DIE ZEIT: Wo sehen Sie die Hauptbedeutung von Medizinanwendungen fürs Smartphone?

Markus Müschenich: Erstens geht die Internetmedizin vom Patienten aus. Der bewertet Ärzte, holt sich seine medizinischen Informationen aus dem Netz, nimmt eine aktive Rolle ein. Und aktive Patienten werden auch gesund. Zweitens lässt unser Gesundheitswesen die Patienten in ihrem Alltag bisher komplett alleine. Sobald ich die klassischen Stationen des Gesundheitswesens – Krankenhaus, Arztpraxis, Apotheke – verlasse, bin ich einsam. Das Handy dagegen habe ich im Alltag immer dabei.

ZEIT: Sind die Ärzte darauf vorbereitet?

Müschenich: Noch vor ein paar Jahren hätte ich das verneint. Aber die Ärzte und Krankenkassen begreifen langsam: Die Patienten haben jetzt diese Werkzeuge, und wenn sie keinen deutschen Arzt finden, der mit ihnen eine Telesprechstunde im Netz macht, dann gehen sie auf eine britische oder Schweizer Website. Oder sie suchen sich die Informationen bei Bloggern und Heilern, die möglicherweise nicht so gut sind wie die Ärzteschaft.

ZEIT: Es gab in Deutschland eine lange Diskussion um digitale Patientenakten; da ist aus Datenschutzgründen vieles nicht gemacht worden. Die Nutzer der neuen Apps scheinen sich dagegen nicht um ihre Daten zu sorgen.

Müschenich: Es gibt auf jeden Fall Regulierungsbedarf – eine App kann die gleiche Wirkung haben wie ein Medikament, das ist kein Spaß. Andererseits: Ich habe einmal hochgerechnet, wie viele Leute jedes Jahr in Deutschland sterben, weil aufgrund der Nichtvernetzung keine Informationen vorhanden sind, wo sie akut gebraucht werden. Ich bin auf 80.000 Tote gekommen. Die Botschaft ist nicht: Wir brauchen keinen Datenschutz, sondern: Wenn wir den Datenschutz so hochhalten, dass er alles blockiert, dann riskieren wir das Leben vieler Menschen.

ZEIT: Wie stellt man die Qualität der Apps sicher?

Müschenich: Die Start-ups, die ich berate, sind die patientenorientiertesten Unternehmen, die ich kenne. Wenn ich die frage: Wie datensicher seid ihr denn?, dann beten die sofort runter, welche Sicherheitstechnologien sie haben. Und wenn ich frage: Wo steht euer Server?, dann gucken die mich verständnislos an und sagen: Natürlich in Deutschland. Im Übrigen wird der Bundesverband Internetmedizin in Kürze zusammen mit dem TÜV Rheinland ein Zertifizierungssiegel herausbringen.

ZEIT: Fördert die neue Technik die Hypochondrie? Je mehr Informationen ich habe, umso mehr kann ich auch die Daten als Anzeichen für irgendwelche Krankheiten sehen.

Müschenich: Das sind die sogenannten Cyberchonder. Ich bin selber Kinderarzt und hatte eine Mutter in der Praxis, die sagte: Mein Kind hat hohes Fieber und wahrscheinlich eine Lungenentzündung. Es stellte sich heraus, das Kind hatte 37,2 Grad Fieber und hatte einmal gehustet. Da habe ich gefragt: Haben Sie vielleicht eine Oma zu Hause, die Sie mal fragen können? Hatte sie nicht. Mit anderen Worten: Die Kinderarztpraxen sind auch deshalb voll, weil es keine Omas mehr gibt. Nun können wir keine Omas produzieren, aber die Information, dass 37,2 Grad kein hohes Fieber ist und einmal Husten keine Lungenentzündung, das kann eine App schon leisten.