Wenn eine Partei im Osten plötzlich erfolgreich wird, dann zeigen die Wahlforscher auf die Provinz. Auf Orte, die auf den ersten Blick heute noch fast genauso aussehen wie vor der Wiedervereinigung. Nur dass es keine Schule mehr gibt, keinen Konsum-Laden und kein Freibad. Der Aufbau Ost ist an diesen Orten weitgehend vorbeigegangen und die Aufmerksamkeit der meisten Politiker auch. Kurz vor der Wahl waren viele dieser Dörfer blau, gepflastert mit den Plakaten der AfD. Und nun also sollen die Bewohner hier verantwortlich sein für die Überraschung der jüngsten Landtagswahlen in Thüringen, Brandenburg und Sachsen: Hier zieht die Alternative für Deutschland als neue Kraft in die Parlamente ein. In Thüringen bekam sie nur knapp zwei Prozentpunkte weniger als die SPD. In Brandenburg ist sie nun doppelt so stark wie die Grünen.

Die AfD greife eben die Wünsche von DDR-Nostalgikern auf, von wirtschaftlich Abgehängten und Einbruchsopfern an der polnischen und tschechischen Grenze, heißt es nun. Kurzum – sie kanalisiere die Wut der Wendeverlierer, sie sei eine typische ostdeutsche Protestpartei.

Nur erklärt das die zwei kleinen Sensationen nicht, die sich hinter dem Wahlerfolg der Partei verbergen. Die erste Sensation ist: Nicht die alten Wähler bescherten der als Altherren-Partei belächelten AfD ihren Erfolg. Es waren die jungen. In Brandenburg und in Thüringen zum Beispiel machten rund 15 Prozent der unter 35-Jährigen ihr Kreuz bei der AfD. Wahlforschern zufolge waren es vor allem junge Männer mit Abitur oder Mittlerer Reife, die sich nach einer eigenen Familie sehnen.

Die zweite Sensation ist: Ausgerechnet die jeder Form von Multikulti abgeneigte AfD ist so etwas wie ein Schmelztiegel der politischen Blöcke. Sie machte allen etablierten Parteien Wähler abspenstig, am meisten der Linken und der CDU; doch auch SPD und FDP verloren Zehntausende Stimmen an die AfD. Zusätzlich mobilisierte diese allerlei Nichtwähler. Es ist, als wachse da in einem ungeheuerlichen Tempo eine neue ostdeutsche Volkspartei heran. Und es stellt sich die Frage, wie das kommt. Vor allem aber: was junge Ostdeutsche in der AfD sehen.

Zwei Erklärungsansätze.

"Ich muss gestehen", sagt der Berliner Jugendforscher Klaus Hurrelmann, "dass auch mich der riesige Erfolg dieser Partei bei den jungen Wählern überrascht hat." Aber dieser Erfolg bestätigt doch eine Tendenz, die Hurrelmann in seinen Jugendstudien immer wieder herausstellt: Die Jugend dieses Landes tickt konservativ. Sie sehnt sich nach einem sicheren Job und einer harmonischen Familie, kurzum: nach einem wohligen Biedermeier-Leben ohne allzu viel Streit, ohne Parteiengezänk, ohne ideologische Grabenkämpfe. Für diese ein bisschen preußische, ein bisschen gemütliche Lebenseinstellung steht die AfD.

Die Partei geriert sich als fern jeder Gesinnung, das spricht viele Wähler an

Sie will den Bürger vor Zumutungen bewahren, vor der Zumutung einer EU-weiten Finanzpolitik zum Beispiel oder eben vor der Zumutung, sich um eine große Zahl von Flüchtlingen kümmern zu müssen. Hinzu kommt, sagt Hurrelmann, dass junge Wähler ohnehin weniger Scheu hätten, ihr Kreuz bei neuen, vielleicht auch verpönten Parteien zu machen. Auch wenn deren Mitglieder bisweilen aussehen, als seien sie gerade aus einem Geschichtslehrbuch über die Adenauer-Zeit gesprungen. Gerade dieses Biedere spricht viele junge Wähler offenbar an – es beruhigt sie. Wer Tweed-Sakkos aus dem vorigen Jahrtausend trägt wie der Brandenburger AfD-Chef Alexander Gauland, der macht sicherlich bodenständige Politik.

Erklärungsversuch Nummer zwei: Eines unterscheidet die AfD von allen anderen etablierten Parteien – sie präsentiert sich als unideologisch. In Sachsen forderte die AfD in den vergangenen Wochen eine stärkere Polizei, ähnlich wie etwa die CDU; sie verlangt mehr Betreuer an den Kitas, ähnlich wie die Linke; und sie will Volksentscheide erleichtern, ähnlich wie die Grünen. Parteichef Bernd Lucke sagte es so: "Wir lassen uns nicht einordnen ins klassische Rechts-Links-Schema! Wir sind die Partei des gesunden Menschenverstands." Diese zur Schau gestellte vermeintliche Gesinnungslosigkeit ist im Osten das Erfolgsrezept. Hier sind prozentual nur halb so viele Menschen Parteimitglieder wie im Rest der Republik.