Immer wenn bei ihm eingebrochen wird, muss Torsten Noack an früher denken. Früher, als es noch Grenzkontrollen gab, stand an der Neiße die Polizei. Heute steht an der Neiße ein Dixi-Klo. Man hat es für die Bauarbeiter aufgestellt, ein blaues Plastikhäuschen, das in die grüne Auenlandschaft ragt. Die Bauarbeiter buddeln seit Wochen schon mit schweren Baggern am Deich, dort, wo Deutschland aufhört und Polen beginnt. Sie rammen Pfeiler ins Flussbett, verschweißen Bögen aus weiß lackiertem Stahl. Sie bauen eine Brücke. Die Brücke soll "Grenzen überwinden", so steht es auf dem Schild mit dem blau-gelben Logo der Europäischen Union. Torsten Noack findet das naiv. "Die Brücke schürt den Hass", sagt er.

Noack stapft durch die Baggerfurchen. Er trägt schwere Schuhe und einen blauen Kittel, seine Finger sind schwarz vom Motoröl. Noack ist KFZ-Mechaniker. Seit 23 Jahren hat er ein kleines Autohaus in Neuzelle, wenige Kilometer von der Brücke entfernt. Das Problem ist: Autos werden in Neuzelle lieber geklaut als gekauft. So zumindest kommt es Noack vor. In den letzten anderthalb Jahren wurden ihm vier Autos gestohlen, Werkzeug, Ersatzteile und Messgeräte im Wert von mehr als 10.000 Euro. Die Autos waren versichert. Die Geräte nicht, das wäre zu teuer geworden. "So ein Einbruch reißt dich rein", sagt Noack. "Da hab ich Jahre dran zu knabbern."

Die Zahl der Straftaten ist hier im Osten Brandenburgs gestiegen, allein die Autodiebstähle um rund 20 Prozent, so steht es in der Kriminalstatistik der Polizei. In der Statistik steht auch: Knapp 40 Prozent der Tatverdächtigen sind Ausländer, die meisten kommen aus Russland und Polen. Ein paar Kilometer flussaufwärts, in der Grenzstadt Guben, haben im Juli Tausende Einwohner eine Petition an den Landtag unterschrieben. Sie fordern mehr Schutz vor Kriminalität. "Die Gubener haben Angst", sagte der Bürgermeister. Keinem kommt diese Angst so gelegen wie den Parteien am rechten Rand.

Manche haben in ihren Vorgärten Sprengfallen installiert

Am Sonntag wird in Brandenburg ein neuer Landtag gewählt. Die AfD, die in Sachsen knapp zehn Prozent der Stimmen holte, will auch hier ins Parlament. "Grenzkriminalität" ist eines ihrer wichtigsten Themen. Die Partei will die Kontrollen an der deutsch-polnischen Grenze wieder einführen. Der brandenburgische Spitzenkandidat Alexander Gauland möchte dafür das Schengener Abkommen aushebeln. Wie er es fertigbringen will, im Potsdamer Landtag EU-Recht zu verändern, verrät er nicht. Bei den Wählern kommt er trotzdem gut an. In Umfragen liegt die AfD bei neun Prozent. Auch die NPD könnte in einigen Grenzgemeinden über der Fünfprozenthürde liegen. Die Straße, die von der Brücke nach Neuzelle führt, ist von NPD-Plakaten gesäumt: "Grenzkriminalität nicht mit uns" steht darauf.

Über dem Tor von Torsten Noacks Autohaus hängt eine Überwachungskamera. Sie passt nicht zur dörflichen Idylle, zum Bratenduft, der durch die Straße zieht, und zu den Kindern, die durch die Gärten tollen. Neuzelle ist kein reicher Ort, aber einer, der nach der Wende hübsch geworden ist. Es gibt ein Kloster mit lieblicher Barockfassade und ein Gymnasium, an dem deutsche und polnische Schüler gemeinsam lernen. Die Gärten sind gepflegt, die Hecken frisch geschnitten. Aber hinter den Hecken lauert die Angst. Es gibt hier Menschen, die haben Sprengfallen in ihren Gärten installiert. Wer das Grundstück nachts betritt, wird mit Tränengas besprüht. "Die Leute wollen Starkstromzäune und Selbstschussanlagen", sagt Noack. Er findet das übertrieben, aber er kann es verstehen. Bevor er schlafen geht, schraubt er die Räder seiner Autos ab. "Zur Sicherheit", sagt er. "Auf die Polizei kann man sich nicht verlassen."

Wenn es dunkel wird, läuft eine Bürgerwehr durch Neuzelle. Torsten Noack läuft mit. "Ohne Waffen, nur mit Taschenlampe, wir wollen ja keinen auf den Gong kriegen." In der Nachbargemeinde ziehen die Männer mit Nachtsichtgeräten durch die Straßen. In Kremmen, einem Dorf im Norden Brandenburgs, hat eine Bürgerwehr auf einem Waldweg zwei Männer überfallen. Die Bürger sollen die Männer getreten und geschlagen, in einen Hof gezerrt und an eine Europalette gefesselt haben. Die Männer sprachen polnisch, das machte sie verdächtig. Es war im Frühling, zur Spargelzeit. Die Männer waren keine Einbrecher, sie waren polnische Erntehelfer.

Anfang September begann der Prozess gegen die Mitglieder der Bürgerwehr. Einer der Angeklagten gestand die Tat. Die Erntehelfer nennen es "Menschenjagd".

Wie der Nebel, der morgens durch die Neißeauen zieht, ist das Misstrauen in die Dörfer gekrochen. Immer wieder schlägt es um in Fremdenfeindlichkeit. Wenn die Brücke über die Neiße fertig ist, dann könnten sich im Osten Brandenburgs "die Asozialen und Kriminellen aller Herren Länder vereinigen", warnt die NPD. Alexander Gauland, der Spitzenkandidat der AfD, sprach auf einem Info-Nachmittag zur Grenzkriminalität nicht nur über Autoschieber und organisierte Verbrecherbanden, sondern auch über Asylbewerber. Die aber dürfen das Land gar nicht verlassen. Manchmal ist schwer zu erkennen, was die Brandenburger am meisten fürchten: kriminelle Ausländer. Oder doch Ausländer ganz allgemein.