Wir hatten uns das so schön vorgestellt. So bilderbuchmäßig richtig. Unser Sohn, den ich für diesen Artikel Ben nenne, geht in die Schule, und sein Vater und ich begleiten das. Unterstützend würden wir zur Seite stehen, wenn er unsere Hilfe brauchte. Wenn er aus der Schule käme, würden wir ihn fragen, wie es gewesen sei und was er aufhabe. Wenn er seine Hausaufgaben machte, würden wir einen Blick drauf werfen, und wenn er nicht weiterkäme, helfen.

Ja, so war es auch. Manchmal. Wenn ich jetzt, mein Sohn ist 17 Jahre alt und macht bald Abitur, zurückblicke, dann überwiegen andere Erinnerungen. Daran, dass er ständig angeblich nichts aufhatte. Daran, dass er schon allein klarkäme. Daran, dass mich nichts anginge, was in der Schule los sei. Und auch daran, dass das alles schon so in Ordnung sei, wie er das mache. Alles war immer in Ordnung. Selbst dann, wenn kein Mensch sein Gekrickel lesen konnte. Wenn die vielen durchgestrichenen Wörter aussahen wie ein Haufen Stöcke in einem Wald nach dem Sturm, nicht wie ein Text. Laut Ben würde das aber niemanden stören. Schon gar nicht die Lehrer. Wenn die das dann überraschenderweise ähnlich gesehen hatten wie die blöden Eltern und er die Übung noch mal machen musste, gehörten sie zu denen, die keine Ahnung hatten. Schon gar keine davon, worauf es ankommt.

Die ersten Jahre sind einfach. Die Grundschule ist in der Regel ein Ort, der Respekt einflößt. Meist ist Schule mehr ein Spiel. Als begleitende Eltern werden wir vom Kind nicht infrage gestellt. Es gehört dazu, dass wir zum Elternabend gehen, dass wir in die Hefte gucken, dass wir wissen, was rund um die Schule los ist. Kind, Eltern, Schule bilden ein Dreieck, das auch unser Sohn akzeptierte. Zurückblickend würde ich sagen, Ben war elf, zwölf Jahre alt, als er die Lötstelle löste, an der seine Seite mit unserer verbunden war. "Schule", das sollte uns nun immer weniger angehen, das "mache" er schon. Das Ergebnis: Wir bekamen immer weniger mit. Weder wussten wir, wann Arbeiten geschrieben würden, noch wie diese ausgefallen waren. Elternabende gingen unbesucht an uns vorüber. Den Vogel schoss Ben ab, als er an einem Montagmorgen sagte: "Ach übrigens, die Klassenfahrt ist am Mittwoch." Worauf ich fragte: "Welche Klassenfahrt? Welcher Mittwoch?"

Dabei fragten wir ständig, was anstünde, ob er Hilfe brauchte. Nur, Ben sagte: "Nein." Immer. Seine Zeugnisse wurden schlechter. Doch Ben wollte keine Unterstützung, keine Anteilnahme, nix. Wir sollten ihn in Ruhe lassen. Mich machte das wütend. Ich fühlte mich hilflos. Auch, weil ich finde, dass es zum Muttersein gehört, dass ich mich kümmere. Dass ich Anteil nehme und unterstütze. Alle paar Wochen leerte ich seine Schultasche, um ein wenig Information zu bekommen. Das fand Ben übergriffig. Das war es auch, und ich fühlte mich schlecht dabei. Aber es war meine Möglichkeit, mitzubekommen, dass er in Latein schon wieder eine Fünf geschrieben hatte. Und eine in Mathe. Und, dass vor zehn Tagen das Büchergeld eingesammelt worden war.

