Eine Fünf in Mathe wäre schon etwas Besonderes. Aber für eine Fünf hätte Sarah irgendetwas Sinnvolles hinschreiben müssen. Deswegen wird es wohl eher eine Sechs. Am liebsten wäre sie gar nicht zu der Matheprüfung gegangen. Aber das geht ja nicht. Also hat sie drei Stunden das leere Blatt Papier vor sich liegen gehabt und es dann abgegeben.

Sarah Glasemann hat eine massive Rechenstörung. Das Fachwort dafür ist Dyskalkulie. Das ist eine sogenannte Teilleistungsschwäche, ähnlich der Legasthenie, der Lese-Rechtschreibschwäche. Sarah fehlt das Verständnis für die Menge, die durch eine Ziffernfolge symbolisiert wird. Deshalb fällt es ihr schwer, Zahlen zu schätzen, zu vergleichen oder zu überschlagen. "Für mich sind Zahlen wie chinesische Schriftzeichen: Ich verstehe sie einfach nicht." Die Angabe "fünf Meter" könnte die Entfernung bis zum Kühlschrank sein oder zur nächsten Stadt.

Es gibt verschiedene Ausprägungen von Rechenstörungen. Manche Kinder können sich unter einer Ziffer nichts vorstellen. Andere verstehen Aufgaben wie 2 + 3 = 5 im Grunde, können sich aber den Rechenweg nicht merken. Bei einer schweren Rechenstörung, wie Sarah sie hat, summieren sich wohl die Probleme. Studien schätzen, dass etwa sechs Prozent aller Kinder unter Dyskalkulie leiden, im Durchschnitt also ein bis zwei Schüler pro Klasse. Doch sie erhalten meist keine spezielle Förderung – anders als Legastheniker, die in Klausuren mehr Zeit bekommen oder deren Aufsätze nur inhaltlich bewertet werden. Um sie kümmern sich mittlerweile an vielen Schulen speziell geschulte Ansprechpartner.

Kindern mit einer Rechenschwäche mangelt es nicht an Intelligenz. Trotzdem kämpfen sie gegen Vorurteile. Weil sie schon an den Grundrechenarten scheitern, landen sie oft auf Sonderschulen. Oder sie kämpfen jedes Jahr um die Versetzung und schließlich um den Schulabschluss, weil Mathe ihnen den Notenschnitt versaut.

Sarah geht in die 10. Klasse einer Mittelschule im bayerischen Dießen. Dass die Sechs in Mathe ihren Notenschnitt deutlich verschlechtern wird, will Sarah nicht hinnehmen. Zusammen mit zwei Freundinnen hat sie eine Onlinepetition gestartet, die mehr als 27.000 Menschen unterstützen. Sie rufen die Kultusminister auf, Schüler mit Dyskalkulie stärker zu fördern. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) fordert von der Politik schon länger eine klare Linie im Umgang mit Rechenschwächen. "Manche Grundschulen", sagt BVL-Geschäftsführerin Annette Höinghaus, setzen zeitweise die Mathenote aus, andere bieten Förderunterricht an, aber in zu großen Gruppen." An den meisten weiterführenden Schulen werde Dyskalkulie schlicht ignoriert.

Einen rechtlichen Anspruch auf Förderung gibt es in keinem Bundesland. Laut einem Beschluss der Kultusministerkonferenz von 2007, auf den das Gremium bei Anfragen immer noch verweist, können Rechenstörungen nicht mit Lese-Rechtschreibschwächen gleichgesetzt werden. Bei der Legasthenie seien "Zustandekommen, Erscheinungsbild, Ausmaß und Folgen ausführlich untersucht und diskutiert". Im Gegensatz dazu seien "Entstehung und Ausprägung der Rechenstörungen nicht hinreichend erforscht und abgesichert". Dennoch sei es ausdrücklich zulässig, dass Schüler mit "manifesten Rechenstörungen" in der Grundschule besondere Hilfsmittel bekommen. Das kann man so übersetzen: Problem erkannt, Ursache und Lösung unklar.

In vielen Familien löst die Diagnose Hilflosigkeit aus. Wie sollen die Kinder später im Alltag zurechtkommen, wenn sie nicht rechnen können? Sarahs Rechenstörung wurde gegen Ende der zweiten Klasse entdeckt. Auf einmal kam das Mädchen in Mathe nicht mehr mit. Die Familie war ratlos, Sarah frustriert. Nach einigen Tests erhielten die Glasemanns den Befund: Dyskalkulie.

