"Erkenne dich selbst", stand einst über dem Tor des Tempels von Delphi. Manchmal möchte ich diesen Satz in die Mauern meiner Universität meißeln – als Erinnerung daran, was den Sinn des Studierens ausmacht. Leider sind viele von uns nur Karrierestudenten, die berufliches Fortkommen und künftige Verdienstmöglichkeiten über ihr Studienfach und ihre Studienzeit entscheiden lassen. Effizienz statt Leidenschaft, Faktenwissen statt Wissbegierde – der Langzeitstudent, der sich in Philosophiebüchern vergräbt und politisch involviert ist, stirbt langsam aus. Zugespitzt formuliert: Die Universitäten werden zur Idealisten-freien Zone.

Auch ich gehöre zu einer vom Aussterben bedrohten Art, denn ich studiere im elften Semester Geschichte. Dieses Fach wird mittlerweile nur noch von knapp drei Prozent aller Studierenden gewählt, andere geisteswissenschaftliche Fächer sind ähnlich dünn besetzt. Mir wird immer wieder gesagt, Geschichtsstudenten seien entweder Spießer oder Träumer, die am Ende bestenfalls einen Job im Museum abbekämen. Es gebe doch "effektivere" Studiengänge, die einen besser auf das Leben und den Arbeitsmarkt vorbereiteten. Denn wer, bitte schön, brauche noch Historiker in einer Zeit der Start-ups, der Branchenwechsel und sozialen Medien?

Die Antwort: Wir alle, wir haben nur verlernt, den Wert von Geschichte zu verstehen. Kurz vor Beginn der Französischen Revolution stellte sich Friedrich Schiller als neuer Professor vor die Studentenschaft der Universität Jena und hielt seine Antrittsvorlesung. Veröffentlicht unter dem Titel Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?. Sie gilt als eine seiner Meisterleistungen. Schiller stellt uns darin zwei Typen Mensch vor: den Brotgelehrten und den philosophischen Kopf. Während der Brotgelehrte an einzelnen, ihn betreffenden Aspekten der Gesellschaft, aber nicht an Zusammenhängen interessiert ist, studiert der philosophische Kopf, der wahre Historiker, die großen Zusammenhänge. Will ich Pragmatiker oder Idealist sein – das ist die Frage, die sich eigentlich jedem Studenten stellt.

Leider ist es so, dass Geschichte als Fach, aber auch als Denkart oft miserabel vermittelt wird. Das fängt bereits in der Schule an: Nach wie vor legen viele Geschichtslehrer den größten Wert auf das Auswendiglernen von Daten und Namen. Es wird so getan, als gäbe es nur eine Art der Welterklärung, nur eine Sicht auf Geschichte – ein echter Spaßkiller. Und eine vertane Chance, das Selberdenken zu wagen. Brotgelehrten-Geschichte eben.

Der philosophische Kopf hingegen lernt zu erkennen, dass Geschichte in erster Linie aus Aspekten menschlichen Handelns und Denkens besteht. Dass Geschichtsbewusstsein wenig mit Zahlen, aber viel mit Gefühlen zu tun hat.

Geschichtliches Denken heißt letztlich, den Menschen besser verstehen zu wollen und der Frage nachzuspüren, wie wir wissender und womöglich klüger in die Zukunft gehen können. Es waren immer Menschen mit historischem Bewusstsein, die Neues geschaffen und die Gesellschaft vorangebracht haben.

Die Gründung der Vereinten Nationen oder der Europäischen Union, die Wiedervereinigung Deutschlands und das weitestgehend friedliche Ableben der Sowjetunion waren Leistungen, die aus einem übergeordneten Verständnis von Geschichte hervorgegangen sind und zugleich ohne ein solches nicht erklärbar sind.

Der Historiker begnügt sich nicht damit, die Schlüsselmomente in der Geschichte zu betrachten, sondern auch ihre Wirkungen, die sich noch Jahrzehnte später entfalten können. Akute Krisen haben in der Regel eine lange, oft generationenübergreifende Vorgeschichte wie sich beispielsweise derzeit in der Ukraine zeigt. Hier entladen sich Spannungen, die schon wesentlich länger existieren als die jetzt handelnden Personen. Nicht nur Fragen von Grenzziehungen und Muttersprache, sondern auch die alte Rivalität zwischen Kiew und Moskau als Zentren orthodoxen Glaubens, die Erfahrungen der Ukrainer im Zweiten Weltkrieg, die sowohl für als auch gegen Nazi-Deutschland kämpften, und die Hunderttausenden ukrainischen Zivilisten, die von Deutschen und Russen deportiert wurden, sind Teil eines Bildes, das die aktuelle Krise in ihrer Komplexität zeigt. Diese Komplexität des Vergangenen zu erkennen ist unabdingbare Voraussetzung für richtiges Handeln im Heute.

Wenn wir wissen wollen, wohin wir gehen, sollten wir wissen, woher wir kommen

Sicher, ein Verständnis von Geschichte allein ist kein Garant für die Richtigkeit von Entscheidungen. Sehr wohl aber hat es eine wichtige Funktion im Entscheidungsprozess, weil es vor voreiligen Schlüssen bewahrt.

Das Fach Geschichte, in diesem Sinne verstanden, eröffnet dem Studierenden also eine zentrale, ja sogar bedeutende Rolle im gesellschaftlichen Leben: Der "philosophische Kopf", den Schiller meinte, beteiligt sich, stellt Fragen, erkennt verborgene Zusammenhänge – und hat die Chance, großen Ideen den Weg zu bereiten. Deshalb hat das Interesse an Geschichte stets einen idealistischen Aspekt, den Glauben an das Gute im Menschen und an seine Möglichkeiten. Ein Glaube, der sich immer wieder hochkämpft, der uns bereichert und manchmal auch überraschen kann.

In einer globalisierten, vernetzten und gehetzten Welt lohnt es sich, über die Vorzüge eines schillerschen Verständnisses von Geschichte umso mehr nachzudenken. Denn wenn wir wissen wollen, wohin wir gehen, sollten wir wissen, woher wir kommen. "Erkenne dich selbst", dieser Satz mag antik sein – aber nicht antiquiert.