Es war 1928, als Walter Benjamin das Ergebnis seiner Recherchen zum Ursprung des deutschen Trauerspiels vorlegte. Was damals als bahnbrechendes Werk erschien, kommt uns heute einigermaßen banal vor, da doch der Ursprung des deutschen Trauerspiels sonnenklar auf der Hand beziehungsweise auf dem Fuße liegt. Man kann sogar sagen, dass das deutsche Trauerspiel im HSV nicht allein seinen Ursprung genommen, sondern zugleich seinen Höhepunkt und seine Heimstatt gefunden hat.

Der Fall Benjamin zeigt, wie berühmte Bücher vom Gang der Ereignisse überholt werden können. Fragen, die sie gestellt haben, sind längst beantwortet, Probleme, die sie hin und her gewälzt haben, längst erledigt. Nehmen wir die seinerzeit berühmten Untersuchungen über den menschlichen Verstand von David Hume. Heute, belehrt durch eine einzige Tagesschau-Sendung, wird man feststellen können, dass das, was über den menschlichen Verstand allenfalls zu sagen wäre, bequem auf einem Bierdeckel Platz fände, während die leider ungeschriebenen Untersuchungen über die menschliche Dummheit eine unabschließbare Enzyklopädie darstellen müssten.

Werke, die eine Behauptung im Titel tragen, sind naturgemäß vom Alterungsprozess am meisten bedroht, wie etwa Tocquevilles Buch Über die Demokratie in Amerika oder Montesquieus Vom Geist der Gesetze . Damit soll ja gesagt sein, es gebe in Amerika eine Demokratie oder die siebzehnte Änderung der Straßenverkehrsordnung könne geistvoll sein, was beides füglich zu bezweifeln wäre. Wer ein Interesse daran hat, zum Klassiker zu werden, sollte seinem Buch einen möglichst gewaltigen und zugleich nichtssagenden Titel schenken. Leider sind die besten schon vergeben, wie etwa Sein und Zeit (Heidegger), Das Sein und das Nichts (Sartre), Erkenntnis und Interesse (Habermas) oder Die Teile und das Ganze (Heisenberg). Natürlich sind Varianten denkbar: Das Sein und das Ganze oder Die Teile und das Nichts könnten Werke von bleibender Bedeutungslosigkeit zeitigen.

Wer auf lange Sicht recht behalten und von keinem geschichtlichen Zufall widerlegt werden will, sollte seine Abhandlung unbedingt in Form einer Frage vorlegen. Wladimir Iljitsch Lenins unsterblicher Klassiker trägt den schlichten und schlagenden Titel Was tun?. Das fragt sich jeder Mensch jeden Morgen, und wenn der Tag rum ist, weiß er es immer noch nicht. Man merkt halt, dass Lenin Politiker gewesen ist.

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