Deutsche Studenten gehen lieber in die Niederlande als nach Amerika. Ein Studium in den USA ist vielen zu teuer und zu kompliziert. Rolf Hoffmann von der Austauschorganisation Fulbright sagt, warum es sich dennoch lohnt

DIE ZEIT: Herr Hoffmann, lange Zeit träumten viele deutsche Studenten von einem Studium in den USA. Doch seit Jahren stagniert der Zustrom. Die Zahl derjenigen, die an einer amerikanischen Uni einen Abschluss machen, ist sogar deutlich gesunken. Warum haben deutsche Studenten keine Lust mehr auf Amerika?

Rolf Hoffmann: Vielleicht weil es ihnen zu weit weg ist? Junge Deutsche gehen vor allem in die Niederlande, nach Österreich, Großbritannien und in die Schweiz – in Länder, die nah an Deutschland liegen. Die USA als Fernziel kommen erst an fünfter Stelle. Nein, im Ernst: Die USA sind weiterhin ein hochattraktiver Bildungsstandort, sie sind in der Wissenschaft weltweit führend. Wer etwa eine Liberal Arts -Ausbildung machen möchte, findet diese nur dort. Doch bei deutschen Studenten ist das Interesse an den USA tatsächlich nicht mehr so groß, wie es einmal war. Das Land ist im Vergleich zu anderen Ländern nicht mehr attraktiv genug. Wer vor zwanzig Jahren im Studium ein Abenteuer gesucht hat, der ging nach Amerika. Heute geht er nach China.

ZEIT: Ein Abenteuer scheinen Studenten, die nach Österreich oder England gehen, aber nicht unbedingt zu suchen. Was spricht denn sonst gegen die USA?

Hoffmann: Die Studiengebühren an US-Unis sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen, und nicht jeder bekommt ein Stipendium. Ein Auslands- studium in Europa ist in der Regel deutlich günstiger. Auch der Transfer von Credit Points ist innerhalb Europas besser geregelt. Hinzu kommt eine aufwendige Visaprozedur. Das mag auf manchen wie eine Wagenburg wirken.

ZEIT: Das war früher doch auch nicht viel anders. Was hat sich verändert?

Hoffmann: Die Motivation, warum Studenten ins Ausland gehen. Die meisten machen es, weil sie darin eine zusätzliche Qualifikation für einen späteren Beruf sehen. Sicher spielen auch Sprache und Kultur eine Rolle. Aber wir beobachten, dass ein Auslandsaufenthalt heute viel mehr genutzt wird, um sich auf dem Arbeitsmarkt hervorzuheben. Das sieht man auch daran, dass zunehmend der Master im Ausland gemacht wird, vor allem in den Wirtschaftswissenschaften. Und diejenigen, die vor allem eine Zusatzqualifikation in ihrem Fach suchen, denken ökonomisch: Sie gehen dahin, wo sie für den geringsten Einsatz den höchsten Ertrag bekommen. Das ist verständlich. Studenten haben in der Regel wenig Geld und wenig Lust, einen hochkomplexen Visaantrag auszufüllen. Für die ist es wichtig, dass das Studium preiswert ist, dass es keine Aufenthaltsprobleme gibt und dass die Studienleistungen später anerkannt werden. All diese Faktoren treffen auf Westeuropa zu. Und englischsprachige Studiengänge finde ich ja mittlerweile auch überall in Europa. Wenn ich an der Uni Maastricht einen hervorragenden Master machen kann, warum soll ich dann in die USA gehen?

ZEIT: Weltweit sind die USA allerdings das beliebteste Zielland für ausländische Studenten; fast 820.000 studieren dort, mit steigender Tendenz. Vor allem aus China und Indien strömen junge Menschen in die Vereinigten Staaten. Die scheinen sich an den hohen Kosten und der Visaprozedur weniger zu stören ...

Hoffmann: Weil sie keine andere Wahl haben. Die haben ja kein Europa nebenan. Wir mögen viel lamentieren, aber wir haben hier einen unheimlich attraktiven Hochschulraum aufgebaut. Dank Bologna. Eine deutsche Studentin kann sich mindestens zehn Länder in unmittelbarer Nähe zur Heimat aussuchen, in denen sie eine genauso gute Ausbildung bekommen kann wie daheim.