Eine genau gegenläufige Entwicklung hat ein anderer Typus des zornigen weißen Journalisten schon durchgemacht: der gewendete Ex-Linke, wie ihn Reinhard Mohr verkörpert. Seine linke Vergangenheit dient ihm als Legitimationsbasis für sein neues Konservativsein. In seinem Buch Bin ich jetzt reaktionär? Bekenntnisse eines Altlinken (erschienen in Jahr 2013) regt er sich über "Graffiti-Schmierereien" ebenso auf wie über ungepflegte "Altlinke", die sich in Restaurants nicht zu benehmen wüssten. Insbesondere aber betreibt er ausgiebig Vergangenheitsbewältigung. Am meisten verabscheut er seine damaligen Alter Egos, die im Gegensatz zu ihm noch heute an linken Idealen festhielten. Sie sind für ihn inzwischen die wahren Spießer und Reaktionäre, Menschen, die "die einmal gefasste Lebenseinstellung praktisch unverändert über die Jahrzehnte retten".

Der dritte Typus, der intellektuelle Berserker, hat weniger Angst, sich die Finger schmutzig zu machen; er stürzt sich, laut brüllend, ins Getümmel. Zu diesem Typus, der eher reaktionär als konservativ ist, gehört der Journalist und Buchautor Matthias Matussek. Er tobt und polemisiert in seinen aktuellen Texten in der Welt gegen die aus seiner Sicht übertriebene Aufmerksamkeit, die Homosexuellen in Deutschland zuteil würde, und gegen diejenigen, die die "Polarität der Schöpfung" infrage stellten – gemeint sind die "natürlichen" Unterschiede zwischen Mann und Frau. Matusseks Vokabular nähert sich gelegentlich dem der "White Web Warriors" an. So verkündete er stolz: "Ich bin wohl homophob, und das ist auch gut so."

Was die sogenannten konservativen Journalisten und die White Web Warriors eint, sind neben den inhaltlichen Interessen bemerkenswerterweise bestimmte Reizwörter, die auffällig oft den Reflex auslösen, verbal loszuschießen. Zu den Reizwörtern gehören "Homo-Ehe", "Genderstudies" und "Gender Mainstreaming" – und neuerdings: das "Paprikaschnitzel". Dass es sich bei allen Reizwörtern in erster Linie um Pappkameraden handelt, zeigt vor allem das jüngste Buch von Peter Hahne, Rettet das Zigeunerschnitzel. Es trägt den bezeichnenden Untertitel: Werte, die wichtig sind. Dass ein Schnitzel beziehungsweise dessen Soße neuerdings zum konservativen Wert ausgerufen wird, hat ausnahmsweise nichts mit dem Veggie-Day zu tun (obwohl diese Debatte in einer ähnlichen Kategorie stattfindet). Die Tatsache, dass ein Wort wie "Zigeunerschnitzel" zur konservativen Bastion aufgebaut wird, zeigt aber auch, worum es den Angry White Men geht: Sie möchten sich nicht damit abfinden, dass sich Sprache mit gesellschaftlichem Wandel und Fortschritt ebenfalls wandelt. Was die zornigen weißen Journalisten und die White Web Warriors eint: Sie kämpfen gegen eine gefühlte kulturelle Enteignung.

Die Debatten der Genderstudies und die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften stellen ihren Lebensstil in Frage. Sie zeigen auf, dass Frauen nicht für die Hausarbeit geboren sind und Männer nicht die Einzigen, die meinungsstarke Artikel publizieren können. Und sie zeigen, dass es mehr gibt als die klassische Hetero-Kleinfamilie. Insofern ja: Aus ihrer Perspektive schaden neue Lebensmodelle den alten. Denn sie stellen durch ihre bloße Existenz die Norm bereits infrage.

Und so tobt der Deutungskampf. Nicht nur im Netz.