An einem Morgen vor zwei Jahren steht ein fünfjähriger Junge in einer süddeutschen Kleinstadt vor seinem Kleiderschrank. Vor ein paar Tagen ist er mit seiner Familie aus Berlin hierher gezogen. In der Kita ist er der Neue. Wie er es seit zwei Jahren gern tut, entscheidet er sich, einen Rock anzuziehen. Der Junge mag es luftig um die Beine, er liebt die bunten Stoffe und schmückt sich gern mit ihnen. Die ersten Röcke und Kleider hat er sich zusammen mit seiner Schwester angezogen. Mittlerweile besitzt er eigene. Doch anders, als er es in den letzten zwei Jahren in Berlin-Kreuzberg erlebt hat, wird sein Rock an diesem Tag zum ersten Mal zum Problem.

"Du siehst aus wie ein Mädchen", "Das ist falsch, was du anhast", rufen ihm die Kinder in der neuen Kita zu. Sie grenzen ihn aus, hänseln ihn. Als sein Vater ihn abholt, fragen die anderen Eltern: "Machen Sie sich denn keine Sorgen, dass ihr Sohn schwul werden könnte?"

Jungs tragen keine Röcke. Jungs tragen dunkle Farben, Power-Ranger-T-Shirts und spielen mit Baggern. Röcke sind für Mädchen, genau wie Rosa und Prinzessin Lillifee. So vermittelt es zumindest die Werbeindustrie und ist damit äußerst erfolgreich: In der Gesellschaft gibt es klare Vorstellungen davon, was männlich und was weiblich ist. Wer da nicht mitspielt, muss sich rechtfertigen. Eltern, die ihre Kinder nicht nach diesen Mustern erziehen, gelten als abgedreht und verantwortungslos.

Woher kommen diese Bilder? Ist es tatsächlich die Natur, die Jungs wild und aggressiv und Mädchen brav und redebedürftig macht? Oder sind es Kultur und Erziehung, die Geschlechtervorstellungen formen? Seit Jahrzehnten polarisiert diese Frage die Wissenschaft.

Nils Pickert ist der Vater des kleinen Jungen im Rock. An einem warmen Sommertag sitzt er in einem Hamburger Café und erzählt. Mit seiner weiten Jeans, dem dunklen T-Shirt und kurzen, braunen Haaren fällt er nicht weiter auf. Aber die Sätze, die er sagt, klingen anders als die der meisten Väter: "Es ist nicht meine Aufgabe, meinen Sohn von seiner Vorliebe für Röcke abzuhalten. Es ist meine Aufgabe, ihm dabei zu helfen, sie selbstbewusst zu tragen." Nils Pickert will, dass sein Sohn ohne Geschlechtsstereotype aufwächst.

Lange Zeit galt typisch weibliches und typisch männliches Verhalten auch in der Wissenschaft schlicht als angeboren. So will der US-amerikanische Neurologe Norman Geschwind in den 1970er Jahren nachgewiesen haben, dass die vermutete größere rechte Hirnhälfte bei Jungen für eine größere mathematische und künstlerische Begabung sorge. Andere Wissenschaftler vermuteten, der höhere Testosteronspiegel von Jungen führe zu besserem räumlichem und systematischerem Denken. Wieder andere wollten beweisen, dass der dickere Verbindungsstrang zwischen den weiblichen Hirnhälften Frauen sprachgewandter mache. All diese Studien bekamen viel Aufmerksamkeit in den Medien und werden zum Teil noch heute zitiert.

Das Problem ist: Sie sind wissenschaftlich nicht haltbar. Entweder stützen sie sich auf zu geringe Teilnehmerzahlen, ihre Ergebnisse sind nicht signifikant, nicht reproduzierbar, oder andere Wissenschaftler haben das Gegenteil bewiesen. Trotzdem hält sich vor allem in der Populärwissenschaft die These der "Männer vom Mars und Frauen von der Venus". Dabei sind die neurobiologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau kleiner als bisher angenommen. Und es gibt keine verlässlichen Studien, die aus diesen Erkenntnissen Rückschlüsse auf unterschiedliches Verhalten oder Vorlieben zulassen.

Im Gegenteil: Die kanadische Neurowissenschaftlerin Cordelia Fine hat vor zwei Jahren mit ihrem Buch Die Geschlechterlüge die Vorstellung von angeborenen Stereotypen kräftig ins Wanken gebracht. Ist es wirklich das Testosteron, das dafür sorgt, dass Männer besser rechnen können als Frauen? Wohl kaum, aber: Wenn man Frauen vor einem Mathetest erzählt, dass sie schlechter in Mathe sind, sie sich in einem Raum voller Männer befinden oder vor dem Test ankreuzen müssen, ob sie männlich oder weiblich sind, schneiden sie im Test schlechter ab als solche, die man vorher nicht auf ihr Geschlecht hinweist. Fine schlussfolgert: Das Gehirn ist wie eine fluide Masse, die sich erst durch die Interaktion mit der Umwelt entwickelt und verändert.

Eltern, Rollenbilder in Büchern, im Fernsehen, auf der Straße und bei Freunden. Das Geschlecht spielt von Anfang an eine große Rolle. Schon Neugeborene bekommen je nach Geschlecht ein rosafarbenes oder blaues Armband. Ihre Welt ist von vornherein in weiblich und männlich eingeteilt. Geschlechts"neutral" lässt sich ein Kind unter diesen Umständen kaum erziehen. Tatsächlich zeigen Studien, dass Eltern Jungen mehr Mut zutrauen als Mädchen. Beim Sprechen ist es umgekehrt: Mädchenmütter reden mit ihren Töchtern schneller und anspruchsvoller. Jungs werden eher auf mathematische Dinge und Formen hingewiesen, zum Beispiel darauf, wie viele Enten in der Badewanne schwimmen, als Mädchen. Ab drei Jahren verstehen sie sich selbst als Junge oder Mädchen.

In genau diesem Alter beginnt der Sohn von Nils Pickert Röcke zu tragen. Am Anfang verkleidet er sich mit seiner Schwester: Gibst du mir deinen Rock, geb ich dir meinen Pullover. "Wir haben ihn nie spüren lassen, dass es etwas Besonderes sein könnte, dass er einen Rock trägt", sagt Pickert. "Für uns war das ein Kleidungsstück wie jedes andere." In seiner Kita in Kreuzberg fiel der Sohn damit nicht auf. Dass Jungs ein rosa Fahrrad fahren oder mit Puppen spielen, war dort normal.

Umso mehr leidet der Junge unter den Hänseleien in der neuen Kita in der süddeutschen Provinz. Ein paar Tage trägt er keinen Rock und wird darüber sehr traurig. Schließlich bittet er seinen Vater um Hilfe: Ob er nicht auch Lust hätte, im Rock herumzulaufen? Pickert ist verdutzt. Männer tragen Hosen, erklärt er seinem Sohn, Röcke sind eher etwas für Frauen. "Na und?", fragt der Sohn zurück. Darauf hat Pickert keine Antwort mehr. "Letztlich hat er nicht viel von mir verlangt. Ein Rock ist bloß ein Stück Stoff", sagt er heute. Von einer Freundin borgt er sich einen, lang und rot.