Im Frühjahr war Mayumi Sawada noch zuversichtlich. "Ich dachte, wir könnten das verhindern", sagt die 32-jährige Büroangestellte, schaltet runter in den zweiten Gang und zeigt aus dem Fenster. "Hier haben wir protestiert. Wir hatten die ganze Innenstadt im Griff." Der weiträumige Zentralplatz von Kagoshima, einer Großstadt an der Südwestküste Japans, erinnerte oft ans Deutschland der 1980er Jahre: Tausende Demonstranten, den Verkehr blockierend, bunte Banner, Mikrofone, Kampfparolen.

Seit dem Erdbeben und dem Tsunami vom 11. März 2011, als im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi drei Reaktorkerne schmolzen, ist die Mehrheit der Japaner gegen die Atomenergie. Nach dem Unglück wurden alle Kernkraftwerke heruntergefahren. "Aber die Rolle rückwärts ist jetzt ja so gut wie beschlossen", sagt desillusioniert die schmächtige Sawada. Tatsächlich scheint nach einer Entscheidung Mitte Juli fast sicher, dass Japan bald wieder Atomstrom produzieren wird. Ein Jahr lang hatte die Atomregulierungsbehörde Unterlagen geprüft, um dann zu befinden, dass zwei Atomreaktoren in der Stadt Sendai, beinahe vor Sawadas Haustür, die 2011 verschärften Sicherheitsstandards erfüllen. Als die Behörde ihren Bericht in der vergangenen Woche noch einmal bestätigte, wurde ein klares Signal gesendet: Nicht nur Japans Regierung, sondern auch deren Bürokratie ist bereit, die Atomkraft wieder aufleben zu lassen. Die Betreiber wittern ein Comeback: Neben den beiden Reaktoren in Sendai liegen der Regulierungsbehörde derzeit die Bewerbungen von 20 weiteren vor.

Wie kann es sein, dass ausgerechnet Japan, das einzige Land, das sowohl die Zerstörungskraft einer Atombombe als auch die einer Kernschmelze erfahren hat, trotz Protesten der Bevölkerung an der Atomkraft festhält?

"Im Moment läuft keiner unserer Reaktoren", sagt Nobuo Tanaka vor raunendem Publikum und wird lauter. "Und was bedeutet das für unser Land? Die Energiepreise sind in drei Jahren um ein Viertel gestiegen." Tanaka, ein älterer Herr mit weißem, schütterem Haar, führte bis 2011 die Internationale Energieagentur in Paris. Nun hat der Professor an der Universität Tokio eine Podiumsveranstaltung über Japans Versorgungssicherheit organisiert. Die Botschaft: Ohne Atomkraft geht es nicht.

Über zwei Jahrzehnte ist Japans Wirtschaft so gut wie nicht gewachsen, im vergangenen Jahr lagen die Wachstumsraten aber wieder höher. Damit das auch so bleibe, brauche Japan bezahlbare Energie, sagt Tanaka. "Im Moment importieren wir 90 Prozent unserer Energie. Wir müssen uns weniger abhängig von Öl und Gas aus dem Mittleren Osten machen." Denn beides, glaubt Tanaka, werde in Zukunft teurer. Als größter Gas- und drittgrößter Ölimporteur der Welt wäre Japan besonders betroffen. Die Kernkraftwerke, die bis 2011 rund 30 Prozent des Verbrauchs in Japan gedeckt haben, sind für Tanaka die beste Alternative.

Und was ist mit den Gefahren? "Der Unfall von Fukushima war einer von Menschenhand", sagt Tanaka. "Deshalb jetzt grundsätzlich gegen die Atomkraft zu sein ist die falsche Schlussfolgerung." Der Professor fährt seinen Computer hoch, klickt durch seine PowerPoint-Folien. "Die jüngste Generation von Kernreaktoren generiert viel mehr Energie, und die genutzten Stoffe können in einem Kreislauf wiederverwertet werden. Das Problem des strahlenden Atommülls ist damit stark reduziert. Und die Reaktoren sind praktisch unfallsicher, weil sie in hohem Maß automatisierbar sind."

Die Versprechungen dieser sogenannten vierten Generation von Kernreaktoren klingen verheißungsvoll. Am Anfang der Podiumsveranstaltung in Tokio hat Tanaka den Film Pandora’s Promise zeigen lassen, auch dessen oscarnominierter Regisseur Robert Stone war da. Der kontroverse Streifen lässt die Atomgegner an einigen Stellen wie Verschwörer aussehen, die Befürworter kommen als unverstandene Wissenschaftler rüber. Seit Monaten touren Stone und Tanaka mit dem Film durch Japan, um für die Zukunft der Atomenergie zu werben – oder wie sie sagen: die Atomenergie der Zukunft.