Was soll das? Woher stammt das? Und vor allem: Wem gehört das? Ja – wem? Gute Frage. Es ist die Frage, die Silke Reuther beschäftigt.

Vor Reuther liegen stumpfe Messer, verbogene Teelöffel und angelaufene Suppenkellen, die aussehen, als hätte jemand Omas Besteckschublade ausgekippt und als hätte Oma ihr Silber ewig nicht geputzt. Monatelang hat die Kunsthistorikerin die Geschichte des Bestecks recherchiert. Reuther ist Provenienzforscherin am Museum für Kunst und Gewerbe. Das heißt: Sie ermittelt die Herkunft – und vor allem die Vorbesitzer der Schätze des Museums.

Provenienzforschung, das kennt man aus der bildenden Kunst, aber Reuthers Schwerpunkt ist der angewandte Teil der Kunsthistorie. Ist das nicht langweilig, die Vergangenheit von Dingen zu durchleuchten, die aussehen wie Flohmarktkrempel? Keineswegs. Wer sich mit Reuther auf Spurensuche durch ihr Museum begibt, stößt auf Fragen und Geschichten, die dekorative Objekte mit Schicksalen verbinden. Vom 12. September an werden die Ergebnisse ihrer Forschung in einer Ausstellung gezeigt.

Das Museum für Kunst und Gewerbe, dieser cremefarbene Bau hinterm Hauptbahnhof, brummt in diesen Tagen. Japaner, Ostsee-Urlauber und Winterhuder Schulklassen flanieren durch die Säle, bewundern Madonnen und Gobelins, Silberpokale und französische Fayence, asiatische Teeschalen, Mode, Plakatkunst der zwanziger Jahre und, und, und. Rund 500.000 Objekte umfasst die Sammlung. 600 davon sind in der Zeit zwischen 1933 und 1945 angekauft worden.

Auf diese Zeit konzentriert sich die Schau unter dem Titel Raubkunst, auf Objekte also, die "NS-verfolgungsbedingt" enteignet wurden, wie die Provenienzforscher sagen. So war das auch mit dem Silber, das so flohmarktartig aussieht: Es stammt von jüdischen Familien, deren Besitz 1939 beschlagnahmt wurde. Als "Metallspende für das Reich" sollte es eingeschmolzen und in Waffenschmieden wiederverwendet werden. Zwei Museumsleiter prüften damals, ob manches davon interessant genug sei, um den Beständen einverleibt zu werden. Aber es häufte sich so viel an, dass sie nicht fertig wurden. Bei Kriegsende fanden sich nicht weniger als 30.000 Gegenstände im Tresorraum der Finanzdeputation, im "Silberkeller".

Die britische Militärregierung ordnete die Rückgabe der Schätze an die Enteigneten an. Aber das war nicht so einfach. Deswegen vereinbarte die Stadt Hamburg 1958 mit der Jewish Trust Conference einen Abgeltungsbetrag – schon der Begriff ein Euphemismus –, zu zahlen für Teile, deren Besitzer nicht mehr ausfindig gemacht werden konnten. Etwa eine Tonne Silber blieb übrig und wurde auf Hamburger Museen verteilt. Nie hervorgeholt, nie beforscht, nie bewältigt, sondern ratlos beschwiegen. "Es ist ein Ausgleich gezahlt worden – und trotzdem geht man mit diesem Silber nicht unbefangen um, man kann es nicht einfach so zeigen, es ist kein normales Sammlungsgut", sagt Reuther.

Doch nicht nur der Silberschatz, auch die 600 in der NS-Zeit gekauften Objekte sind eine Riesen-Herausforderung für die Provenienzforschung: Sind es Sammlerstücke, womöglich auch Gebrauchsgegenstände aus dem Besitz jüdischer Familien, die Geld für die Flucht benötigten? Sind es von dubiosen Kunsthändlern erworbene Objekte, die von längst in Konzentrationslagern verschwundenen Hamburgern stammten?

Diesen beklemmenden Fragen spürt Silke Reuther nach. "Wir nehmen diese historische Verantwortung ernst und beschäftigen uns mit unserer Sammlung: Wie sind die Exponate eigentlich hierher gekommen? Was für eine Geschichte haben sie? Welchen Kontext gibt es drum herum?", sagt sie. Ganz freiwillig hat diese Forschung nicht eingesetzt. 1998 hat Deutschland das Washingtoner Abkommen unterzeichnet. Es verpflichtet Museen, NS-verfolgungsbedingt enteignetes Kulturgut, insbesondere aus jüdischem Besitz, ausfindig zu machen und zurückzugeben.