Hier stößt die Geschichtswissenschaft an ihre Grenzen: Sie kann die Entstehung des Holocaust in all seiner Unmenschlichkeit nicht abschließend erklären. Auch der angesehene Bochumer Zeithistoriker Hans Mommsen gesteht am Ende seines jüngsten Buchs diese Grenzen ein. Der 83-Jährige hat nun seinen lange vergriffenen Band Auschwitz, 17. Juli 1942 überarbeitet und eine kompakte Übersicht über die Entstehungsgeschichte des Holocaust vorgelegt. Im Mittelpunkt stehen die von ihm analysierten Stufen der "kumulativen Radikalisierung" der NS-Bewegung. Und das heißt: Der Antisemitismus, meint Mommsen, habe bis zur "Machtergreifung" Hitlers eine untergeordnete Rolle gespielt. Zunehmend habe jedoch eine Minderheit von fanatischen Parteiaktivisten und klassischen antisemitischen Interessengruppen Tempo und Richtung der Mehrheit bestimmt. Die pausenlose NS-Indoktrination führte in der Bevölkerung unterdessen zu einer wachsenden Radikalisierung und Hemmungslosigkeit. Sich an jüdischem Eigentum zu bereichern und die Juden schrittweise vollkommen zu entrechten wurde zur grausamen Gewohnheit. "Das terroristische Geschehen zerstörte die Menschlichkeit vollends", so Mommsen. Die unter Historikern kontrovers diskutierte Frage nach der Rationalität, die der Ermordung der Juden zugrunde lag, beantwortet er mit einem "grotesken Realitätsverlust" der NS-Führung, die bis zum Frühjahr 1941 keinerlei "konsistenten Masterplan" gehabt habe. Zunächst habe man an Auswanderung und dann an Umsiedlung in den Osten gedacht – der Russlandfeldzug schien hierfür neuen Raum zu bieten. So jedenfalls habe es in der offiziellen Sprachregelung geheißen, denn "der Holocaust war längst im Gang, bevor er zum förmlichen Programm des Regimes wurde". Die Wannsee-Konferenz sei also auch nur eine weitere Stufe auf dem Weg zum Holocaust und keineswegs der Auslöser gewesen: 900.000 Menschen waren bis dahin schon ermordet worden.

Je absehbarer die militärische Niederlage, umso mehr geriet der Judenmord zum erklärten Kriegsziel. Ein ausdrücklicher "Führerbefehl" war dafür nicht nötig: In der Peripherie des Reiches machte man sich selbstständig und mordete im Wetteifer. Die meisten Juden starben auf "konventionelle Weise", eine Minderheit in den Gaskammern. Mommsen zufolge hat es eine umfassende Anweisung Hitlers zum Massenmord nie gegeben, gleichwohl war er der "ideologische Motor".

An eine Gesamtgeschichte des Holocaust haben sich bislang nur wenige Historiker gewagt: Raul Hilberg etwa, Saul Friedländer oder Peter Longerich. Sie haben umfangreiche Standardwerke verfasst. Hans Mommsens Werk dient demgegenüber hervorragend als knappe, zusammenfassende Darstellung.