Als alles verloren scheint, schaut Antje Hermenau auf Dresdens Altstadt und lächelt. Hier oben, auf der sonnigen Dachterrasse des Landtags, lassen sich die jüngsten Rückschläge gut ordnen: das magere Grünen-Ergebnis bei der Landtagswahl. Die Kritik der Partei an ihrer Spitzenkandidatin Hermenau. Und deren Ankündigung, sich nach zehn Jahren vom Fraktionsvorsitz zurückzuziehen. Die 50-Jährige hätte also allen Grund, geknickt zu wirken.

Doch sie lächelt. "Ich habe diese Partei drei Mal in den sächsischen Landtag geführt", sagt sie. "Ich habe ihr eine Machtoption eröffnet. Mehr kann ich nicht leisten." Vor drei Jahren hat sich Hermenau protestantisch taufen lassen. Sie sagt: "Gott stellt uns in die Situation, in die er uns stellt. Und er erwartet, dass wir sie bewältigen." Mit ihrem Seelsorger habe sie schon ein Jahr vor der Wahl alle möglichen Szenarien besprochen: Rauswurf der Grünen aus dem Landtag, erneute Opposition, Schwarz-Grün, Rot-Rot-Grün. Sie braucht das Gefühl, für jede Eventualität gewappnet zu sein. Erst recht in diesen aufreibenden Wochen.

Nach dem enttäuschenden Abschneiden der Grünen ist nun ein lange schwelender Konflikt offen ausgebrochen. 5,7 Prozent errang die Partei bei der Landtagswahl Ende August, 0,7 Prozentpunkte weniger als vor fünf Jahren. Die Grünen hatten sich acht Prozent erhofft. Das Minus allein erklärt aber nicht die Heftigkeit, mit der sich die Parteiführung seither vor und hinter den Kulissen bekämpft. In dem Ringen geht es um mehr. Um alte Rechnungen, wechselseitige Demütigungen und die Frage, wie Sachsens Grüne zur Macht stehen. Mittendrin steht Hermenau.

An diesem Donnerstag führen Grüne und CDU erste Sondierungsgespräche. Ohne das rhetorische und taktische Talent Hermenaus wäre es nicht so weit gekommen. Zwar hätte Schwarz-Grün eine Mehrheit von vier Landtagssitzen. Doch am Tag nach der Wahl sagte die Landesvorsitzende Claudia Maicher mit düsterer Miene in die Kameras: "Ich spreche mich nicht gegen eine Regierungsbeteiligung aus. Ich sehe in dem Ergebnis aber keinen Auftrag der Wähler." Trotzdem votierte der Parteirat fünf Tage später mit großer Mehrheit für Sondierungen.

Dass ihre Partei sich dazu durchgerungen hat, liegt auch an Hermenaus Beharrlichkeit. Die langjährige Fraktionschefin ist aber ebenso mitverantwortlich für den Streit, der seither bei den Grünen tobt.

"Ich bin wahrscheinlich konservativer als die meisten Grünen in Sachsen", sagt Hermenau. "Das wurde mir in den letzten Jahren immer mehr bewusst." Sie streitet für die erste schwarz-grüne Koalition in einem ostdeutschen Bundesland. "Manche werfen mir vor, ich hätte vor der Wahl zu klar gesagt, was ich will." Aber was, fragt sie, hätte sie anderes tun sollen, als offen für Schwarz-Grün zu sein, als die Umfragen am Ende nur noch diese Option erkennen ließen? Vor der Wahl das eine behaupten und danach das andere tun? "Das nenne ich Erschleichen. Die Fähigkeit zu heucheln ist mir aber nicht gegeben."

Viele ihrer Parteifreunde, urteilt Hermenau, wollten Schwarz-Grün aus Bequemlichkeit nicht: "Häufig erlebe ich es als eine Ausrede. Verantwortung ist anstrengend, Opposition scheint bequemer." Lange blieb der Konflikt beherrschbar. Doch seit am Wahlabend klar wurde, dass es für Schwarz-Grün reichen würde, herrscht ein Machtkampf zwischen großen Teilen der Partei und ihrer bekanntesten Vertreterin. Zunächst sah es so aus, als würde Hermenau ihn verlieren.