Büchsenwurf. Alle 30 Sekunden taucht das Wort auf, das hier mehr ist als nur ein Wort, es erscheint auf dem Bildschirm über dem Empfang und verschwindet wieder. Büchsenwurf – Erinnerungsfetzen durchzucken einen, 7 : 1 gegen Inter Mailand, die fliegende Limonadendose, der simulierende Boninsegna, das Scheitern im Wiederholungsspiel. Büchsenwurf, Sinnbild einer Vergangenheit, die hier nicht vergehen will.

Auf dem Weg zur Geschäftsstelle von Borussia Mönchengladbach ist einem die Vergangenheit schon entgegengesprintet und entgegengeflogen: in Form des jungen Jupp Heynckes, Torjäger der Siebziger, und als junger Uwe Kamps, Torhüter der Achtziger und Neunziger, auf den Fotos in der vereinseigenen Sports-Bar im Borussia Park. Hennes Weisweiler, die Legende, hat dem Besucher dort die Meisterschale unter die Nase gereckt und Stefan Effenberg, typisch, hat ihm die 10 auf dem Rücken zugedreht. Und jetzt, an der Schwelle zur Schaltzentrale des Vereins, taucht auch noch der Büchsenwurf aus dem Gestern auf. "So heißt hier eine Loge", erklärt die Empfangsdame. "Andere Logen heißen Pfostenbruch oder Zwölf zu Null". VIP-Logen. Gladbach hat seinen Mythen Wände und Türen verpasst, einen teuren Premiumblick aufs Spielfeld dazu. Und, in den letzten dreieinhalb Jahren, auch ein wenig neue Nahrung.

Dank ihm: Lucien Favre, Fußballlehrer und für viele Gladbachs bester Trainer seit dem Fohlenpeitscher Weisweiler, sitzt in einem kleinen Besprechungsraum des Borussia Parks, ein Tisch, vier Stühle, Pressesprecher – und die Bude ist voll. Der 57-Jährige trägt ein weißes Gladbach-Leibchen, mit Borussen-Raute über dem Herzen, Kappa-Logo am Ärmel und knallgelbem Brustbalken mit dem Namen des Sponsors. Zweikampfdress für Pressetermine.

"Darf ich?", fragt Favre mit einem Lächeln, als er nach den Grenzen des jüngsten Gladbacher Wachstums gefragt wird, den sportlichen wie den finanziellen. Favre schnappt sich Block und Kugelschreiber des Besuchers und fängt an zu schreiben. "Sehen Sie", sagt er "Hamburg hat Holtby verpflichtet, Behrami, den Schweizer, Nico Müller aus Mainz, Green von Bayern München ..."

Über Favre hängt ein wandgroßes Foto, Günter Netzer und Sandro Mazzola beim Handschlag, Netzer mit Netzer-Mähne, Mazzola mit Italo-Schnäuzer. Es ist der 20. Oktober 1971, Achtelfinale des Europapokals der Landesmeister – das Büchsenwurfspiel.

"Hoffenheim war letzte Saison schon sehr, sehr gut – jetzt haben sie einen neuen Torhüter ...", Favre malt Positionen auf den Block, "zwei neue Mittelfeldspieler, einen neuen Topstürmer ..."

Favre braucht das Netzer-Mazzola-Foto nicht anzuschauen, um zu wissen, dass die Vergangenheit in Gladbach etwas ganz Besonderes ist, dass sie immer mitspielt. Und weil zu den fünf Meisterschaften und drei Pokalsiegen, zum 7 : 1-Mythos und der Fohlenlegende noch der Anti-Establishment-Appeal der siebziger Jahre hinzukommt, spielt sie hier stets ein bisschen mehr mit als anderswo. Bis heute ist für viele Gladbach nicht nur ein Verein, sondern Ausdruck einer Lebenseinstellung. Selbst für Leute, die sie gar nicht (mehr) leben.

