Jetzt ist er angekommen in der Neuen Welt. Doch so richtig toll fühlt sie sich noch nicht an. In der Nacht vor seinem ersten Tag an der Uni schläft Devrim Yilmaz bei einem indischen Freund auf einer Decke auf dem Fußboden. Er macht kein Auge zu und hat Rückenschmerzen. Am Morgen nimmt der Student aus Bremen seine fünf Reisetaschen und zieht zu einem älteren Ehepaar, bei dem er für die nächsten Monate ein Zimmer mit Dusche im Keller gemietet hat. Für 1.050 Dollar im Monat. Die Neue Welt kann ungemütlich sein und teuer.

Sie kann aber auch fein gestutzte Rasenflächen haben und prächtige alte Backsteinbauten mit weißen Sprossenfenstern. Und einen Hörsaal, der Sever Hall heißt, in dem weinrote Plüschsessel mit schwarzem schmiedeeisernem Gestell stehen. Die Neue Welt, das ist Amerika, das ist die Harvard University, die in allen international wichtigen Rankings beste Uni: 378 Jahre alt, 47 Nobelpreisträger hat sie hervorgebracht, ein Bachelorstudium kostet 39.000 Dollar Studiengebühren.

In der Alten Welt, an der Uni Bremen, heißen die Hörsäle GW1 und haben hölzerne Klappsitze. Ein Professor weiß meist gar nicht, wer an seiner Vorlesung teilnimmt; es meldet sich ohnehin kaum einer. In der Neuen Welt sitzen oft Assistenten der Professoren hinten im Raum und notieren, wer wie oft etwas sagt und wie gut das ist. Es gibt viele Unterschiede zwischen einer Universität wie Harvard und einer Universität wie Bremen. Doch es gibt – das ist überraschend – nicht so viele Unterschiede zwischen Devrim Yilmaz und seinen neuen Kommilitonen am Harvard Square in Cambridge, Massachusetts.

Ein heißer Tag Anfang September, vor wenigen Tagen hat das Wintersemester in den USA begonnen. Auf dem Campus der Uni laufen die Studenten in Shorts und Flipflops herum. Devrim sitzt auf den Stufen vor der Memorial Church. Vor ihm der mächtige Bau der Widener Library mit ihren weißen Säulen. "Ich hatte einen etwas holprigen Start", sagt der 22-Jährige und blinzelt in die Sonne, "aber jetzt läuft alles." Vergessen die Nacht auf dem Fußboden, heute ist er hellwach. Der Drei-Tage-Bart ist fein gestutzt, die Sneakers strahlen weiß. Auf geht’s zur Statistik-Vorlesung in die Sever Hall, auf den Plüschsessel mit dem kleinen Klapptisch, der eigentlich viel zu klein ist für den groß gewachsenen Studenten. Der Professor steht schon vorn an der Tafel, trinkt aus einer Dose Diet Coke. Er wird nachher bei jeder Frage "That’s a great question!" rufen.

Dass Devrim jetzt hier sitzt und Wirtschaft studiert, ist alles andere als selbstverständlich. Um an die beste Uni der Welt zu gelangen, braucht man exzellente Noten, Empfehlungsschreiben von Professoren, man muss sich sozial engagieren, Sprachtests bestehen – und Geld haben. Oder ein Stipendium.

Es ist schon für ein Kind aus einer bildungsbürgerlichen Familie nicht einfach, das alles zu erfüllen. Für einen Jungen wie Devrim Yilmaz schien es fast unmöglich. Seine Eltern stammen beide aus der Türkei. Als sie in den achtziger Jahren nach Deutschland kamen, konnten sie kein Wort Deutsch. Heute betreiben sie in Bremen einen kleinen Laden. In Deutschland, das zeigt der aktuell erschienene Bildungsbericht der OECD, studieren nur zwei Prozent der Kinder aus bildungsfernen Familien. Obwohl das Studium, anders als in den USA, kostenfrei ist und es Bafög sowie viele Förderprogramme gibt. In Deutschland hängt Bildung immer noch stark von der Herkunft ab.

Wie also kommt ein Bremer Arbeiterkind mit türkischen Wurzeln an eine US-Elite-Uni?

Devrim hatte immer das Glück, auf Menschen zu treffen, die ihn bestärkten

Es ist die Geschichte des Amerikanischen Traums. Eine Geschichte, die zeigt, wie man es von ganz unten nach ganz oben schaffen kann. Wenn man an sich glaubt – und wenn man Menschen findet, die einen darin bestärken und unterstützen. Es ist eine sehr amerikanische Geschichte, sie hätte in Boston beginnen können, in Chicago oder San Diego. Aber sie beginnt in Bremen, im Stadtteil Gröpelingen.