Zu den zehn giftigsten Tieren der Welt gehören so schöne und farbenprächtige Wesen wie die Krustenanemone, die Kegelschnecke, der Pfeilgiftfrosch und der Blauringkrake. Einige sind aber auch unauffällig wie die kleinen Würfelquallen, der Steinfisch (der tatsächlich mit einem Stein verwechselt werden kann), der australische Inland-Taipan oder die Dubois’sche Seeschlange. Spontanen Ekel erregen höchstens die australische Trichternetzspinne (ziemlich kurzbeinig und fett) und der Gelbe Mittelmeerskorpion; inwiefern Letzterer so viel gefährlicher als andere Skorpione ist, kann man ihm aber auch nicht ansehen.

Die Bilanz des Schreckens ist also phänotypisch wenig aussagekräftig; anders verhält es sich, wenn man nach den Lebensräumen fragt. Sechs der Supergiftzwerge leben im Meer – Krustenanemone, Kegelschnecke, Blauringkrake, Würfelqualle, Steinfisch, Dubois’sche Seeschlange. Sie alle sind bevorzugt oder ausschließlich in und um Australien verbreitet; dazu darf sich der verfluchte Kontinent noch mit besagter Spinne und dem Inland-Taipan (einer Schlange) schmücken. Es hat also seine Richtigkeit, wenn Australien als Eldorado medizinisch bedenklicher Tiere gilt; es war ja auch bis in jüngere Zeit das allerdings unfreiwillige Eldorado kriminell bedenklicher Subjekte der menschlichen Spezies – die Gefängnisinsel des britischen Empire. Reste der destruktiven Energie finden sich heute noch bei dem australischen Medienzaren Rupert Murdoch; auch jene dicke Lady, die ein australisches Bergbauimperium dirigiert, soll nicht frei von toxischen Wirkungen auf Politik und Weltwirtschaft sein.

Nun müssen wir natürlich nicht nach Sydney fahren, in dessen Umland die Spinne lebt, die tatsächlich und als Einzige ihrer Verwandtschaft tödlich sein kann, obwohl sie mit ihren vier, fünf Zentimetern Brust und Hinterteil natürlich nicht die Korpulenz einer Vogelspinne erreicht (zehn Zentimeter ohne Beine). Wir müssen auch nicht am Great Barrier Reef baden oder schnorcheln. Wir sollten überhaupt nicht nach allem greifen, was so niedlich wie ein Blauringkrake ist.

Zu bedenken ist aber, dass es die reine Giftigkeit des Giftes allein nicht macht, sondern der Tod auch von der schieren Menge und/oder der Greifbarkeit eines Gegengiftes abhängt. Am Biss der Kobra jedenfalls sterben in Indien jährlich weitaus mehr Menschen als alle Opfer der genannten Gruseltiere zusammen. Warum? Weil die Kobra weit verbreitet ist, auch gern ins Haus kommt und vor allem beachtliche Dosen des bedenklichen Cocktails injiziert. Andere Schlangen, die ebenfalls mehr von ihrer Droge mitführen, als für den Eigenbedarf eines Jägers nötig wäre, die Gabunviper beispielsweise, sind eher apathisch und träge, man könnte auch sagen: so selbstbewusst, dass sie keinen Streit suchen. So behauptet es jedenfalls die zoologische Literatur; sie steht damit freilich in Widerspruch zu den panischen Reaktionen, die das Auftauchen einer Gabunviper etwa in einem südafrikanischen Dorf am Indischen Ozean auslösen kann.

Auffallend ist überhaupt, wie gut die Gifttierliste mit den angeborenen Panikreflexen der Menschheit korrespondiert – mit der Angst vor Spinnen, vor Schlangen und Quallen, auch mit der Abneigung, im Meer zu baden, die bei allen noch nicht touristisch verbildeten Leuten besteht. Zu den Seeschlangen gehören die gefährlichsten Schlangen überhaupt. Die moderne Pädagogik, die Kindern alle Angst vor garstigen Tieren nehmen will, natürlich mit Verweis auf ihre ökologische und volkswirtschaftliche Nützlichkeit, sollte dringend überdacht werden. Auch Tiere sind nicht alle gleich. Einige sind giftiger.