Favre weiß das alles. Er weiß, dass er die Gewichte des Gestern in Richtung Zukunft schleppen muss. Dass sie umso schwerer wiegen, je mehr Hoffnungen er und seine Mannschaft wecken.

Favre spricht jetzt über Stuttgart und Hertha BSC, über "starke Mannschaften", die sich "top verstärkt" hätten. Er schreibt den Namen "Kalou" auf den Zettel, ohne den Blick von seinem Gegenüber abzuwenden. "Nicht zu bezahlen für Gladbach."

Und Favre weiß natürlich, dass das Netzer-Mazzola-Bild nicht nur zu groß ist für den kleinen Besprechungsraum im Borussia Park. Es ist zu groß für das heutige Gladbach, zu groß für einen Profifußball, in dem immer mehr Geld für immer weniger Vereine die Hierarchien zementiert, sie so undurchlässig werden lässt wie das indische Kastensystem. Und weil Favre all das weiß, weiß er auch, dass andere am Ende oben stehen werden: "Wir müssen realistisch bleiben: Die Saison 2014/15 ist für uns ein Jahr der Stabilisierung."

Seit Februar 2011 stabilisiert der Realist Favre nun Gladbach, den Verein mehr als den Sehnsuchtsort. Er hat die Mannschaft vor dem sicheren Abstieg in die zweite Liga gerettet, im Jahr darauf auf Platz vier gehievt, die zukunftsbedrohende Entfernung von Dante, Roman Neustädter und Marco Reus, des "Rückgrats", wie Favre sagt, aufgefangen und den Verein, nach mittelschweren Komplikationen wie dem Zwölf-Millionen-Flop Luuk de Jong, nun in die Europaliga geführt, den Vorhof des alten Ruhms. Kein anderer Bundesligatrainer hat in dieser Zeitspanne mit bescheidenen Mitteln so nachhaltig gearbeitet wie der Bauernsohn aus St. Barthélemy, einem 700-Seelen-Ort in der französischsprachigen Schweiz. "Schritt für Schritt, Spiel für Spiel, Jahr für Jahr" – so lautet Favres Mantra. Doch mit jedem Schritt nach vorn nährt er den Mythos Gladbach, den er zugleich Tag für Tag bekämpfen muss. Wie nach Mailand kommen, wenn schon in Leverkusen die Geldberge den Weg versperren? Vielleicht liegen dort ja schon die Grenzen des Wachstums, am Fuße der Geldberge.

"Einen Moment bitte", Favre schnappt sich wieder Stift und Block, "das muss ich jetzt zuerst auf Französisch aufschreiben und dann übersetzen", und murmelt vor sich hin, was er zu Papier bringt. "Quelqu’un qui dit ce qu’il sait, dit aussi ce qu’il ignore – Jemand, der sagt, was er weiß, sagt auch, was er nicht weiß." Dieser Jemand ist Marcelo Bielsa, ehemaliger Nationaltrainer von Argentinien und Chile. Heutzutage, so verkündete Bielsa unlängst, könnte ein Trainer höchstens zwei Jahre lang dieselbe Mannschaft trainieren, dann habe er sich verbraucht. "Das mag für Bielsa und seine Methoden gelten, stimmt aber nicht generell."

Abnutzung gebe es immer, meint Favre. Er begegnet ihr mit Offenheit, der Offenheit, sich infrage zu stellen, zu verändern, sich dem Spiel wie der Zeit anzupassen. Alles werde immer schneller, analysiert Favre, "die Flugzeuge, die Züge, das Internet, der Fußball". Schnell sein in seinen Gedanken, seinen Bewegungen, seinen Handlungen – darauf komme es nun an. "Nichts geht ohne Technik oder Schnelligkeit im Fußball. Aber Spielintelligenz ist heute das Wichtigste, die Basis für alles." Früher hätte man auch als reiner Kämpfer oder Dauerrenner Karriere machen können. "Das geht heute nicht mehr. Wenn du nicht antizipierst, nicht weißt, wie du enge Spielsituationen auflöst, bist du verloren." Also hält er nach entsprechendem Personal Ausschau.