Ich habe später, als seine Pubertät mich in den Wahnsinn zu treiben drohte, den Pubertäts-Ratgeber von Jesper Juul gelesen. Juul, stets Anwalt der Kinder, rät dazu, den Nachwuchs ernst zu nehmen. Seine Abgrenzung, sein "Ich mach das schon" als Zeichen zu werten, dass er selbstständig sein will. Dass er sich Dinge zutraut, dass er sich ausprobieren will. Probieren heißt scheitern. Scheitern, das ist mir im Laufe der Jahre klar geworden, ist für uns Eltern schwierig auszuhalten. Wir wissen, wie die Welt funktioniert, wir können in die Zukunft sehen, wir wissen, dass man nicht gut sein kann, wenn man nicht lernt, also wollen wir, dass unsere Kinder lernen. Weil man in der Schule gut sein muss. Unsere Sicht der Dinge soll ihre Sicht der Dinge sein.

Mir hat das Buch von Juul geholfen, entspannter zu sein. Ben zu lassen und mich weniger aufzuregen. Es wurde schöner zu Hause, wir hatten weniger Streit. Juul rät, mehr Fragen zu stellen. Statt zu sagen: "Deine Mathenote ist beschissen, Du musst mehr tun!", habe ich gefragt: "Du bist ja echt schlecht in Mathe. Meinst du, du bräuchtest Nachhilfe?" Wenn er dann "Nein" gesagt hat, und er hat Nein gesagt, hatte ich eine Gesprächsgrundlage. Konnte sagen: "Ich fände es schade, wenn du dir wegen Mathe das Zeugnis versaust." Oder schlicht fragen: "Warum nicht?"

Etwas anderes, das mir geholfen hat, war, dass ich meinen alten Lehrer getroffen habe, dem ich verzweifelt den Notenabgrund schilderte, in den mein Sohn hineinrauschte. Kalle Gläser lachte nur und sagte: "Mach dir keinen Kopf, das muss so sein. Vor allem bei Jungs. Der fängt sich wieder."

Und – so war es. Irgendwann blieb der Fahrstuhl ins Desaster einfach stehen. Am Ende der neunten Klasse kam Ben und sagte: "Ich glaub, ich möchte jetzt Mathenachhilfe."

Ich hätte in all den Jahren nicht gedacht, dass er "sich fangen" würde, dass er irgendwann Eigeninitiative zeigen und sich um die Schule kümmern würde. Aber so ist es gekommen: Ben nimmt die Schule ernst und entscheidet sehr bewusst, wie viel Aufwand sie ihm wert ist. Er entscheidet sich nicht immer so, wie ich es richtig finde, aber auch das ist Teil der Schullaufbahn unserer Kinder: dass wir Eltern zwischen ihnen und uns zu unterscheiden lernen. Dass wir begreifen, dass sie nicht wir sind und unsere Träume nicht ihre sein müssen. Wir wundern uns oft, warum sie so sperrig sind. Wir wollen, dass unsere Kinder aufs Gymnasium gehen, und sehen sie als Anwalt oder Firmenchef und beim Studium im Ausland. Also wollen wir, dass sie sich anstrengen, damit sie das realisieren können. Wir wollen, dass sie die "Weichen für ihre Zukunft" stellen. Aber wir vergessen, zu gucken, ob unsere Kinder diese Gedanken auch haben. Oder ob etwa das Gymnasium tatsächlich ihrem Naturell, ihren Fähigkeiten entspricht.

Jetzt, wo die Schule bald hinter uns liegt, denke ich manchmal, sie wird überschätzt. Wir machen viel zu viel Gewese um Leistung und darum, gut sein zu müssen. Es tut mir heute leid um die vielen Stunden und Tage, die wir uns mit Streit wegen der blöden Schule versaut haben. An denen sein Vater und ich gemeckert haben, weil Eltern meinen, das tun zu müssen, wenn die Kinder den von Erwachsenen erdachten Leistungsgedanken nicht teilen wollen. Aus heutiger Sicht würde ich nicht noch einmal diese Rolle einnehmen wollen. Ich wäre entspannter, weil ich denken würde, der wird schon seinen Weg finden, auch ohne beste Noten. Ich glaube mittlerweile, wenn man den Kindern die Möglichkeit gibt, sich ihren Fähigkeiten entsprechend zu entwickeln, wenn man helfend zur Seite steht und Türen öffnet – und das muss nicht die des Gymnasiums sein –, dann werden die ihren Weg gehen. Das ist nur eben nicht zwangsläufig der, den man selbst für sie vor Augen hat.