Eines Tages, es muss etwa sieben Jahre her sein, fällt es Martin Dornes auf. Was in den Zeitungen über den Zustand der Familien und die Lage von Kindern steht, passt nicht zu seinen eigenen Erfahrungen. Vom "Kampf der Generationen" liest er und von "immer mehr psychisch kranken Jugendlichen", von jungen Gewalttätern, die "immer brutaler zuschlagen". Viele Kinder, erfährt Dornes, bewegten sich kaum, weil sie dauernd vor dem Fernseher oder Computer säßen. Ihre Leistungen in der Schule seien miserabel ("Pisa-Katastrophe"). Und die Eltern hätten "das Erziehen verlernt".

Die Familie: eine Trümmerlandschaft.

Die Schulen: kaputtgespart.

Die Vereinbarkeit von Kindern und Karriere: nirgendwo so schwierig wie hierzulande.

So schallt es Martin Dornes entgegen.

Martin Dornes ist damals Mitte fünfzig, sein Sohn und dessen Freunde stehen an der Schwelle zum Erwachsensein. Sie sind weder Computerjunkies noch Schulabbrecher geworden. Die jungen Menschen, die Dornes kennt, erscheinen ihm selbstbewusst und "lebenspraktischer", als er selbst es früher war. Wenn seine Frau, eine Gesamtschullehrerin, nach Hause kommt, erzählt sie keine Horrorgeschichten. Und beim Wort "Erziehungsversagen" denkt Dornes eher an seine eigene Jugend Anfang der sechziger Jahre. "Abends ließ uns mein Vater zum Heftappell antreten. Bei einer Zwei in Latein gab es Dresche."

Aber womöglich, denkt sich Dornes, ist das bildungsbürgerlich geprägte Frankfurter Nordend, wo er wohnt, der falsche Ort, um den Niedergang von Erziehung und Bildung mitzuerleben. Als Wissenschaftler weiß Martin Dornes, dass persönliche Eindrücke nur Splitter der Wirklichkeit sind.

Dornes ist Psychologe und Soziologe. Er arbeitet am Frankfurter Institut für Sozialforschung. Das ist keine Einrichtung, die für oberflächlichen Kulturoptimismus bekannt wäre. Als Autor mehrerer Bücher zur frühen Kindheit (Der kompetente Säugling) hat Dornes sich einen Namen gemacht. Also beschließt er, die wichtigsten Forschungsergebnisse der vergangenen Jahrzehnte zusammenzutragen: über Familien und Erziehungsstile, über Medienkonsum und Leistungsdruck, über den Gesundheitszustand der Kinder und Jugendlichen in Deutschland.

Das Vorhaben wächst sich zu seinem größten wissenschaftlichen Projekt aus. Im Arbeitszimmer seiner stuckverzierten Altbauwohnung reihen sich bald ein Dutzend Meter Bücher zum Thema. 15 Registerkästen mit mehr als 10.000 Seiten kopierter Fachaufsätze stehen auf dem Boden. Vier Jahre lang sammelt Dornes Befunde. Als er seine Recherche beendet, kommt er sich vor wie ein Ethnologe, der von einer langen Forschungsreise zu einem berüchtigten Indianerstamm zurückkehrt. "Wie war es?", fragt seine Frau. "Alles halb so wild", antwortet er. Die bösen Eingeborenen sind eigentlich ganz nett.

Denn was Martin Dornes aus den Studien, Befragungen und epidemiologischen Untersuchungen für sein Buch Die Modernisierung der Seele herausdestilliert hat, liest sich wie der spiegelbildliche Gegenbefund zur Katastrophenberichterstattung: Noch nie wuchsen Kinder und Jugendliche in Deutschland so sicher und umsorgt, gesund und zufrieden, gebildet und wohlhabend auf wie heute. Eltern erziehen kindgerechter und zugewandter als Mütter und Väter in früheren Zeiten. Nie war es einfacher, eine Familie zu gründen, in der jeder gute Chancen hat, glücklich zu werden. "Generation ADHS", "Generation Porno", "Generation Stress" – alles Schlagwörter fern der Realität. "Mediale Artefakte", sagt Martin Dornes.

