Über Martin Walser

Im Mai 1981 soll der 70. Geburtstag von Max Frisch in Frankfurt gefeiert werden. Von Hans Mayer bis Günter Grass sind alle angereist. Doch noch vor dem Fest kommt es zu einem Eklat zwischen Uwe Johnson und Martin Walser, sodass Letzterer abreist. Ein Jahr später erscheint Walsers Roman "Brief an Lord Liszt", in dem die Vorgänge und überhaupt das rivalisierende Verhältnis der Autoren zu ihrem Verleger zum literarischen Stoff werden.

In der Klettenbergstraße letzte Vorbereitungen für das Fest. Die beiden Radierungen, Frisch-Porträts von Günter Grass, werden an einem besonderen Platz aufgehängt, und dann das Unheil zu Anfang: Uwe Johnson hat beim Mittagessen Martin Walser so gepeinigt, daß dieser wut- und zornentbrannt abfuhr, auch ich konnte ihn nicht mehr besänftigen. Damit entfiel natürlich ein wichtiges Stück meiner Darbietungen zum Geburtstag, denn es war gerade Martin Walser, der seine "Annäherung an Max Frisch" vorlesen sollte [Martin Walser, Versuch, dem Meister der Distanz nicht zu nahe zu treten]. So war das Ganze also ohne Martin Walser, und viele, Frisch und Grass, hatten sich gerade auf Martin Walser gefreut."

(Mai 1981)

13. März 1982

Flug von Stockholm nach Göteborg und weiter nach New York. Ich hatte nur eine einzige Lektüre: Martin Walsers Roman Brief an Lord Liszt . […] Ich begann zu lesen, wie am Freitag vor Pfingsten, kurz vor Arbeitsschluß, Arthur Thiele noch einmal die Abteilungsleiter der Firmen Chemnitzer Zähne und Finnstar zu sich rief, um mitzuteilen, der Konkurrent habe aufgegeben und seine Firma in Brand gesteckt. Unter den Teilnehmern Franz Horn und Dr. Liszt. Ehemals waren sie befreundet, befreundet auch mit Thiele, aber die Freundschaft wurde Haßliebe, bei der immer mehr die Züge des Hasses zum Vorschein kamen. Unschwer zu erkennen: hinter dem Unternehmer Thiele, Kapitalist reinsten Wassers, nicht unfreundlich, aber eben doch alles ihm zu Erreichende ausbeutend und der seine Abhängigen in Abhängigkeit hält mit der Drohung, seine Firmen zu verkaufen und mit den Millionen seinen Lebensabend zu verbringen, verbirgt sich Siegfried Unseld. Und hinter dem rothaarigen Dr. Liszt, ehemals Freund, Mitstreiter, jetzt Konkurrent um die Gunst Thieles, ein Mann mit der Vorliebe für England und leider auch mit der Vorliebe für Alkohol, verbirgt sich Uwe Johnson. Sicher gibt es da andere Figuren noch, der Austrophine ist sicherlich Enzensberger. Ich hatte während des achtstündigen Fluges Zeit, das Manuskript eingehend zu lesen. Zunächst war ich geschockt über die ersten Seiten und ersten Sätze. Überladene Sätze mit unnötigen Adverbien, Blödeleien, Juxereien, die keine sind. Auf Seite 18 beginnt dann der Brief an Dr. Liszt. Nun nimmt Franz Horn Rache an den vielen Streitfällen, und er wird souverän und nicht unüberzeugend. Es gelingen ihm herrliche Formulierungen, seine Notizbücher sind Rachekalender. Er entwirft Sätze zur Gesellschaftsphysik, zwischen Konkurrenten ist Freundschaft nicht möglich und natürlich auch nicht zum Chef, von dem man abhängig ist. Jeder sieht ein, daß er einsehen muß, daß ihm nur zusteht, was ihm zusteht (der Satz ist hochinteressant, aber ich meine, doch nicht gut formuliert). Horn greift den Moralvampyr Liszt an und hält ihm seine Makellosigkeitsleuchte und seinen Rechtschaffenheitsglanz vor. Dann gibt es aber auch Sätze, in denen Martin Walser sich zu sehr enthüllt: "Ich bade einen Schmerz aus, man tut es, obwohl man weiß, daß man jeden, vor dem man es tut, abstößt." Das ist das Problem des ganzen Buches: Martin Walser muß diesen Satz streichen, aber selbst wenn er ihn streicht, ist das Manuskript nicht eindeutig. Dann immer wieder klare Einsichten: Unser Gott heißen Angebot und Nachfrage. Freunde hat man, solange man die Frage, ob man welche hat, noch nicht stellt. Dann natürlich lese ich mit großer Traurigkeit den Satz: Thiele wäre der Freund gewesen, wenn er nicht zufällig der Chef wäre. Nun taucht der Tod als Freund auf, der letzte Atemzug ist ein Aufatmen. Aus New York schicke ich ihm ein Telegramm: Ich hätte das Ganze mit Faszination gelesen, aber auch mit Erschrecken, Heiterkeit, Trauer."

