Von Zukunftssachverständigen dieser Welt hören wir: Der Mensch braucht ein Ablagesystem! Erst dann herrscht Ordnung. Nun ist der Buchleser, von bedauerlichen Ausnahmen einmal abgesehen, ohnehin ein ordentliches Wesen. Und fast nichts ist in diesem Zusammenhang trauriger als jemand, der vor seinen eigenen Regalen verzweifelt, weil er kurz diese Stelle bei Sartre nachgucken wollte, doch wo ist der nur, wo ist der nur ...

In den meisten alphabetisch begabten Haushalten unter S. Wobei dieses Ordnungsprinzip bisweilen irritierende literarische Nachbarschaften mit sich bringt: Schätzing neben Arno Schmidt, Rawls neben Rowling, nee, oder? Vielleicht nach Epochen? Besser nach Herkunftsland? Nach Farbe, wie das in designverliebten Agenturen in Mode ist oder bei der Edition Suhrkamp? Oder doch nach politischer Haltung, Marx links, Celine rechts?

Zum neuesten Schrei der Sortierpsychologie können wir wenig sagen. Was wir hingegen aus Erfahrung sagen können: Alles wird schlimmer, sobald ein neues Buch hinzukommt. Und wer sich in stationären Großbuchhandlungen anstatt beim ambulanten Internetversand Amazon mit Nachschub versorgt, trifft dort ebenfalls auf eine eigenwillige Kategorisierungswut. Der Unterscheidung von "Spannung" und "Thriller" (Zu Deutsch: Sriller) liegt womöglich noch ein connaisseurhafter Feinsinn zugrunde. Sucht man aber zum Beispiel Rainald Goetz (Jahrgang 1954), so liegt er in der Abteilung "Young & Crazy", bei Nick Cave (1957), Tom Robbins (1932) und David Foster Wallace, den nicht einmal der Tod davor schützen konnte, auf ewig neben Büchern aufgebahrt zu werden, die von einer "Jugend zwischen Lamy-Füller und TKKG-Kassetten" erzählen.

Spöttisch guckt Peter Hahne aus dem Regal "Bestseller" herab, der uns diesen Sommer mal wieder gehörig die Seele schrubbt – und diese Kategorie leuchtet ja immerhin ein, wobei man sich fragen kann, was der Hahne darin macht. Überhaupt: Müsste der nicht eher in ein Arrangement namens "Old & Spicy"? Am besten gleich zusammen mit Philip Roth und Ernst Jünger – und vielleicht Joan Didion, die dort netterweise zwischengeparkt werden könnte, bis endlich die Abteilung "Höfliche Damen" eröffnet, unter den "Frechen Frauen" sehen wir sie ja nicht so. Dort stehen wändeweise Romane voll mit stürmischen Hochzeitsnächten, mit "lustvollem Leben" und "vielschichtiger Erotik", wie die Klappentexte flüstern und einmal sogar: "Ein großer Wurf". Das Buch haben wir übrigens gleich zu Hause ausprobiert. Und bis der Glaser fertig ist, überlegen wir uns, die Autoren nicht doch besser nach ihrer Schuhgröße zu ordnen.