Auch ohne Kriege und Krisen wäre diese Nachricht aus dem Sommer öffentlich kaum beachtet worden: "Steigende Ausfälle am Repo-Markt." Insider aber wussten um die Gefahr. Nervös fanden sich Vertreter der amerikanischen Notenbank, Finanzmanager und Investoren trotz der Ferienzeit Anfang August im Washingtoner Hay-Adams-Hotel ein, nicht weit vom Weißen Haus, um über die Vorkommnisse zu beraten. Schließlich ging es um ein explosives Gemisch, dem das weltweite Finanzsystem schon einmal zum Opfer fiel.

Über die Gründe der Krise 2008 ist viel berichtet worden: Schulden, Häuserpreise, Bankenzocker, politisches Versagen. Alles richtig, doch erst der Markt, über den die Wackelhypotheken ins Herz des Finanzsystems gelangten, machte das Desaster möglich: der Repo-Markt. Früher war er nur eine Randerscheinung, ein Verleih von Wertpapieren, die "von Jungs aus Brooklyn beherrscht wurde, als das noch ein Arbeiterviertel war", wie es ein Veteran der Branche formuliert. Ausgerechnet dieses unglamouröse Geschäft ist zum neuralgischen Punkt des modernen Finanzmarkts geworden.

Wie das geschehen konnte? Weitgehend unbeachtet hat sich eine Revolution im Bankenwesen vollzogen. Beim klassischen Geschäftsmodell nimmt die Bank das Geld von Sparern, die dafür mit Zinsen belohnt werden, und verleiht es zu einem höheren Zinssatz weiter – das Brot-und-Butter-Geschäft sozusagen. Dieses Geschäft gibt es zwar heute noch, aber dann entdeckten die Banker der Wall Street eine lukrativere Art, Geld zu verdienen. Man kann es die Champagner-und-Kaviar-Variante nennen. Statt selbst an die Unternehmen Geld zu verleihen, wurden sie Kapitalvermittler und halfen den Unternehmen, sich über die Ausgabe von Aktien und Anleihen die nötigen Finanzmittel zu verschaffen. Statt Zinsen kassierten sie Gebühren.

Auch die andere Seite des klassischen Modells, die Sparer, wanderte ab. Statt das Geld der Bank zu geben und auf dem Sparbuch zu horten, wurden sie angelockt von Geldmarktfonds, die ihnen höhere Zinsen und Sicherheit versprachen. Gerade Großanleger wie Pensionsfonds und die Finanzabteilungen großer Konzerne brachten ihr Kapital dorthin.

Die Banken passten sich an und kamen mit den neuen Rivalen ins Geschäft. Sie liehen sich Geld von den Geldmarktfonds. Als Sicherheit hinterlegten sie Wertpapiere wie Staatsanleihen und Hypotheken, über die sie verfügten. Mit dem geliehenen Geld konnten die Banken dann mehr Kredite vergeben.

Das ist das Repo-Geschäft: Banken leihen sich Geld von den Geldmarktfonds. Diese erhalten als Pfand dann Wertpapiere. Technisch läuft das so, dass die Bank die Wertpapiere an den Fonds verkauft – mit dem Versprechen, sie zu einem späteren Zeitpunkt zurückzukaufen. Repo steht deshalb für repurchase agreement – die Übereinkunft zum Wiederkauf.

Das neue System war so erfolgreich, dass es nur durch einen Mangel an Wertpapieren begrenzt wurde, die von den Banken als Pfand eingesetzt werden konnten. So kamen die Banken auf die Idee, das Geschäft mit Hypotheken anzukurbeln. Amerikanische Hypotheken schienen ideal – praktisch so sicher wie Staatsanleihen, nur höher verzinst. Die Banken liehen sich also Geld gegen Hypotheken, und mit den geliehenen Mitteln finanzierten sie neue Hypotheken, die sie wiederum bei den Gläubigern hinterlegten, um mehr Geld zu bekommen.

Zunächst schienen Banken und Fonds eine nicht zu bremsende Geldmaschine geschaffen zu haben. Als 2007 aber die Immobilienblase platzte, erfasste die Geldmarktfonds die Angst: Was war mit ihren Repo-Pfändern? Wie sicher waren ihre Sicherheiten wirklich?

Um das Risiko zu mindern, forderten die Fonds als Gläubiger erst einmal mehr Sicherheiten von den Banken. Das brachte wiederum die Banken in die Klemme: Sie mussten quasi über Nacht Mittel auftreiben, um die neuen Forderungen zu befriedigen. Doch sie hatten keine Reserven dafür. Also verkauften die Banken hektisch Wertpapiere aus ihren Beständen, Anleihen und Hypotheken ebenso wie Aktien. Die Preise für all diese Wertpapiere fielen daraufhin. Das löste einen neuen Angstschub bei den Fonds aus. Denn vom allgemeinen Preissturz waren wiederum auch die Wertpapiere betroffen, die sie als Sicherheiten von den Banken entgegengenommen hatten. Ihr Pfand war plötzlich weniger wert. Die Folge: Sie forderten weitere Sicherheiten von den Banken, bis der Druck zu groß wurde. Im September 2008 musste Lehman Brothers Insolvenz anmelden. Das Pfänderspiel der Hochfinanz war zusammengebrochen.