Natürlich war er auch dabei, unter jenen ersten sechs silbern glänzenden Scheiben, die mein Vater aus dem Westen mitgebracht hatte; CDs nannten sie sich. Man konnte sie auf einem schwarzen Gerät abspielen, das CD-Player hieß und das uns Freunde in der Bundesrepublik geschenkt hatten – im Ost-Berlin des Jahres 1986 ein schier märchenhafter Besitz. Also hatten wir Alfred Brendel jetzt auch digital im Wohnzimmer in Prenzlauer Berg; er spielte Schuberts große B-Dur-Sonate, gefolgt von dessen Wandererfantasie, was sensationellerweise vonstatten ging, ohne eine Platte wenden zu müssen. Dank der Repeat-Taste wurden die himmlisch-abgründigen Endlosigkeiten des späten – herrje, gerade 31-jährigen, alsbald jedoch toten – Schubert noch endloser. Und der unvergleichliche, so schlichte wie inwendig bebende, alle Töne auf verhexte Art transzendierende Anschlag des Pianisten kroch in mein Ohr, fürs Leben.

"Wow!" – begeistert strahlte 1993 das schöne Mädchen aus Spanien auf dem Prager Hauptbahnhof, als ich ihr frühmorgens erklärte, weswegen ich meine Interrailtour unterbrechen und nach Berlin zurückkehren müsse: Ich hatte schließlich eine Karte für ein Konzert von Alfred Brendel, der mit Claudio Abbado und den Berliner Philharmonikern Brahms’ 2. Klavierkonzert aufführte. Kaum einen seiner Berliner Auftritte verpasste ich seither, seine Beethoven- und Schubertzyklen boten Erweckungserlebnisse. Oft sah man ihn im Theater oder in Konzerten anderer Musiker, wenn er in der Stadt war. Und als ich viele Jahre später eines sehr späten Abends neben dem Brecht-Denkmal vor dem Berliner Ensemble in einen ersten Kuss versunken war – welche einsame, hagere Gestalt mit der großen Brille tauchte da plötzlich aus dem Dunkel auf? Er lief diskret vorbei, eine aus meinem Augenwinkel erschrocken verfolgte Geistererscheinung. Als Brendel 2008 in seinem Berliner Abschiedskonzert schließlich den letzten Ton von Liszts weisem Idyll Au lac du Wallenstadt aus den Années de pélèrinage zart entschweben ließ, war meine stille Träne über das Ende einer Ära unvermeidlich.

Doch es ging ja weiter. Der 1931 in Mähren geborene Pianist, der jahrzehntelang durch die Konzertsäle der Welt getourt war und in diversen Studios legendäre Platten aufgenommen hatte, so viele wie kaum ein anderer, gastiert seit seinem öffentlichen Abschied vor allem als Vortragsreisender mit und ohne Flügel. Brendel war stets auch ein großer Musikerzieher, der seit den siebziger Jahren mehreren Generationen von Klavierliebhabern in aller Welt das Hören beibrachte: live, in Einspielungen oder Essays – durchsichtig, differenziert und hintergründig, gefühlvoll, aber nie gefühlig, vor allem aber in einem sagenhaften Nuancenreichtum, von dem letztlich unklar bleibt, wie ein Kopf und bloß zehn Finger ihn erzeugen können. Vergleichbar in ähnlich prägender Wirkung auf ein internationales Bildungsbürgertum wäre da wohl nur der Sänger Dietrich Fischer-Dieskau.

Ebenso wie dieser hatte Brendel seine notorischen Kritiker, denen er immer eine Spur zu verkopft schien. Das war die Quittung dafür, dass er über die Musik, die er spielt, permanent nachdenkt und seine Gedanken in seinen Büchern brillant artikulieren kann – vielleicht auch dafür, dass seine äußere Erscheinung dem Klischee des durchgeistigten Intellektuellen perfekt entspricht.

Daher sind wir ins Berliner Wissenschaftskolleg gekommen, wo Brendel ein gern gesehener Gast unter all den internationalen Gelehrten ist. Wie wichtig sind intellektuell-ästhetische Anregungen für seine musikalische Entwicklung gewesen? Überhaupt: Wie viel Geist braucht große Kunst?

In der Grunewald-Villa sitzt dieser Weltstar nun tatsächlich vor mir: ein älterer Herr mit lebhaften großen Augen, die mich freundlich hinter der Brille fixieren. Sofort erklärt er mir jene Ähnlichkeiten, welche die Grenzen zwischen den Künsten verwischen: "Es geht überall um Komposition, Proportion, um Folgerichtigkeit und deren Gegenteil, also die Schönheit der Überraschung; es geht um Kontrast und Einheit. Und mir ist manchmal durchaus bewusst, ob eine musikalische Aufführung flach oder dreidimensional ist, mit räumlicher Tiefe." Allerdings gäbe es auch unsinnige Vergleiche – "Raffael als Mozart der Malerei, oder, besonders hübsch: Beethoven sei wie Michelangelo, nur noch größer." Ihm käme es sehr merkwürdig vor, würde man von seinen Gedichten auf sein Klavierspiel schließen und umgekehrt.

Seit seinem ersten Gedichtband 1996 kann man Brendel regelmäßig als Meister recht komischer Dichtung erleben, die er selbst in die Tradition von Christian Morgenstern und einiger Russen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einordnet. "Es gibt glänzende, besessene Musiker, die völlig in Musik aufgehen. Für mich war es wichtiger, auch andere Seiten in mir zu mobilisieren."