Der Wiener Kongress gezeichnet von Jean Baptiste Isabey (1767-1855), in Kupfer gestochen von Jean Godefroy (1771-1839)

Am 24. März 2014 schlossen die Industrienationen der G 8 im Zuge der Krise in der Ukraine die Russische Föderation von ihren Treffen aus. Der Vorgang wird in Zukunft vielleicht einmal als ein symbolischer Wendepunkt gelten. Binnen weniger Wochen sind zentrale politische Beziehungen in Europa von einem System der Verhandlungen zu einem der Konfrontation verkommen.

Dieser abrupte Umschlag erinnert uns an verschiedene historische Vorläufer. Ein bemerkenswerter Zufall will, dass in diesem Jahr gleich zweien von ihnen gedacht wird: Während sich im August der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal jährte, steht dieser September im Zeichen des 200. Jahrestags der Eröffnung des Wiener Kongresses. Beide Ereignisse, das von 1914 und das von 1814, bilden die Koordinaten des "langen 19. Jahrhunderts", einer Periode relativer Stabilität in Europa. Während die Umstände, die 1914 dem Krieg vorausgingen, scheinbar mehr Ähnlichkeit mit der aktuellen Situation aufweisen, könnte 1814 den Europäern ein besserer Ratgeber sein, wie sie in der gegenwärtigen Krise mit Russland verfahren sollen.

Leider jedoch hat der Wiener Kongress bislang deutlich weniger Aufmerksamkeit auf sich gezogen als der Erste Weltkrieg. Zweifellos kitzeln Kriegsschilderungen die Sensationslust in der Regel stärker als Friedensverhandlungen. Es könnte aber auch ein anderer Grund eine Rolle spielen: Für viele ist der Kongress nach wie vor gleichbedeutend mit dem Triumph der Reaktion über den Liberalismus und den Geist der Französischen Revolution. Angehörige des Hauses der Bourbonen wurden als Könige Frankreichs, Spaniens und Neapels wiedereingesetzt; und als wäre das noch nicht genug, wurden die Pressefreiheit aufgehoben und Volksbewegungen unterdrückt. Der Krieg, der 1914 ausbrach, führte hingegen zur endgültigen Zerstörung der adligen Klassen und zum Zusammenbruch der Reiche und läutete das moderne Zeitalter der demokratischen Regierungsform ein.

Worum also ging es beim Wiener Kongress eigentlich? Handelte es sich lediglich um ein frivoles festliches Spektakel im Takt der Walzer? Ein zynisches Gerangel um Land zum ausschließlichen Nutzen der Großmächte? Oder eher um eine kluge Verhandlungsrunde, die auf der Grundlage pragmatischer Staatskunst unsicher gewordene Grenzen neu ziehen und neue Sicherheitsvorkehrungen für den Frieden in Europa finden musste? In Wirklichkeit war der Kongress all das und mehr.

Im Mai 1814 luden die siegreichen Alliierten Russland, Österreich, Preußen und Großbritannien die anderen europäischen Staaten dazu ein, bevollmächtigte Vertreter nach Wien zu entsenden. Am Ende des Sommers strömten Kaiser, Könige, Fürsten, Minister und Bevollmächtigte in der österreichischen Kapitale zusammen und ließen die Bevölkerung innerhalb der Stadtmauern um ein Drittel anschwellen. Das erste informelle Treffen der Minister aller vier alliierten Mächte fand kommende Woche vor genau 200 Jahren statt, am 19. September 1814.

Da der Friedensvertrag mit dem besiegten Frankreich bereits unterzeichnet war, ging es jetzt darum, territoriale Umverteilungen im Rest Europas vorzunehmen. Fast gleich zu Beginn der Verhandlungen brach eine Krise über das Schicksal Polens aus, die beinahe zu einem neuen Krieg zwischen den Großmächten geführt hätte. Polen – 1770 das zweitgrößte Land Europas – war durch eine Reihe von Teilungen komplett von der Landkarte verschwunden. Napoleon hatte versucht, es als Herzogtum Warschau wiederzubeleben, dem allerdings keine lange Dauer beschieden war.

In Wien schlug der russische Zar Alexander I. nicht weniger als eine Wiederherstellung Polens vor – mit sich selbst als König. Um Preußen für den Verlust seiner polnischen Gebiete zu entschädigen, plante er, ihm Sachsen zuzusprechen. Wie nicht anders zu erwarten, waren Österreich und das Vereinigte Königreich in heller Aufruhr über dieses Vorhaben, das die russischen Grenzen weiter nach Westen verschoben hätte.

Der österreichische Außenminister Fürst Klemens von Metternich wollte Russland nicht in der Nähe der Haupteinfallsrouten nach Wien wissen. Auch drohten die Pläne des Zaren Unruhe unter den Polen auszulösen, die noch unter österreichischer Herrschaft lebten, und Preußen in einen russischen Vasallenstaat zu verwandeln. Der britische Außenminister Lord Castlereagh wiederum war besorgt wegen der Zunahme der russischen Macht und des Zerwürfnisses zwischen Österreich und Preußen, das der Plan des Zaren nach sich ziehen konnte. Wie gut es auch immer gemeint war, das russische Projekt für Polen bedrohte Europas Sicherheit.