Wäre Hamburg ein halbwegs normales Bundesland, dann könnte man hier gerade einem politischen Umbruch zusehen. Rechts von der CDU entsteht eine neue Partei, die Alternative für Deutschland. Nach ihrem Triumph in Sachsen, vor absehbaren Erfolgen in Thüringen und Brandenburg am kommenden Wochenende und angesichts guter bundesweiter Umfragewerte wäre es eher überraschend, wenn sie im Februar nicht in die Bürgerschaft einzöge.

Ein politischer Umbruch? Ach was, in Hamburg sind neue Parteien ein altes Phänomen. Was jenseits der Landesgrenzen schon als Partei durchgeht, bloß weil es Vorstände, Programme und irgendwann auch Abgeordnete gibt, das ist hier eher ein Zustand als eine Organisation: eine Momentaufnahme eines unruhigen Bürgertums, das kurzlebige Parteien gründet und wieder zerstört, wie anderswo Trendsportarten auftauchen, untergehen und in Vergessenheit geraten.

Nirgendwo im Westen sind die Parteibindungen so lose, die Mehrheiten so flüchtig. Dass eine Regierung sich in einem Fünf-oder-mehr-Parteiensystem überhaupt einmal auf eine absolute Mehrheit stützen kann, kommt selten genug vor. Dass dieses Kunststück binnen weniger Jahre zwei unterschiedlichen Parteien gelang, CDU und SPD – das gab es bislang nur in Hamburg.

Erinnert sich noch jemand an die Statt-Partei? Gegründet Anfang der Neunziger in einer Krise der CDU mit dem Anspruch, die Partei der besseren Konservativen zu sein, dehnte sie sich von Hamburg rasend schnell in den Bund aus, um genauso schnell an ihren inneren Konflikten zu zerbrechen. Oder "Richter Gnadenlos" Schill, der Mann im Container: Heute ein Clown, war er vor dreizehn Jahren noch der politische Hoffnungsträger einer neuen Rechten. Auch seine Partei wurde binnen weniger Jahre erst zu groß für Hamburg und dann zu klein für messbare Erfolge. Seither gab es die Freien Wähler, eine Anti-Euro-Partei, die Zentrumspartei, die Rechte Mitte HeimatHamburg, gerade kommt eine zweite FDP hinzu – was die AfD nun versucht, daran sind vor ihr viele gescheitert.

Die AfD in Hamburg – wer ist das? "Wir sind die schwer Enttäuschten", sagt der Schlosser Peter Lorkowski, AfD-Bezirksabgeordneter in Harburg. Er hat einmal für die Schill-Partei in der Bürgerschaft gesessen und hofft nun, als Abgeordneter der AfD ein zweites Mal dorthin zu gelangen. Es war Schill, der Lorkowski enttäuschte, "der hat uns die Basis genommen". Lorkowskis Wir unterscheidet nicht zwischen alten Schill-Parteigängern und neuen AfD-Politikern.

"Die AfD ist die Neuformierung des selbstbewussten Bürgertums in Deutschland", sagt Bernd Baumann, studierter Volkswirt, Beruf "Investor, aber in kleinem Maßstab". Zu diesem Satz muss man sich das durchgestylte Interieur einer modernen Villa in Othmarschen vorstellen, die von Lorkowskis Schlosserwerkstatt kulturell und monetär so weit entfernt ist wie geografisch. Baumann hat sich Karten drucken lassen, auf denen "Leiter Strategie und Planung" steht. Der Satz über die Neuformierung des selbstbewussten Bürgertums ist die Quintessenz seiner Überlegungen.