(März 1982)

Über Amos Oz

1982 erschien das erste Buch von Amos Oz im Suhrkamp Verlag, "Im Lande Israel". Im Mai 1989 reisten Siegfried Unseld und Ulla Berkéwicz nach Israel, um Oz zu besuchen.

Das Häuschen von Amos Oz ist leicht zu finden – schmal, zweistöckig, Amos Oz empfängt uns herzlich und führt uns in sein Studio. Es besteht aus Bücherwänden, einem winzigen Schreibtisch, Telefon und einer kleinen Tischecke für Besucher. Wie überall sind die Fenster vergittert, doch das Fenster seines Arbeitszimmers läßt einen schönen Blick auf ein kleines, wie verwunschen wirkendes Gärtchen zu. Unter den Büchern entdecke ich Hegel und Kant, Sartre und Heidegger, Scholem und Benjamin, Böll, Grass, Siegfried Lenz, Frisch und Uwe Johnson, dessen Zwei Ansichten eben in Hebräisch erschienen sind. Der hochintelligente, schlagfertige, das Englisch fließend beherrschende Amos Oz (sein angenommener israelischer Name Oz bedeutet Mut und Kraft) macht uns das Gespräch leicht. […] Dann fragte er: "Was ist Ihr Erlebnis von Israel? – Sie müssen doch wie alle in den ersten fünf Minuten erfahren haben, es gibt keine jüdische Rasse. Sie sind fünf Minuten in Tel Aviv oder fünf Minuten in Jerusalem, dann erfahren Sie das." Ich sagte ihm, Jerusalem müsse er dabei doch wohl ausnehmen, und er bestätigte dann die Ausnahmesituation Jerusalems. Für ihn gibt es also keine jüdische Rasse, jedoch eine jüdische Kultur, eine jüdische Erinnerung, eine jüdische Religion. Dann begann er zu erzählen. Seine Eltern sind russische und polnische Juden. Er sei in Israel geboren. Er durfte nur Hebräisch lernen und sprechen. Sein Vater, ein Professor, wollte nicht, daß er andere Sprachen lerne, aus Angst, er könnte dann Israel verlassen. Seine Eltern hatten das gehabt, was viele Juden gefühlt haben: europäische Sehnsucht. Er sei in diesem Gefühl seiner Eltern aufgewachsen. Alle Juden, insbesondere die deutschen, seien von dieser europäischen Sehnsucht geprägt, eine Sehnsucht nach einer Stadt. Was ist eine Stadt? Eine Stadt bedeutet Fluß, Kathedrale und umgebender Wald. Er selber war 30 Jahre lang in einem Kibbuz, der zwischen Tel Aviv und Jerusalem lag. Er habe dort als Traktorfahrer gearbeitet, später sei er auch als Lehrer eingesetzt worden. Er habe Kurzgeschichten geschrieben, als sie veröffentlicht wurden, habe er den Rat des Kibbuz gefragt, ob er einen ›freien‹ Tag zum Schreiben bekommen könnte. Das wurde ihm, nicht einstimmig, bewilligt. Er schrieb seinen ersten Roman, der ein kritischer Erfolg wurde. Danach gewährte man ihm, wieder nicht einstimmig, einen zweiten ›freien‹ Tag zum Schreiben. Am Schluß hatte er vier ›freie‹ Tage und zwei Arbeitstage. Diese Arbeitstage seien für ihn aber besonders anstrengend gewesen, weil er sich zu bewähren hatte. Man beobachtete, ob er sich nicht von seinem Sonderstatus aus vor irgendeiner Arbeit drücken würde. […] Es war vorgesehen, daß wir eine bis zwei Stunden bleiben sollten – ein Mittagessen war nicht beabsichtigt, aber dann ergab es sich aus dem Gespräch, daß wir doch zum Essen eingeladen wurden."

(30. April bis 4. Mai 1989)