Friedrich August von Hayek (1899 - 1992) © Hulton Archive/Getty Images

Er selbst war vermutlich am meisten überrascht von seiner plötzlichen Berühmtheit in den USA. Angereist aus Großbritannien, um eine Reihe kleinerer Vorträge anlässlich der Veröffentlichung seines neuesten Buchs im Jahr zuvor zu halten, sah sich Friedrich August von Hayek schon auf der ersten Station seiner Reise in der New Yorker Town Hall einem voll besetzten Auditorium von 3.000 Zuhörern gegenüber. Der Verlagsagent ließ ihn kurz davor noch wissen, dass er nicht nur 45 Minuten, sondern genau eine Stunde sprechen müsse, da der Vortrag auch im Radio übertragen werde und so besser ins Sendeformat passe.

Vor genau 70 Jahren wurde Hayeks The Road to Serfdom(Der Weg zur Knechtschaft) veröffentlicht. Die Publikation sollte sich als einschneidendes Ereignis nicht nur für Hayeks Leben, sondern auch für die Geschichte des modernen Kapitalismus erweisen.

Bis zu dieser Wegscheide war der 1931 aus Wien nach Großbritannien emigrierte Ökonom allenfalls dem interessierten Fachpublikum bekannt. In Erscheinung getreten war er in seiner neuen Heimat in erster Linie als intellektueller Gegenspieler John Maynard Keynes’, mit dem er sich Debatten über Geld- und Konjunkturpolitik sowie über Ursachen und Lehren aus der Weltwirtschaftskrise geliefert hatte. Als Fachökonom genoss er Respekt, doch seine Positionen in den wirtschaftspolitischen Debatten wurden durch den sich abzeichnenden Siegeszug des Keynesianismus zusehends marginalisiert. Auch die damit verbundenen Frustrationen mögen eine Rolle bei Hayeks Entschluss gespielt haben, mit dem Weg zur Knechtschaft die Konventionen des ökonomischen Fachdiskurses zu überschreiten: Um ein breiteres Publikum zu erreichen, gab sich das stellenweise ins Polemische abgleitende Buch nicht einmal den Anschein wissenschaftlicher Werturteilsfreiheit.

Hayek argumentierte, dass der Totalitarismus sowohl in seiner sozialistischen wie auch seiner faschistischen Version sich zwangsläufig aus dem Versuch gesellschaftlicher Planung ergebe. Die Güterproduktion und -verteilung zentral zu koordinieren erfordere über kurz oder lang nicht nur die Abschaffung von Rechtsstaat und Demokratie, sondern auch ideologische Indoktrination und die Etablierung eines repressiven Herrschaftsapparates.

Die eigentliche Provokation des Buches lag jedoch in der damit verbundenen These, dass der "Weg in die Knechtschaft" auf schiefer Ebene verlaufe: Begebe sich eine Gesellschaft erst einmal durch kleinere planerische Eingriffe in das Marktgeschehen auf diesen abschüssigen Pfad, dann gebe es kein Zurück mehr. Was als gut gemeinte sozialdemokratische Korrektur des Marktes beginnt, muss schließlich im Totalitarismus enden. Konkret beschwor Hayek die Gefahr, dass Großbritannien zwar den Krieg gegen den Faschismus gewinne, aber etwa durch den Ausbau des Sozialstaats oder Verstaatlichungen von Unternehmen selbst in die unheilvolle Dynamik der Knechtschaft gerate.

Obwohl es später zum Bestseller avancierte, fand das Buch beim britischen Establishment, aber auch bei anderen Ökonomen zunächst keinen großen Beifall. Rückblickend hat Hayek selbst die Situation so zusammengefasst: "Keynes starb [im Jahr 1946] und wurde zu einem Heiligen; und ich diskreditierte mich selbst durch die Veröffentlichung von Der Weg zur Knechtschaft." Heute gilt dieses Buch weithin als ein Schlüsselwerk jenes Denkens, das unter dem Namen Neoliberalismus für die Modernisierung liberaler Vorstellungen sowohl mit Blick auf die Märkte als auch die Politik eintrat und damit längst nicht nur die wirtschaftswissenschaftlichen Institute der Universitäten eroberte. Hayeks Karriere als Fachökonom war damals hingegen auf Jahre beendet – er war nun ein öffentlicher Intellektueller.

Diesem verweigerte zwar kurioserweise das Economics Department an der University of Chicago noch Jahre später mit ausdrücklichem Verweis auf den Weg zur Knechtschaft die Berufung, doch vor allem in den USA öffneten sich die Türen einflussreicher Konservativer und, was noch wichtiger war, auch deren Geldschatullen. Denn Hayek hatte den Plan gefasst, eine transatlantische Gesellschaft gleichgesinnter Akademiker zu gründen, um neoliberale Reformideen zu entwickeln und diese Vorstellungen in Elitendiskurse und die öffentliche Diskussion im Allgemeinen zu tragen.