Sein Lektor verspricht sich viel von dem Buch. Schließlich ist die Botschaft ebenso originell wie aufmunternd. Beim Verlag überlegt man, welche Interviewanfrage man zuerst bedienen soll.

Mit masochistischer Wonne kaufen die Deutschen Bücher übers Kinderleid

Es kommen aber keine Interviewanfragen. Auch die Rezensenten nehmen das Werk kaum zur Kenntnis (die ZEIT bringt eine Notiz von 20 Zeilen). Das Buch versinkt im Meer der Neuerscheinungen. Bis heute liegen große Teile der ersten Auflage von 2012 auf Halde.

Man kann mit Büchern über Kinder, Erziehung und Bildung durchaus Auflage machen. Viel Auflage. Bloß erzählen diese Bücher andere Geschichten. Die Erziehungskatastrophe, Tatort Familie und SOS Kinderseele heißen sie . In den Bestsellern dieses Genres überlassen Eltern ihre Kinder der Digitalen Demenz oder schwirren als Helikopter-Eltern über ihren Köpfen.

Die Deutschen kaufen diese Geschichten mit geradezu masochistischer Wonne. Auch wenn die Thesen auf maßlosen Übertreibungen, belegfreien Behauptungen und irregeleiteter Nostalgie fußen. Und sich permanent widersprechen: Mal heißt es, die Eltern verzärteln ihre Kinder und vernachlässigen deren Erziehung. Dann wieder machen sie sich schuldig, indem sie ihren Nachwuchs von einem Frühförderkurs zum nächsten treiben. Mal nimmt die Leistungsbereitschaft der Schüler dramatisch ab. Dann wieder ächzen sie unter dem G-8-Stress.

Von der weitverbreiteten Krise der Familie ist sogar überzeugt, wer selber im Alltag das Gegenteil erlebt. Laut einer Allensbach-Umfrage meinen nur 20 Prozent der Deutschen, hierzulande sei der Zusammenhalt in den Familien stark. Aber 82 Prozent finden, in ihrer eigenen Familie herrsche große Verbundenheit.

Eine gelb getünchte Villa in ruhiger Lage der Bonner Weststadt, man geht eine Treppe hinauf, schon steht man im Notstandsgebiet. Hier arbeitet der Kinderpsychiater Michael Winterhoff. Im Obergeschoss hat er seine Wohnung, seine Patienten empfängt er in den lichtdurchfluteten Behandlungsräumen darunter. Im Eingang wirbt ein Plakat für Winterhoffs neuestes Buch.

Fünf Titel sind mittlerweile unter seinem Namen erschienen. Alle heißen sie ähnlich: Warum unsere Kinder Tyrannen werden, Tyrannen müssen nicht sein, Persönlichkeiten statt Tyrannen ... Fast durchweg wurden sie Bestseller. Die Liste von Winterhoffs geplanten öffentlichen Auftritten, einzusehen auf seiner Homepage, reicht bis ins nächste Jahr. Über ein Aufmerksamkeitsdefizit kann der Autor nicht klagen.

Kaum hat man im Behandlungsraum Platz genommen, breitet Winterhoff seine düsteren Visionen aus. Demnach wächst in Deutschland eine Generation von Egoisten heran, "lustorientiert", "leistungsunfähig" und "narzisstisch". Tyrannen eben. Vor 20 Jahren, sagt Winterhoff, habe es pro Klasse zwei, drei verhaltensauffällige Kinder gegeben. Heute seien nur noch wenige Schüler störungsfrei. Selbst an vielen Gymnasien sei "ein geregelter Unterricht nicht mehr möglich".