Die Schriftstellerin Nino Haratischwili © Danny Merz/Sollsuchstelle

Einst haben Philosophen und Dichter mit der "Geschichte" eine ordentliche Form erfunden, von vergangenen Ereignissen zu sprechen. Ihre Nachfolger im 20. Jahrhundert fühlten sich dann von deren linearer Gleichförmigkeit gegängelt, weil sie entdeckt hatten, wie vielgestaltig die Zeit ist. Kurz bevor die rasende Effektivität neuer Speichermedien für unser momenthaftes, vergessliches Bewusstsein heute sorgte, arbeitete man sich noch an der Erfahrung ab, dass manchmal ein Zeitalter in zwei oder drei lapidaren Sätzen zusammenfällt, während andererseits wenige Augenblicke anschwellen können zu einer riesigen Sphäre gleichzeitiger Wahrnehmungen, Leidenschaften und Verhängnisse verschiedener Menschen.

Ein bestimmtes Genre historischer Romane verdankt sich diesen unterschiedlichen Zeitformen. Ohne sie wäre es undenkbar, einen hundert Jahre umspannenden Roman über die Mitglieder einer Familie zu schreiben, wie es die Schriftstellerin Nino Haratischwili gerade getan hat. Man könnte eine solche Anstrengung gar nicht verstehen, wenn man nicht mit einer Dissonanz zwischen den Daten der Geschichtsbücher und persönlich erinnerten Angelegenheiten rechnen würde. Und das epische Pathos der Geste, mit der diese Erzählung beginnt und endet, käme einem merkwürdig vor: "Ich verdanke diese Zeilen einem Jahrhundert, das alle betrogen und hintergangen hat, alle die, die hofften. Ich verdanke diese Zeilen einem lange andauernden Verrat, der sich wie ein Fluch über meine Familie gelegt hat. (...) Ich verdanke diese Zeilen unendlich vielen vergossenen Tränen, ich verdanke diese Zeilen mir selber, die die Heimat verließ, um sich zu finden, und sich doch zunehmend verlor (...)." Aber Nino Haratischwili enttäuscht die Erwartungen, die sie mit dieser Eröffnung aufbaut, denn die Zeit, die sie über 1280 Seiten beschreibt, bleibt dann doch die uniforme Zeit aneinandergereihter Begebenheiten.

Die Heimat, von der die Erzählerin Niza spricht, ist Georgien, und Haratischwili selbst ist 1983 in Tbilissi geboren. Heute lebt sie in Hamburg und schreibt auf Deutsch, was nicht ihre Muttersprache ist. Sie ist eine anerkannte Theaterautorin, und Das achte Leben (Für Brilka) ist ihr dritter Roman. Von sechs Generationen der Familie Jaschi wird darin berichtet und dem langen 20. Jahrhundert Georgiens, das in dieser Zeit erst ein Gouvernement des zaristischen Russlands war, kurz die Luft der Demokratie atmete, bevor es ein Teil der Sowjetunion wurde. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wird Georgien unabhängig, aber schwer gebeutelt von russisch beeinflussten Sezessionskriegen in Abchasien und Südossetien. Hier setzen die eigenen Erinnerungen der Erzählerin ein, die 1973 geboren wurde. Sie schreibt die Chronik ihrer Familie für die Tochter ihrer älteren Schwester auf, für Brilka, die daraus die Choreografie eines Tanzes machen will. Folgt man dieser Idee, hätte man es hier also mit einer letzten verbalen Fassung der Geschichte zu tun, bevor daraus noch eine ganz andere Form würde, ein Kontinuum von Körpern und Bewegungen.

Jede Sippe braucht einen Urvater, und bei den Jaschis ist das ein Konditor, von dem es heißt, er habe "eine magische Geheimformel entdeckt: Er hatte ein Rezept in der Tasche, das den Geschmack heißer Schokolade revolutionieren sollte." Wer sie probiert, verfällt erst der Gier, dann der Ekstase, um schließlich von einem nicht selten tödlichen Schicksal eingeholt zu werden. Dieser kulinarische Zauber zitiert den magischen Realismus lateinamerikanischer Familienepen herbei. Gabriel García Márquez’ Hundert Jahre Einsamkeit und seine zyklische Zeitstruktur oder Isabel Allendes Geisterhaus, das vom 20. Jahrhundert in Chile als einer "endlosen Geschichte von Schmerz, Blut und Liebe" erzählt.

