Wer einen Blick auf die Onlineforen und -kommentare von Blogs oder namhaften Zeitungen wirft, stellt fest: Der Ton ist oft ruppig bis gewalttätig. Persönliche Angriffe auf den Autor oder die Autorin des kommentierten Textes sind Standard. Beschäftigen sie sich dann noch mit Themen wie der Gleichstellung homosexueller Partnerschaften, Gender, Feminismus, dem Islam oder Einwanderungspolitik, dann ist der Shitstorm programmiert.

Heftiger geht es nur noch auf Twitter zur Sache. Auffällig viele wütende Männer habe diese digitale Öffentlichkeit für sich entdeckt: Sie schließen sich in Horden zusammen, um gezielt auf einzelne Personen loszugehen – augenscheinlich auf solche, die ihnen als verantwortliche Symbolfiguren für den Untergang des WHM (weißen heterosexuellen Mannes) erscheinen.

Folgt man dem amerikanischen Soziologen Michael Kimmel, dann resultiert die Wut dieser weißen Männer aus einem Gefühl der Entmännlichung. Hinter der Wut stehen in der Tat nicht selten tragische persönliche Geschichten wie beispielsweise eine traumatische Trennung oder Scheidung, der Entzug des Sorgerechts für ein Kind oder ein Arbeitsplatzverlust. Persönliche Schicksale werden – entindividualisiert und verallgemeinert – zu politischen Botschaften, mit denen die wütenden Männer in den Geschlechterkampf ziehen. Es ist das Gefühl einer persönlichen Niederlage, die sie zu politischen Kriegern macht, deren Wut sich vor allem gegen all jene richtet, die ihrer Meinung nach die Zerstörung einer sicheren Ordnung zu verantworten haben: Progressive, Frauen, Ausländer, Homosexuelle.

Doch ist die Geschichte der "Angry White Men" keineswegs eine reine Verlierergeschichte. Speziell in Deutschland ist die Debatte schon lange auch die eines saturierten, einflussreichen konservativen Feuilletons. Es scheint eine unausgesprochene Allianz zu geben zwischen den verbalen Amokläufern im Web 2.0 und einigen arrivierten Journalisten, die sich über den "feminisierten Journalismus" ereifern und die es sich zum Markenzeichen gemacht haben, eine "mutige" beziehungsweise "unpopuläre" Meinung zu vertreten, sich also gegen den vermeintlichen "linken Mainstream" zu positionieren. Bei den Web-2.0-Kriegern fällt auf, dass sie sich oft auf "höhere Autoritäten" berufen – gern auf Ikonen des Bildungsbürgertums wie Cicero und Nietzsche oder auf Repräsentanten der Qualitätsmedien. Umgekehrt sehen diese Journalisten, die sich dabei wohl als konservativ verstehen, vermutlich ihre Legitimität als Repräsentanten einer angeblichen "schweigenden Mehrheit" durch die Onlinekrieger bestätigt, auch wenn sie sich vom "Pöbel" natürlich abgrenzen würden.

Bei den zornigen weißen Journalisten lassen sich mehrere Typen unterscheiden, die sich in Bezug auf Stil, die Genese des Ressentiments und die Radikalität durchaus unterscheiden. Da wäre zum Beispiel, als sehr gemäßigte Variante, der Typus Dandy-Konservativer. Angetrieben wird sein Schreiben von einem biografisch bedingten Ekel vor linkem "Gutmenschentum" und vom nie versiegenden Bedürfnis, mit den 68er-Eltern und -Lehrern abzurechnen. Ein Beispiel für diesen Typus ist Jan Fleischhauer; auf Spiegel Online steht ihm mit dem Schwarzen Kanal sogar eine eigene Rubrik zur Verfügung, in der er lustvoll die linken Geister seiner Vergangenheit austreiben kann. Hauptsächlich bedient er die Ressentiments seines eigenen konservativen Milieus. Häufig vorkommende Topoi sind bei ihm die übertriebene politische Korrektheit von Medien und (linken) Politikern sowie die Regulierungswut des Staates, die sich für ihn unter anderem in der Frauenquote für Führungspositionen manifestiert. Je mehr sich allerdings das publizierende Umfeld radikalisiert, je aggressiver der Ton in Onlinekommentaren wird, desto moderater – ja linker – wird er. Denn in schlechter Gesellschaft will er mit seiner Meinung nicht sein.