Eine Gruppe französischer, deutscher, holländischer und belgischer Hausfrauen testet 1973 den Supermarkt Tesco. © Frank Barratt/Keystone/Hulton Archive/Getty Images

Mit dem dritten Band seiner Geschichte des Westens legt Heinrich August Winkler nur drei Jahre nach Erscheinen des vorherigen Bandes ein voluminöses Grundlagenwerk vor: Es trägt zwar die Geschichte des "Westens" im Titel, ist in Wahrheit aber eine politische Weltgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Winkler behandelt die politische Entwicklung der wichtigsten westlichen Länder, in Sonderheit der USA, Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und der Bundesrepublik; aber auch derjenigen des Ostblocks, insbesondere der Sowjetunion sowie Chinas. Er verfolgt die Etappen des Kalten Kriegs in Europa, Asien, Afrika und Lateinamerika und setzt sich ausführlich mit den Prozessen und Konflikten der Dekolonialisierung und der damit verbundenen großen Krisen in diesem Zeitraum auseinander.

Winkler beschreibt die wichtigsten transnationalen Prozesse: den Wirtschaftsboom und die sich ausbreitenden Konsumgesellschaften in den 1950er und 1960er Jahren, den Aufstieg der Europäischen Gemeinschaft, die Entwicklung des Weltwährungssystems von Bretton Woods über die Ablösung des Dollars als globale Leitwährung bis zu den Entschlüssen über die europäische Einheitswährung. Er untersucht die Ölpreiskrisen mitsamt den Auswirkungen auf die Länder des Westens, des Ostblocks und der "Dritten Welt", den inneren Zerfall des Sowjetimperiums und schließlich die Epochenscheide von 1989/91. In diesem Band werden tatsächlich nahezu alle wichtigen politischen Entwicklungen zwischen 1945 und 1990 behandelt. Ein Werk mit einem derart umfassenden Ansatz gab es bislang nicht, und so steht man nach der Lektüre erschöpft, aber voller Bewunderung vor diesem Berg an Wissen und Gelehrsamkeit.

Die titelgebende Perspektive des "Westens" ist anhand der ersten beiden Bände mehrfach kritisch kommentiert worden: als "unhistorische Kategorie ex post", durch die der kurze "historische Moment, als Westeuropa und die anglofonen ›Neo-Europes‹ den Globus dominierten, zum weltgeschichtlichen Maßstab aller Dinge" gemacht werde (Jürgen Osterhammel).

Das mag zutreffen – für die hier behandelte Phase besitzt dieser Maßstab als Auswahlinstrument jedoch einige Plausibilität, denn "nie zuvor", so betont Winkler, hatte "der transatlantische Westen so sehr eine Einheit gebildet wie in den viereinhalb Jahrzehnten zwischen 1945 und 1990". Seinen Ansatz hat er bereits in den vorangegangenen Bänden ausführlich erläutert: Ausgangspunkt ist das "normative Projekt des Westens", bezogen auf die Ideen der Amerikanischen und der Französischen Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts mitsamt den dabei herausgebildeten Postulaten von Gewaltenteilung, Rechtsstaat, demokratischer Kontrolle und der Verwirklichung der Menschenrechte.

Diese Postulate bildeten in den Staaten des "Westens" eine zwar stets umstrittene und nie wirklich ganz eingelöste, aber doch wirksame Verpflichtung – anders als in jenen Staaten, in denen ein solcher Bezug fehlte. Dieser spezifische Zugriff, der von den Widersprüchen oder Lücken zwischen Norm und Wirklichkeit in den westlichen Gesellschaften ausgeht, kennzeichnet das Gesamtwerk. Auch im vorliegenden Band lässt er sich nicht vollständig durchhalten. Zwar kommt der Autor immer wieder darauf zurück, aber seine Darstellung wird davon nicht beherrscht. Das ist von Vorteil, denn so vermeidet er ideologische Engführungen und kann auch solchen Prozessen Raum geben, die in sein Frageschema nicht hineinpassen.

Diese vom Westen ausgehende Perspektive darf nicht mit einer unkritischen Haltung verwechselt werden, im Gegenteil. Die Kritik des Autors an den westlichen Staaten und Gesellschaften ist jedenfalls viel ausgeprägter als die an nichtwestlichen Ländern. Winkler geht hier nicht anders vor als die "Post-Adenauerschen Linken", die mit großer Inbrunst gegen die USA, aber nie gegen die Sowjetunion demonstrierten, eben weil sie die Amerikaner wie selbstverständlich an jener Norm von Menschenrechten maßen, die der Westen für sich reklamierte, während sie von einer solchen Orientierung bei kommunistischen Politikern oder afrikanischen Despoten nie ausgegangen wären.