Absolute Macht korrumpiert absolut, heißt es – genau genommen allerdings provinzialisiert sie. Denn wer über große geopolitische Macht verfügt, steht abseits des Lebens, das fast die gesamte Menschheit führt, ein Leben praktisch ohne Macht.

Mit Provinzialität jedenfalls ließe sich das Wunschdenken erklären, das seit Ende des Kalten Kriegs in Europa und Amerika die Reden der Politiker ebenso bestimmte wie die Artikel in den Mainstream-Medien, denen zufolge sich nämlich die liberale Demokratie westlichen Stils sowie der Kapitalismus schrittweise im Rest der Welt durchsetzen würden. In den vergangenen Monaten hat ein Ereignis nach dem anderen diesen Optimismus zerstört und weite Teile der westlichen Elite sprachlos und verblüfft zurückgelassen.

So sind Dschihadisten und ultrazionistische Siedler dabei, die von Europa erschaffenen Grenzen des Nahen Ostens neu zu ziehen. Narendra Modi, neuer Premierminister Indiens und damit der "größten Demokratie der Welt", ist verwickelt in einen Massenmord an religiösen Minderheiten. Autoritäre Führer, antidemokratische Strömungen und rechter Extremismus definieren die Politik in Israel, Burma, Sri Lanka, Thailand, der Türkei und Ägypten. Seit Langem schon verwischen blutige Aufstände in Zentralafrika die Landesgrenzen. In Nordafrika ist das durch die Intervention des Westens angeblich gerettete Libyen zum ersten gescheiterten Petrostaat geworden.

Die gängigen Reaktionen auf dieses Krisengewirr sind Wehklagen über die Schwäche Amerikas und Vorwürfe, was Barack Obama als Präsident der "einzigen Supermacht" alles zu tun versäumt habe – sie sind Resultat ebenjenes Denkens, dessen Standpunkt die geostrategische Macht ist.

Wer an die Fähigkeit des Westens glaubte, globale Entwicklungen zu prägen, gab sich seit 1989 gern der rückblickenden These hin, dass das 20. Jahrhundert vom Kampf zwischen liberaler Demokratie auf der einen und totalitären Ideologien wie Faschismus und Kommunismus auf der anderen Seite geprägt gewesen sei. Dieser im Westen gepflegte Diskurs machte die Tatsache vergessen, dass das bedeutsamste Ereignis des 20. Jahrhunderts das Ende der Kolonialzeit war und das Auftauchen neuer Nationalstaaten in Asien und Afrika – von Staaten, die aus den Trümmern der westlichen Reiche aufstiegen. Ein Prozess übrigens, in dem Kolonialismusgegner häufig im Streit standen mit Demokratien, die zugleich entschieden imperialistisch waren: Winston Churchill etwa, der große Retter der westlichen Demokratie, galt bei seinen indischen Untertanen als rassistischer Unterdrücker.

Doch wer auf hohen Abstraktionsebenen schwebt und während des Kalten Kriegs den Umgang mit Nationalstaaten gewohnt war, die praktischerweise in Blöcke und Superblöcke unterteilt waren, für den war es schon immer zu anstrengend, sich in das Gewirr aus Unterschieden und Eigenheiten vorzuwagen, aus denen die reale Welt besteht. Und jetzt steht er ratlos vor der großen Unordnung, die sich seinem Blick bietet.

Im 20. Jahrhundert waren Asiaten und Afrikaner die Dominanz leid, die Europa über ihre Gesellschaften ausübte, und sie suchten nach Wegen zu wahrer Souveränität. Dafür war das westliche Modell der Nationenbildung eine Inspiration, etwa für Mao Zedong in China oder für Irans demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh. Dass Westeuropas relativ kleine Staaten so viel Erfolg gehabt hatten, galt vielen Asiaten und Afrikanern als Beweis dafür, dass Völker mithilfe einer Einrichtung wie dem Nationalstaat ihre Kollektivmacht enorm steigern können.

Gelernt hatte Europa diese Lektion durch die schnellen Siege Napoleons. Viele andere europäische Gesellschaften eigneten sich daraufhin das Wissen an, wie man ein modernes Militär effektiv einsetzt, die Wirtschaft industrialisiert und ein Gefühl von Zusammenhalt und Solidarität aufbaut, vornehmlich durch die Definition eines äußeren Feindes.