Dass diese im Lauf der Grundschulzeit erkannt werde, sei typisch, sagt Gerd Schulte-Körne, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik in München. Im Zahlenraum bis zehn könnten sich Dyskalkuliker damit behelfen, an den Fingern abzuzählen. Erst bei größeren Zahlen falle auf, dass sie nie wirklich gerechnet haben. "Wenn man beide Gruppen Aufgaben lösen lässt, sind im Gehirn von Kindern mit Rechenstörung andere Bereiche aktiv als bei ihren Mitschülern." Offenbar seien bei Kindern mit Dyskalkulie die Hirnareale, die fürs Rechnen nötig sind, mangelhaft ausgebildet.

Dyskalkulie und Legasthenie treten familiär gehäuft auf; bei der Lese- und Rechtschreibschwäche ist sogar bekannt, welche Gene eine Rolle spielen. Schulte-Körne vermutet daher, dass auch die Dyskalkulie vererbt werden kann. Wenn Kinder zusätzlich zu wenig Anreize bekommen, ein Verständnis für Zahlen aufzubauen, entfaltet sich die Störung.

Um Dyskalkulie zu behandeln, sagt BVL-Geschäftsführerin Höinghaus, müsse die Therapie so früh wie möglich einsetzen und über normale Mathenachhilfe hinaus gehen. "Eine Rechenoperation einzuüben, bringt nichts, solange die Kinder nicht verstehen, was sie da eigentlich tun." Zunächst müssen sie lernen, Zahlen und Mengen zu verstehen. Das dauert: Sarah, die seit fünf Jahren eine Einzeltherapie bekommt, ist heute auf dem Stand der vierten Klasse. Während ihre Mitschüler mit abstrakten Formeln hantieren, lernt sie das Einmaleins. Die wöchentlichen Doppelstunden kosten Sarahs Familie im Jahr mehrere Tausend Euro. Höinghaus fordert, dass die Schulen solche Kosten tragen: "Es kann nicht sein, dass es vom Geldbeutel der Eltern abhängt, ob Kinder Rechnen lernen."

Einige Pädagogen halten die Debatte für überzogen. Miriam Lüken, Professorin für Mathematikdidaktik an der Universität Bielefeld und ehemalige Mathelehrerin, meint, dass Rechenschwächen vor allem durch schlechten Unterricht entstehen: "Die Kinder verharren beim zählenden Rechnen." Mit gezielter Förderung lasse sich das schnell lösen. Den Begriff Dyskalkulie lehnt sie ab – er klinge wie eine unheilbare Krankheit. "Damit gibt man Kindern das Gefühl, sie würden sowieso niemals rechnen lernen."

Zugespitzt lautet die Frage also: Haben Schüler, die nicht rechnen können, eine neurologische Störung, die einer speziellen Therapie bedarf und eine Sonderbehandlung im Unterricht rechtfertigt? Oder brauchen sie nur einen guten Lehrer, damit sich ihnen die Welt der Zahlen erschließt? Die dritte Variante: Wenn es beide Arten Schüler gibt, wie unterscheidet man die eine Gruppe von der anderen?

Derzeit wird Dyskalkulie mithilfe verschiedener Tests diagnostiziert. Wenn die rechnerischen Fähigkeiten eines Kindes stark vom Klassendurchschnitt abweichen und die schlechte Leistung auch nicht mit seelischen Nöten des Kindes oder zu langer Abwesenheit erklärt werden kann, dann geht man von einer Rechenschwäche aus. Dieses Verfahren ist umstritten, weil es willkürlich ist. Andererseits muss irgendwo eine Grenze gezogen werden, ab der Schüler einen Anspruch auf besondere Förderung haben.

Sarah hofft, dass sie ihren Abschluss auch ohne spezielle Hilfe schafft, trotz der Sechs in Mathe. Auf die Zeit danach freut sie sich schon, denn dann kann sie sich auf ihre Begabung konzentrieren: Sprachen. In Deutsch und Englisch hatte sie immer gute Noten. Deshalb will sie weiterhin zur Schule gehen, Zahlen aber nach Möglichkeit meiden. Ihr aktueller Berufswunsch: Fremdsprachenkorrespondentin.