Wie diese beiden Romane verfügt Das achte Leben über eine Matriarchin, die sehr alt wird und ihre Toten als manifeste Geister um sich schart: Stasia, die Urgroßmutter der Erzählerin und Tochter des Chocolatiers, heiratet zu Beginn des Romans einen Oberleutnant Jaschi. Ehemänner gehen, dem kriegerischen Jahrhundert geschuldet, in dieser Familiengeschichte rasch verloren. Stasia trifft aber auf der Silvesterparty des Jahres 1927 im Haus ihrer Schwester Christine eine androgyne und intelligente Frau namens Sopio Eristawi. Zugleich wird Christine, die einen reichen Funktionär geheiratet hat, dem Vorgesetzten ihres Gatten vorgestellt. Da wuchtet sich einmal mehr Haratischwilis gewaltiges Pathos auf die Szene: "Alles geriet durcheinander, die Welt bekam für den Bruchteil einer Sekunde Schluckauf. Alles wirbelte und stöhnte, aber niemand bekam das mit. Es war nur eine falsche Tür, die für einen kaum fühlbaren Zeitraum aufgerissen und wieder zugeklappt wurde, aber die Zeit hatte ausgereicht, dass etwas Schwarzes herauskroch, vielleicht war es auch gar nicht schwarz, vielleicht war es farblos und unmerklich zart – aber es war grausam und eisig und gierte nach Untergang. Es war der Verrat, der in jenem Augenblick geboren wurde. Und etwas Namenloses wurde begonnen, freigesetzt, in die Welt gelassen, um Wahnsinn über alle zu bringen, um die Hirne zu befallen und die Seelen zu betäuben. Um Leben mit sich zu reißen, unersättlich und groß."

Bevor nämlich Sopio Eristawi wegen konterrevolutionärer Umtriebe in der stalinistischen Sowjetunion verhaftet wird und umkommt, bindet die Freundschaft der Frauen sie und ihre Nachkommen als artfremden Zweig an die Familie. In verzweifelter Liebe und Eifersucht bleiben ihre Söhne den Töchtern der Jaschis verbunden. Und auch von dem "Kleinen Großen Mann", eben besagtem Vorgesetzten von Christines Gatten, geht eine Genealogie aus, nämlich eine des Missbrauchs von Frauen und von Macht. Auch wenn sein Name nicht fällt, ist in dieser Figur Lawrenti Beria zu erkennen, der Geheimdienstchef, der viel von der Willkür und Gewalt der sowjetischen Innenpolitik zu verantworten hatte. Der andere große Georgier des Regimes ist natürlich der "Generalissimus", dessen Name auch nie genannt wird, bis ganz am Ende über beide Männer ein makabrer Witz erzählt wird.

In diesem Fall muss man Nino Haratischwili zwar für die Sensibilität danken, die Bedeutsamkeit ihres Romans nicht mit dem Hall eines Namens wie "Stalin" aufzublähen. Im Allgemeinen übertreibt sie es aber mit der Zurückhaltung, wenn es um ihren historischen Stoff geht. Im Kontrast zu den bedeutungsschwangeren Andeutungen, die den Blutdruck der Erzählung immer wieder in die Höhe treiben, fällt besonders auf, wie trocken sie die Ereignisse wiedergibt. Zuweilen scheinen Weltkriege, Regimewechsel, Aufstände nur zufällig parallel zu den privaten Katastrophen der Jaschis zu passieren. Wenn doch eine Figur die Ereignisse erlebt, klingt Haratischwilis Sprache wie ein Lexikonartikel: "K-19 war das erste nuklear angetriebene U-Boot und bedurfte daher besonderer Sicherheitstests, die jedoch aufgrund des wachsenden Druckes vom Kreml im Wettlauf mit der amerikanischen Marine nicht immer durchgeführt wurden. 1960 hieß es bereits von der Marineführung, die K-19 hätte alle Sicherheitstests bestanden, und so lief im Juli 1961 die K-19 vom Stapel. Kostja Jaschi wurde mit der Protokollführung des ersten Übungsmanövers beauftragt, und so ging mein Großvater an Bord." Wenig wirkt in diesem Roman erlebt, vieles gewusst, anstudiert, zurechtgelegt. Und weil auch die Biografien der Figuren nur entlang heftiger Vorfälle geschildert werden, bekommt der Roman etwas Seifenopernhaftes.

Wenn Haratischwili darin von einer "zeitlosen Zeit" schreibt, scheint sie einmal ein von Erinnerungen bevölkertes Jetzt zu meinen. Ein Leben mit den Gespenstern der Vorfahren, "die noch etwas nicht zu Ende erzählt haben, die sich über meine Worte beugen werden". Ein anderes Mal beschreibt die Wendung eher die Taubheit der Menschen im Chaos des Bürgerkriegs: "Wir achteten nicht mehr auf die neuen Nachrichten von Raubüberfällen, Einbrüchen und Morden. Wir waren froh, wenn der Tag vorbei war und wir noch am Leben. (...) Wir lebten in einer zeitlosen Zeit." Dieser Widerspruch zwischen totaler Erinnerung und totalem Vergessen könnte zu einer interessanten, eigenwilligen Zeitform werden. Sie wird aber in diesem Roman verdeckt von der flächigen Zeit einer chronologischen Erzählung, die, aus Ereignissen zusammengesetzt, sich sehr in die Länge zieht. Man vermisst die tiefe Dauer subjektiv wahrgenommener Erlebnisse und beginnt, sich dasselbe Buch ganz anders zu wünschen. So wie es sein könnte, wenn Haratischwili den Mut gehabt hätte, sich mehr darin zu verlieren, wie die Personen der Geschichte sehen, spüren, erfahren, statt zu referieren, was ihnen zustößt.