Wir alle stehen sprachlos vor einer brennenden Welt

Als die 1940er Jahre halb um waren, hatten Europas konkurrierende Ausprägungen des Nationalismus die schlimmsten Kriege begangen und die schwersten Verbrechen gegen religiöse und ethnische Minderheiten verübt, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. Unter amerikanischer Schirmherrschaft und gezwungen von den Notwendigkeiten des Kalten Kriegs, mussten die westeuropäischen Nationen nach dem Zweiten Weltkrieg umdenken. Ihre politischen und wirtschaftlichen Beziehungen mussten an Feindseligkeit verlieren. Ihr Umdenken sollte schließlich zur Europäischen Union führen.

Doch die neuen postkolonialen Nationalstaaten hatten bereits eine eigene Reise in Richtung Modernität begonnen. Zu leben wie die Europäer und die Amerikaner, das war es, was uns im Asien und im Afrika der postkolonialen Ära die sozialistischen und säkular-nationalistischen Ikonen versprachen – unsere Nehrus, Nassers, Nkrumahs, Maos und Sukarnos. Doch die Dampfwalze des industriellen Kapitalismus hat es in der nicht westlichen Welt nie vermocht, die Religionen zu überrollen.

Nicht nur Islam, Hinduismus und russisch-orthodoxe Kirche, auch quietistische Religionen wie der Buddhismus erlebten unter repressiven Regimen und inmitten der Ärmsten der Armen ein militantes Revival. Sei es in Indien, Thailand, der Türkei oder in Ägypten – auch die Mittelschicht legt heute mehr Sympathien für autoritäre Anführer wie Erdoğan und Modi an den Tag als für Rechtsstaatlichkeit und soziale Gerechtigkeit.

Egal, ob im Osten und Süden oder im Westen und Norden – wir alle stehen sprachlos vor einer brennenden Welt, weil wir uns Illusionen hingegeben hatten: der Illusion, Asien und Afrika würden im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs säkularer werden, rationaler, weniger religiös; der Illusion, die liberalen und aufgeklärten Mittelschichten, die der Kapitalismus entstehen lässt, würden den Weg zur Demokratie ebnen und so weiter. Diese späthegelianischen Fantasien ließen außer Acht, dass sich das westliche Modell, durch rasches Wirtschaftswachstum die Nationenbildung voranzutreiben, außerhalb des Westens gar nicht kopieren ließ.

Was Westeuropa und die Vereinigten Staaten an politischen und wirtschaftlichen Institutionen und Ideologien aufweisen, ist das Ergebnis von Ereignissen, die nur dort auftraten und nur dort auftreten konnten, seien es Revolten gegen die Macht der Kirche, industrielle Neuerungen oder kapitalistische Konsolidierung als Folge kolonialer Eroberungen.

Zur Wahrheit gehört auch, dass während des Kalten Krieges westliche Ideologen die Geschichte des Kapitalismus im Westen auf absurde Weise schönten. Dass die Nabelschnur zurückführt zu imperialistischen Eroberungen und weitverbreiteter Unterdrückung, unterschlugen nur einige wenige Beobachter nicht, beispielsweise der französische Sozialphilosoph Raymond Aron. Nirgendwo in Europa waren, das wusste Aron, "während der langen Jahre, als die industrielle Bevölkerung rasch wuchs, die Fabrikschlote in den Vororten aufragten, Eisenbahnstrecken und Brücken gebaut wurden, persönliche Freiheit, Wahlrecht für alle und das parlamentarische System in Kombination zu finden". Tatsächlich ist das Zeugnis für die Nationalstaaten des mittleren 20. Jahrhunderts beschämend für all diejenigen, die davon träumen, dass im Zusammenspiel mit dem Kapitalismus auch die liberale Demokratie eine weltweite Blüte erlebt.

Müssen wir uns also wirklich darüber wundern, dass im heutigen Russland Marktwirtschaft ohne Demokratie floriert? Auch China hat eine Form kapitalistischer Modernität erreicht, die ohne liberale Demokratie auskommt. Länder wie Myanmar und Pakistan, die nicht gründlich genug oder zu inbrünstig durchdacht waren, haben ihre Geburtsfehler hingegen nicht überwinden können und schwanken seit einem halben Jahrhundert zwischen zivilen und militärischen Despoten. Und in den Nationalstaaten, die aus dem Osmanischen Reich entstanden, deckelte bis zum Arabischen Frühling ein erbarmungsloser Despotismus die sektiererischen Feindseligkeiten. Mit seinem Sturz flammt wiederum der militante Hass von Neuem auf, wie der Zerfall des Iraks, Libyens und Syriens zeigt.

