DIE ZEIT: Herr Mohring, die AfD sitzt jetzt mit Ergebnissen von zehn bis zwölf Prozent in den Landtagen Thüringens, Sachsens und Brandenburgs. Ist sie eine Ostpartei?

Mike Mohring: Sie ist keine Ostpartei, aber sie macht auf DDR-Nostalgie und behauptet etwa allen Ernstes, im SED-Unrechtsstaat habe es kaum Kriminalität gegeben. Die AfD ist im Osten besonders erfolgreich, vielleicht aber auch, weil nun im Osten Wahlen anstanden.

ZEIT: Warum wählen viele Ostdeutsche die AfD?

Mohring: Die Menschen im Osten sind kritischer. Kritischer, was das etablierte System angeht, die Parteien und ihre Politiker. Wer mit der Kerze in der Hand eine Diktatur abgeschafft hat, der fühlt sich auch in der Demokratie freier, skeptisch zu sein. Deshalb wählt man in Thüringen oder Sachsen schneller mal aus Protest eine neue Partei. Der AfD-Erfolg bedeutet zudem, dass die Linke nicht länger der alleinige Sammelpunkt für ostdeutschen Protest ist.

ZEIT: Die AfD hat bei jungen Wählern besonders gut abgeschnitten.

Mohring: Der Effekt, den ich beschrieben habe, gilt bei jungen Leuten womöglich umso mehr. Und es mag an den noch fehlenden politischen Bindungen liegen. Man darf aber auch nicht vergessen, dass die meisten Jüngeren nach wie vor etablierte Parteien wählen. Die CDU lag auch in dieser Altersgruppe an erster Stelle. Die meisten Leute, die AfD wählen, tun das, weil sie der Politik einen Denkzettel verpassen wollen. Es gibt eigentlich nur einen positiven Aspekt am Einzug der AfD in einen Landtag, und zwar in Sachsen.

ZEIT: Welchen denn?

Mohring: Ich sage das ganz vorsichtig, denn ich freue mich nicht, dass es diese Partei gibt. Aber wenn ich sehe, dass sie 13.000 Stimmen von der NPD abgeworben hat – und wenn ich dann sehe, dass der NPD 800 Stimmen zum Einzug in den Landtag gefehlt haben –, dann muss ich doch sagen: Ohne die AfD wären die Nazis vermutlich drin. Und dass sie raus sind, ist erst mal gut für unsere Demokratie. Jetzt verlange ich von der AfD, dass sie sich klar von den Rechtsextremisten abgrenzt.

ZEIT: Wie verantwortlich wird denn die CDU in den Landtagen mit der AfD umgehen?

Mohring: Dass die AfD jetzt in drei Parlamenten sitzt, ist eine Herausforderung für alle Parteien, natürlich auch für die Union. Wir müssen die Argumente der AfD jetzt dort, wo wir sie packen können, entlarven. Direkt im Parlament. Indem wir gute Politik machen, diese erklären und sagen, warum die Argumente der AfD für die Zukunft unseres Landes nichts taugen.

ZEIT: Zuletzt war die CDU eigentlich eher durch zwei andere Argumentationslinien aufgefallen: Die einen in der Union waren der Meinung, man müsse die AfD komplett ignorieren. Und die anderen wollten direkt diskutieren, ob sie ein potenzieller Koalitionspartner sein könnte.

Mohring: Ich habe immer gesagt, dass wir die AfD nicht ignorieren dürfen, sondern dass wir die Auseinandersetzung brauchen. Ich bete das seit Monaten herunter, und ich stelle fest, dass sich dieser Kurs in meiner Partei inzwischen durchgesetzt hat.

ZEIT: Sie selbst haben ein Streitgespräch mit Sachsens AfD-Chefin Frauke Petry in der Bild am Sonntag geführt, eine Woche vor der Wahl in Thüringen. Sie haben sich auch gemeinsam mit ihr fotografieren lassen, in einem Hotelzimmer, im Hintergrund war ein Bett zu sehen. Für viele lautete die subtile Botschaft: Die CDU kuschelt mit der AfD.

Mohring: Das ist doch Quatsch! Die CDU geht nicht mit der AfD ins Bett, ganz klipp und klar. Wenn Sie das Gespräch gelesen haben, wissen Sie, dass ich mit Frau Petry heftig gestritten habe. Da sind richtig die Fetzen geflogen. Und es gab für dieses Interview ausschließlich Lob aus der CDU, bis in die Berliner Parteispitze hinein. Unser Bundestagsfraktionschef Volker Kauder hat mich ausdrücklich gelobt: Er sagte, dass das Gespräch eine Gratwanderung war, aber dass sie geglückt sei. Dass wir in Thüringen als CDU dazugewonnen haben, das schreibt Herr Kauder ausdrücklich auch diesem Streitgespräch zu. Also offenbar ist es doch der richtige Weg gewesen. Wir schärfen durch die Auseinandersetzung unser Profil. Nicht durch Kuscheln.