Bevor es richtig losgeht mit dem Gottesdienst, erzählt Rabbi Moshe Navon erst mal den alten Witz, in dem ein russischer Jude während der Zarenzeit in die Moskwa fällt. Eine Gruppe von Soldaten, die am Ufer sitzt, reagiert nicht auf die Hilferufe. Schließlich kommt der Ertrinkende auf die rettende Idee: "Nieder mit dem Zaren! Es lebe die Revolution!", schreit er. Sofort eilen die Soldaten herbei, zerren den Mann aus den Fluten und verprügeln ihn: "Das wird dich lehren, unseren Zaren zu beleidigen!" Der Rabbi giggelt: "Jetzt sind wir alle locker." Aber der Witz habe eine Botschaft, sagt er: "Es geht darum, Fluch in Segen zu verwandeln."

Der Fluch – das ist der Antisemitismus, der wieder manifest geworden ist in Deutschland, als es während der Demonstrationen gegen das Bombardement des Gazastreifens zu judenfeindlichen Ausfällen kam. Hier, im historischen Betsaal des ehemaligen Israelitischen Krankenhauses auf St. Pauli, scheint das alles weit weg zu sein.

Die meisten Hamburger kennen das weiße, klassizistische Gebäude vis-à-vis vom Hamburger Berg bloß als Ortsamt und Jobcenter. Wochentags nutzt die Behörde den Betsaal als Besprechungszimmer. Nur ein Emailleschild am Eingang erinnert daran, dass hier ein Haus steht, das schon Heinrich Heine besungen hat: "Ein Hospital für arme, kranke Juden / Für Menschenkinder, welche dreyfach elend / Behaftet mit den bösen drey Gebrechen / Mit Armut, Körperschmerz und Judenthume!" – so bitter-ironisch beginnt sein Gedicht aus dem Jahre 1841. Zwei Jahre zuvor, vor genau 175 Jahren, hatte sein Onkel, der Bankier Salomon Heine, 80 000 Mark gestiftet, damit Hamburgs Juden ein Hospital bekommen.

Es wurde nach dem Allgemeinen Krankenhaus St. Georg das zweite moderne Krankenhaus der Stadt. Mit automatischen Spültoiletten eine "Zierde" für "unsere geliebte Vaterstadt für ewige Zeiten", wie es in einer zeitgenössischen Quelle heißt. Die jüdischen Ärzte waren zumeist besser ausgebildet als die christlichen – weshalb auch Nichtjuden das Krankenhaus in der Vorstadt St. Pauli gerne in Anspruch nahmen.

Mit der Machtübernahme der Nazis kam die Erfolgsgeschichte des Israelitischen Krankenhauses an ein jähes Ende. Sowohl die christlichen Patienten als auch die Unterstützung durch die Sozialverwaltung blieben aus, die jüdischen Gemeindemitglieder flohen. 1939, wenige Wochen nach der 100-Jahr-Feier, zerstörten die Nazis den Betsaal. Die hoch verschuldete Stiftung musste das Gebäude auf die Hansestadt überschreiben. Gerade mal 25 000 Mark überwies die Oberfinanzdirektion nach dem Krieg, um die Ruinierung durch die Nazis abzugelten. Das Krankenhaus lag in Trümmern.

Dass das Israelitische Krankenhaus den Neuanfang schaffte, ist vor allem Dr. Felix Epstein zu verdanken. Der 1944 nach Theresienstadt verschleppte Krankenhauschef schaffte es Ende der 1950er Jahre mit Hilfe des Bankiers Eric Warburg, den Bau eines neues Hauses auf den Weg zu bringen. Erst mit dem Neubau 1960 erfolgte eine Art Wiedergutmachung: Die Stadt stellte das Gelände am Orchideenstieg in Alsterdorf zur Verfügung, gab vier Millionen Euro für die Baukosten. Die Warburg-Familie stiftete den Rest.

Das neue Haus in Alsterdorf ist heute das einzige jüdische Krankenhaus der Republik. Behandelt werden Nichtjuden gleichermaßen wie Juden. Der ärztliche Direktor Professor Layer sitzt unter einem Porträt von Salomon Heine und lobt das Stiftungsmodell: "Niemand hat mehr Freiheit in der Ausübung medizinischer Tätigkeiten als wir", sagt Layer, der als Gastroenterologe das Krankenhaus zu einer bundesweit führenden Adresse gemacht hat. "Das liegt daran, dass wir ein Kuratorium haben, das kein Eigeninteresse verfolgt."

Während das neue Krankenhaus floriert, liegt das historische Gebäude auf St. Pauli im Dämmerschlaf. Nur wer einen Termin beim Jobcenter-Sachbearbeiter hat, kann die historischen Infotafeln im ersten Stock entdecken. Die Decken an den Fluren sind mit Styroporplatten abgehängt, Behördentristesse prägt die Optik.

"Ich träume davon, dass wir endlich eine eigene Synagoge bekommen", sagt ein Mann während des Gottesdienstes, als der Rabbi darum bittet, dass die Anwesenden ihre Wünsche mitteilen. Die anderen Gäste pflichten seufzend bei.