Diesmal bleibt alles ruhig. Die Besucher im Stuttgarter Staatstheater sind freundlich und entschweben in die höheren Sphären allgemeiner Ratlosigkeit. René Pollesch hat gerade sein neues Rätselstück aufgeführt, der Titel ist ein Zungenbrecher, irgendwas mit "Hedley Lamarr". Viel wichtiger ist natürlich, dass Harald Schmidt mitspielt, er gibt einen vertrottelten Professor, das macht er großartig. Schmidt ist ein Superstar, man kennt ihn aus Funk und Fernsehen. Den Regisseur Pollesch kennt das Publikum nur vom Hörensagen, man sagt, er sei "umstritten". "Was soll ich hier?", fragt ein Theaterbesucher. "Was soll ich hier?", fragt eine Pollesch-Figur auf der Bühne. "Bin ich im falschen Stück?"

Ästhetisch konservative Gemüter können René Pollesch nicht ausstehen. Sein Name steht für alles, was schiefläuft an deutschen Bühnen – der Verlust an Geist und Seele, an Schönheit und Tiefe. Polleschs Werk sei die Clownerie eines Begabten, und seitdem er mit seinen Instant-Stücken die deutschen Bühnen überflute, sehe man auf ihnen keine echten Menschen mit echten Gefühlen in echten Geschichten mehr. Postdramatisches Theater, sagen die Verächter, ist totes Theater, die schreckliche Nachgeburt des postmodernen französischen Denkens. Die Postmoderne war das Läuten der Pariser Nachtglocke, und wer ihr folgte, sei nie wieder lebend gesehen worden. "Scheiß Deleuze!", ruft eine Pollesch-Figur einmal. Na bitte. Sie sagt es sogar selbst.

Den Konservativen gefällt Polleschs Wortspieltheater nicht, aber den Linken gefällt es auch nicht. Die Liebe hat sich abgekühlt, weil Pollesch der Kapitalismuskritik in den Rücken falle. Wer glaube, man könne die Wirklichkeit auf dem Theater nicht mehr darstellen, der nehme den Leuten jede Hoffnung, sie politisch zu verändern. Doch die Gesellschaft bestehe nicht aus Wörtern, sondern aus Machtverhältnissen. Das Kapital ist der Fürst dieser Welt. Bernd Stegemann, Dramaturg an der Berliner Schaubühne, hat ein äußerst lesenswertes Buch über die Kritik des Theaters geschrieben, in dem er mit postmodernen Inszenierungstechniken abrechnet (Verlag Theater der Zeit). Mancher Pfeil trifft auch den ungenannt bleibenden René Pollesch. Stegemann glaubt, dass Kapitalisten sehr froh sind über Theaterstücke, in denen widerständige Menschen verschwinden und die Welt angeblich nur aus Inszenierungen besteht, nur aus Symbolen, Texten und Werbemüll. Dann bleibe nämlich alles beim Alten.

Alles falsch? Nein, fast alles richtig, die Kritiker haben Pollesch verstanden, auch wenn einige gern über seine Unverständlichkeit klagen. Tatsächlich inszeniert Pollesch Wortspiele, bei ihm gibt es keine wetterfesten Charaktere, die Figuren sind weder sie selbst, noch sind sie jemand anders – sie sind etwas dazwischen. Das Ich könnte auch ein anderer sein, manchmal wechselt eine Pollesch-Figur die Rolle wie das Hemd und probiert neue Lebensstile wie Konfektionsware. Wer aus einer Pollesch-Aufführung kommt, kann wenig erzählen, vermutlich kann er nicht einmal über das Stück streiten, denn es gibt darin keine geschlossene Story, es gibt nur Überfalltheater, harte Schnitte, überhitzte Bonmots, Wortkaskaden mit Erzählfragmenten und Theoriepartikeln, manchmal auch Videos. Das Ganze gleicht einer Soap, einer bunten Nummernrevue, sehr schnell, sehr cool und grundkomisch. "Splatterboulevard" oder "Snuff-Comedy" nennt Pollesch sein Theater, aber vielleicht meint er es nur ironisch. Seine Stücke heißen Bambi Sickafossee oder Insourcing des Zuhause – Menschen in Scheißhotels. Oder: Liebe ist kälter als das Kapital. Gern auch: Schmeiß Dein Ego weg. Das neue Stück an der Berliner Volksbühne trägt den Titel House for sale, das klingt schon fast salonfähig.