Wenn neue Nachbarn nebenan einziehen, gehört es sich, dass man als Alteingesessener sie freundlich willkommen heißt und – im Rahmen hanseatischer Zurückhaltung – Interesse zeigt. Man ist schon neugierig, zu erfahren, wer da gekommen ist. So schicke ich der Sunday Assembly, die im September eine atheistische Kirchengemeinde in Hamburg eröffnet, einen freundlichen Willkommensgruß. Zugleich gestehe ich, dass ich diese Gemeindegründung erstaunlich finde.

Denn bisher war es so, dass die Konfessionslosen in Deutschland nur selten Gemeinschaften bilden. In Belgien etwa gibt es die Freigeistige Weltanschauungsgemeinschaft, die dort seit 2002 in der Verfassung verankert ist. Ihre Wurzeln reichen zurück bis ins ausgehende 18. Jahrhundert, als französische Revolutionäre versuchten, die Katholische Kirche durch einen "Kult der Vernunft" zu ersetzen. Bei uns hat das Freidenkertum nur eine spärliche Tradition: Zwar gibt es seit über hundert Jahren freireligiöse Vereinigungen; sie konnten jedoch keinen gesellschaftlichen Einfluss gewinnen.

Die vielen Menschen hierzulande, die keiner der etablierten Religionsgemeinschaften mehr angehören oder dies nie getan haben, organisieren sich nicht. In den östlichen Bundesländern kommt es zumindest bei der sehr lebendigen Jugendweihe zu größeren, Kult-ähnlichen Zusammenkünften. In den westlichen Bundesländern jedoch bleibt die große Menge derer, die sich als unreligiös verstehen, für sich. Es ist ja auch unklar, was diese Menschen positiv verbinden sollte. Und zu welcher gemeinschaftlichen Betätigung sie sich regelmäßig treffen sollten.

Die Sunday Assembly entstammt der traditionsreichen Freidenker-Bewegung Englands, gibt dieser aber eine Wendung ins Heitere. Die beiden Gründer, Sanderson Jones und Pippa Evans, sind nicht zufällig Komiker. Sie laden nicht zu angestrengten Diskussionsabenden, sondern zu poppig-lustigen Gottesdiensten ohne Gott, in denen es aber auch klassische Elemente wie Lesung, Predigt, Stille und Gesang gibt. Das wirkt gar nicht unsympathisch.