vielfalt.