Vor Kurzem habe ich meinen älteren Sohn, elf ist er, gefragt, ob er eigentlich zufrieden sei mit seinen Eltern. "Jo", sagte er, was in seinem Sprachgebrauch so viel bedeutet wie: eigentlich schon. Mein Sohn ist ein ehrliches Kind. Wäre er ernsthaft unzufrieden, hätte er "geht so" gesagt. Ich war beruhigt, weil ich befürchtet hatte, mein Sohn könnte mir mangelndes Engagement vorhalten. Es kommt nämlich vor, dass ich nicht zuhöre, wenn er mich etwas fragt, weil ich gerade Zeitung lese. Oder dass ich sage, "du hast doch einen Bruder", wenn er möchte, dass ich mit ihm Fußball spiele.

Ich weiß nicht immer, wo sich meine Jungs gerade herumtreiben und was sie beschäftigt, wann die nächste Klassenarbeit ansteht und ob sie in der Schule zurechtkommen. Ich habe noch nie einen Erziehungsratgeber gelesen. Ich war der Einzige, der sich aufs Sofa setzte, als wir kürzlich zu einem Geburtstag geladen waren, die anderen Eltern hatten es sich mit ihren Kleinkindern auf dem Fußboden gemütlich gemacht. Ich habe meine Jungs auch nur die ersten Tage zur Schule begleitet, danach mussten sie allein gehen. Dafür durften sie schon früh fernsehen und zuckerhaltige Süßigkeiten essen. Manchmal, das gestehe ich, ist das einfach Faulheit. Und doch habe ich im Großen und Ganzen das Gefühl, für meine Kinder da zu sein.

Aber es ist gar nicht so leicht, kein schlechtes Gewissen zu haben, in einer Zeit, in der sich die Welt vieler Eltern vor allem um ihre Kinder dreht, in der Erziehungsratgeber die Regale füllen und Eltern schon bei Dreijährigen die Karriere im Blick haben. Auf Spielplätzen sehe ich genauso viele Mütter wie Kinder im Sand sitzen. Ich kenne Eltern, die auf Elternsprechtagen eine Gemüsepflicht für die Brotbüchsen fordern. Und mich irritiert ansehen, weil ich nicht jeden Tag die Hausaufgaben kontrolliere. Kürzlich hat ein Freund auf einem Flughafen eine Mutter gesehen, die ihre beiden Kinder, vielleicht fünf und sechs Jahre alt, an Leinen durch das Terminal zog. Das Kinderhilfswerk hat eine App entwickelt, mit deren Hilfe sich die Temperatur im Sandkasten messen lässt. Nicht wenige Eltern haben die App bestellt; zum Glück handelte es sich um einen Aprilscherz.

Wir alle wollen natürlich nur das Beste für unser Kind, schließlich sorgen wir uns. Das kann dazu führen, dass wir Kinder anleinen, damit sie in den Weiten eines Flughafens nicht verloren gehen. Sie loszulassen ist nämlich gar nicht so leicht. Wie oft sehe ich meinen Sohn auf einen Baum klettern und muss mich zwingen, ihn nicht davon abzuhalten. Ich sage mir dann: Er muss die Möglichkeit haben, sich selbst zu erfahren, es ist nicht gut, ihn vor jeder Schramme bewahren zu wollen. Ein Kind mal sich selbst zu überlassen gehört aber nicht zum gegenwärtigen Erziehungskanon. Als könnte es auf die schiefe Bahn geraten, wenn es unbeobachtet bleibt und seine Zeit nicht produktiv und pädagogisch wertvoll verbringt.

An den Ansprüchen heutiger Eltern gemessen, war meine eigene Kindheit eine bemitleidenswerte Zeit. Meine Eltern saßen weder mit mir im Sandkasten, noch haben sie mir jemals beim Stapeln von Holzklötzen geholfen. Im Alter von vier Jahren ließen sie mich abends allein zu Hause – ohne Babysitter. Mit acht verbrachte ich ganze Nachmittage allein im Wald. Wäre etwas passiert, hätten sie schon einen Helikopter-Suchtrupp schicken müssen, um mich zu finden. Auch auf die Gefahr hin, dass ich es mir im Nachhinein schönrede, weil man sich im Nachhinein vieles schönredet: Ich habe das genossen. Was nicht hieß, dass ich machen durfte, was ich wollte. Mein Vater war streng und stellte klare Regeln auf. Das eine schließt das andere nicht aus. Heute denke ich: So viel können meine Eltern nicht falsch gemacht haben, aus mir ist ein (zumindest meistens) glücklicher Mann geworden.

Ich habe meine Mutter gefragt, ob sie nie Sorge hatte, wenn ich stundenlang allein im Wald unterwegs war. "Nein", sagte sie, "ich habe dir vertraut."

Vielleicht geht es genau darum: um Vertrauen. Nicht nur ins Kind, sondern auch in sich selbst. Die Schwemme an Erziehungsratgebern ist Ausdruck einer Verunsicherung, weil wir Eltern uns selbst nicht vertrauen. Und unser Verlangen, das Kind allzeit zu schützen, ist, so scheint mir, Ausdruck dafür, dem Kind nicht genügend zu vertrauen. Natürlich war früher vieles leichter, weil es weniger Möglichkeiten gab, alles richtig zu machen. Es gab keine Bioprodukte, nicht mal Kindersitze im Auto. Und dass mein Vater sich Gedanken über meine Erziehung machte, halte ich für nahezu ausgeschlossen, er war einfach, wie er war, und das vermittelte er mir. Wenn ich aus Protest schrie, sagte er zu meiner Mutter: "Lass ihn brüllen, das kräftigt die Stimme."

Heute klingt dieser Satz ungeheuerlich. Dabei bringt er eine Eigenschaft zum Ausdruck, die vielen Eltern abhandengekommen ist, die aber zu ihrer Kernkompetenz gehören sollte: Gelassenheit.

Anders als mein Vater muss ich mich manchmal dazu zwingen, nicht zu reagieren, wenn mein Sohn etwas will, ich aber gerade lese. Das Gute für uns beide ist: Es fällt mir zunehmend leichter.