Kunst lässt sich in Hamburg nur sehr schwer verkaufen. Diese Klage ist schon gut hundert Jahre alt, wird aber von Hamburger Galeristen und Händlern immer gern wiederholt. Reiche gebe es genug, aber die seien zu protestantisch oder zu kaufmännisch. Oder beides. Kunst solle nicht wehtun und am besten nichts kosten. Und wenn doch mal einer etwas kaufe, dann am liebsten in einer echten Kunstmetropole. Am meisten, so die Galeristen der Stadt, verkaufe man an die "viel impulsiveren" Sammler aus Süddeutschland oder dem Rheinland. Oder gleich ins Ausland.

Mit einer Art Zangenbewegung sollten die Hamburger Bürger am vergangenen Wochenende nun doch zum örtlichen Kunstkauf gebracht werden: Die weit über die Stadtgrenzen hinaus renommierten Kunsthändler Le Claire, Thole Rotermund und Frank C. Möller luden zum feinen Hamburger Kunstherbst. Und eine umtriebige Gruppe junger Kulturmacher veranstaltete am anderen Ende der Stadt, nämlich in einem leer stehenden Harburger Industriegebäude, die zweite Ausgabe der Producers Artfair für die ganz junge, nicht etablierte Kunst. Unterschiedlicher hätten die Atmosphären und die Milieus kaum sein können.

Während es bei der Producers Artfair in den charmant-brüsken Räumen der Phönix-Hallen Bier und Cola aus Flaschen und dazu Flammbrot gab, genossen die Besucher des Kunstherbstes Champagner oder nippten aus feinem Porzellan eine speziell für diese Veranstaltung gemischte Teesorte. Dazu wurden frisch gebackene Scones und Lemon Curd gereicht. Frank C. Möller hat seine sehr klassischen Räume in pastelligem Rosa, Grün und Blau gestrichen, und von der stuckverzierten Decke im ersten Raum hängt eines seiner Prunkstücke. Es ist ein 24-flammiger Leuchter, den Karl Friedrich Schinkel 1827/28 entworfen hat. Der Leuchter funkelt auch ohne Kerzen: die Bronze vergoldet, behängt mit Kristallglas. Einst beleuchtete er das Audienzzimmer des Prinzen Carl von Preußen. Seit 1883 galt der Leuchter als verschollen, aber Frank Möller ist ein Schinkel-Fanatiker und hat schon so manches verloren geglaubte Stück wiedergefunden.

Schinkel (1781 bis 1841) ist Möllers Spezialgebiet, wie ein Detektiv geht er auf die Suche nach dessen Entwürfen, lässt einzelne Stücke behutsam restaurieren und liefert Provenienzberichte von wissenschaftlicher Exaktheit. Deutsche und ausländische Museen schätzen seine Arbeit, selbst das Metropolitan Museum in New York kauft bei ihm ein. Die jahrelange Recherchearbeit ist selbstverständlich nicht kostenlos: für 1,4 Millionen Euro wird der Leuchter aus dem Audienzzimmer des preußischen Prinzen angeboten.

Etwas günstiger ist da schon ein bisher unbekanntes Studienblatt Schinkels, für das Möller 48.000 Euro verlangt. Auf dem Blatt, so rekonstruierten es Möller und der Schinkel-Nachfahre Christoph von Wolzogen in einem gerade erschienenen Katalog der Galerie, kopierte der junge Architekt 1803 allerlei Entwürfe seines schon im Jahre 1800 verstorbenen Lehrers Friedrich Gilly.

Papier ist das ideale Medium für die Hamburger: Fein, bescheiden, günstig

Für die hanseatischen Kaufleute, denen Schinkel vielleicht ein wenig zu preußisch ist, hatte Thole Rotermund drei Papierarbeiten von Emil Nolde – darunter eine frühe, großzügig aquarellierte Lithografie der Nelly Fehr für 75.000 Euro – und Zeichnungen von Max Beckmann und Lyonel Feininger ausgestellt. Das Medium Papier scheint für den Hamburger Kunsthandel die richtige Wahl zu sein, es ist fein, wirkt bescheiden und kostet – normalerweise – nicht so viel. Geradezu günstig erscheinen einige der Papierarbeiten, die das Ehepaar LeClaire auf dem Kunstherbst ausstellte. Eine wunderschöne, kleine Aquarellstudie der Wolken über den Dächern Roms, die Thomas Ender (1793 bis 1875) wohl um 1819 schuf, kostet nur 8500 Euro. Beeindruckend auch das Porträt einer Pinie von Jacob Philipp Hackert.

Die drei engagierten Händler des Hamburger Kunstherbstes laden als Verstärkung alljährlich noch einige befreundete Kunsthändler aus einer anderen Stadt zu ihrer angenehm überschaubaren Minikunstmesse. In diesem Jahr drei Unternehmen aus Düsseldorf: Der Designer Georg Hornemann zeigte seinen aktuellen Schmuck, die Galerie Beck & Eggeling unter anderem einen Vogelbauer von August Macke und ein großes Aluminium-Relief von Heinz Mack. Als Dritter war der auf Japanisches spezialisierte André Kirbach angereist und hatte mehrere alte und moderne japanische Keramiken mitgebracht. Kirbach fühlt sich ganz dem jahrhundertealten Zen-Konzept des Wabi-Sabi verpflichtet: Die Schönheit des einfachen, unperfekten und gebrauchten Objekts interessiert ihn. Beispielhaft dafür sind zwei Teeschalen aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Die Glasur der einen changiert zwischen Ocker-, Grau- und Brauntönen, sie ist von schwarzen Linien durchzogen. Das einfache, mit Makeln versehene Gefäß war einst in mehrere Scherben zerbrochen, doch klebte man es mithilfe der Kintsugi-Technik wieder zusammen und stellte die Bruchstellen dabei noch aus. Bei der zweiten, lachsroten Hagi-Schale sind die Ausbesserungen teilweise sogar mit Goldfarbe ausgestellt. Es sind Alltagsgegenstände, die man trotz ihrer Preise – 8500 und 22.000 Euro – gerne weiter gebrauchen möchte und die einem dann in so mancher Lebenslage Hoffnung bereiten könnten: Auch das Kaputte kann zum Ausdruck großer Schönheit werden, wenn man es nur kunstvoll repariert.