Ländern wie China, Vietnam und dem Iran gelang es allerdings, nach Volksaufständen neue dominante staatliche Strukturen zu errichten. Sie sehen stabil und in sich geschlossen aus, wenn man sie mit einer traditionellen Monarchie wie Thailand oder vollkommen künstlichen Nationalstaaten wie dem Irak oder Syrien vergleicht. Chomeini und Mao begründeten blutige Regime, die schreckliche interne und externe Konflikte überstanden haben – den Koreakrieg, die Iran-Irak-Kriege, die Kulturrevolution und viel Blutvergießen in inneren Machtkämpfen –, und zwar auch deshalb, weil die Ideologie, die hinter der Nationenbildung stand, beim Großteil der Untertanen Zustimmung fand.

Andere Nationalstaaten wie Indien, Indonesien und Südafrika sind zwar auf dem Papier Demokratien, tun sich aber schwer damit, angesichts des globalen Kapitalismus den nationalen Konsens zu wahren. Die dominierende Moral des Kapitalismus – das primitive Anhäufen von Reichtum und das vordringliche Befriedigen persönlicher Wünsche – schwächt zusätzlich die innere Einheit jener Nationalstaaten, die ohnehin mit ethnischen und religiösen Entfremdungen und mit sektiererischen Aufständen zu kämpfen haben.

Außerhalb des Westens galt das Streben nach sozialer Gerechtigkeit und Gleichberechtigung der Geschlechter einst als unerlässlicher Bestandteil der Modernisierung, zu erreichen durch geplantes und geschütztes Wirtschaftswachstum. Heute hat Modernisierung die Bedeutung, die Reagan und Thatcher ihr gegeben haben: Privatisierung und Deregulierung (und für viele Länder Deindustrialisierung und die politische Unterwerfung unter die Märkte). So kommt es, dass China als ehemals egalitärste Gesellschaft der Welt heute eine noch größere Schieflage aufweist als die Vereinigten Staaten – ein Prozent der Bevölkerung besitzt nun ein Drittel des gesamten chinesischen Vermögens – und dass das Land seine sozialen Brüche durch einen harten Nationalismus zu entschärfen sucht, der sich gegen seine Nachbarn und vor allem gegen Japan richtet.

Wir müssen zunächst die Welt betrachten, wie sie tatsächlich ist

Scheindemokratien wie Indien und Israel mussten mitansehen, wie ihre Grundlage, das Streben nach Wohlstand für alle, radikal umgestaltet wurde durch neoliberale Politiker und majoritäre Nationalisten, die nun versuchen, ihren entfremdeten Untertanen Loyalität gegenüber einem "jüdischen Staat" beziehungsweise einer "Hindu-Nation" aufzuzwängen. Große Teile ihrer von Wut und Angst befallenen Bevölkerung sind anfällig für Demagogen geworden. Interessanterweise ist das größte muslimische Land der Welt, Indonesien, das nach einer langen Phase der Despotie so klug war, die Macht zu dezentralisieren, von der religiös-politischen Mobilmachung deutlich weniger stark betroffen als andere Länder.

Dieses bunt gemischte Bild verlangt von uns, genauer auf die Eigenheiten und Einzelheiten zu achten, auf die widersprüchliche Dynamik von Nationenbildung und modernem Kapitalismus und auf die speziellen historischen Erfahrungen der nicht westlichen Gesellschaft – anstatt geistlos die westliche Demokratie und die westliche Freiheit zu feiern.

Nur die hoffnungslos Selbstzufriedenen werden wohl heute noch behaupten, dass der Western Way of Life der beste ist und dass der Rest der Welt ihn getreulich mithilfe von Nationbildung und Kapitalismus westlicher Ausprägung kopieren sollte. Dogmen, mit denen alle über einen Kamm geschoren werden, sind in einer beunruhigend vielfältigen und schnelllebigen Welt nicht mehr gefragt – in einer Welt, in der die blutverschmierte europäische Idee vom Nationalstaat im Kalifat des IS ihre furchtbarste Ausprägung gefunden hat. Der Mensch ist sehr gut darin, sich selbst zu täuschen und zu schmeicheln, aber unsere derzeitige Verwirrung können wir nur abschütteln, wenn wir zunächst die Welt betrachten, wie sie tatsächlich ist, und erst dann überlegen, wie wir sie gerne hätten.

Aus dem Englischen von Matthias Schulz

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

English version: "The west is not a model for the rest"