Müssen wir den Islam fürchten? Ja. Gerade wenn wir Muslime sind. Denn wir erleben eine neue Dimension des globalen Dschihad, eine Entfesselung der radikalsten Kräfte des Islams. Ob die militanten Islamisten ihn nun richtig auslegen oder nur für ihre politischen Zwecke missbrauchen, ändert nichts an der Gefahr, die derzeit vom Islam ausgeht.

Die politische Misere in den arabischen Staaten und der wachsende Extremismus machen eine Religion zur Zeitbombe. Zwar ist die Mehrheit der Muslime friedlich. Eine Minderheit jedoch sieht in der Gewalt die Erfüllung eines heiligen Versprechens.

Als die Milizen des Islamischen Staates (IS) vor wenigen Wochen im Irak aufmarschierten, veröffentlichten Anhänger eine Weltkarte des künftigen Kalifats: Jedes Territorium, wo derzeit Muslime leben oder früher lebten, soll innerhalb von fünf Jahren zum IS gehören – halb Asien, drei Viertel Afrikas, Teile Osteuropas und natürlich Andalusien. Wie soll das geschehen? Ein Kämpfer erklärte es: "Der Sieg des Islams wird nicht errungen, ohne dass Körperteile zerfetzt und Schädel zermalmt werden."

Eine entfesselte Brutalität soll den Lauf der Geschichte ändern und das Reich Gottes erzwingen. Das ist wahnwitzig. Und man mag einwenden: Eine Armee von 30 .000 Mann wird das nicht schaffen. Doch Vorsicht! Die Gefahr geht nicht nur von dieser mörderischen Truppe aus, sondern auch von einer Idee. Das Kalifat ist als mental map ins kollektive Gedächtnis des Islams eingraviert: als Erinnerung an dessen militärische und wirtschaftliche Macht zwischen dem 7. und dem 11. Jahrhundert.

Der Prophet Mohammed zeichnete eine ähnliche Weltkarte. Er soll Briefe verschickt haben an den Kaiser von Byzanz, den Sassanidenkönig in Persien, den römischen Statthalter in Ägypten und den christlichen König von Abessinien: "Nimm den Islam an, dann bist Du sicher!" Kurz nach Mohammeds Tod standen viele dieser Gebiete unter islamischer Herrschaft.

Es ist ein Traum von Omnipotenz, der heute auf eine Ohnmacht trifft, wie sie viele Muslime verspüren. Diese Ohnmacht treibt Tausende junge Männer aus Europa nach Syrien und in den Irak. Nachdem die Arabellion mit ihrem Versprechen von Freiheit gescheitert ist, erhebt sich nun heiliger Zorn.

Seine Ursachen gehen zurück auf das Jahr 1924, als das Osmanische Reich zusammenbrach. Damals entstanden unabhängig voneinander zwei Bewegungen, die das islamische Kalifat wiederherstellen wollten: In Indien belebte der Gelehrte Abul Ala Maududi den Dschihad neu. Er wollte die britische Herrschaft brechen und die Umma, die Gemeinschaft aller Muslime, schaffen. Seine Ideen fanden in Indien, später in Pakistan und Afghanistan Widerhall. Die Ideologie der Taliban basiert bis heute auf Maududis Islamverständnis.

Fast zeitgleich entstand in der Provinzstadt Ismailia am Sueskanal die Muslimbruderschaft. Der Arabischlehrer Hassan al-Banna legte ihre Ziele fest: Die islamischen Gesellschaften seien von allen nichtislamischen Elementen zu reinigen, in einem zweiten Schritt sei das Kalifat wiederherzustellen. Heute sind die Muslimbrüder in mehr als siebzig Staaten präsent.

Diese Ideen inspirierten zahlreiche militante Gruppen, die im Laufe der letzten Jahrzehnte Terroranschläge in der arabischen Welt, in Asien, Europa und den Vereinigten Staaten verübten. Die Globalisierung brachte die beiden Bewegungen einander näher. In den achtziger Jahren begegneten sich die Kinder und Enkel Al-Bannas und Maududis in Afghanistan und kämpften gegen die Russen. Nach dem Ende der Sowjetherrschaft legten die Islamisten ihre Waffen nicht nieder, sondern gründeten gemeinsam Al-Kaida.

Ihr verbindendes Credo lautet: Der Wille Gottes muss von den Gläubigen vollstreckt werden. So steht es im Koran: "Ihr seid die beste Gemeinschaft, die je von Menschen hervorgebracht wurde. Ihr gebietet das Rechte und verbietet das Verwerfliche!" Die Scharia-Polizei von Wuppertal zitiert diese Sure ebenso wie die Sittenwächter in Saudi-Arabien, im Iran, in Nordnigeria oder der indonesischen Provinz Banda Aceh. Sie sehen sich als Vollstrecker von Allahs Gesetz. Dass das religiöse Gesetz das oberste sei, wird nicht nur von Islamisten, sondern von vielen frommen Muslimen akzeptiert. Auch deshalb konnte der IS mit wenigen Tausend Kämpfern sogar Millionenstädte erobern.

Kommt eine islamistische Bewegung an die Macht, entsteht eine islamische Diktatur wie im Iran, in Afghanistan und im Sudan. Wird sie an der Macht gehindert, dann verwandelt sie sich in eine Terrororganisation wie Ansar al-Din in Mali, Ansar al-Scharia in Libyen oder die Islamische Heilsfront in Algerien.

"Wir brauchen ein Buch, das den Weg weist, und ein Schwert"

Auch im schiitischen Islam gibt es die Idee vom Reich Gottes auf Erden. Sie war der Motor der Islamischen Republik im Iran, die Ajatollah Chomeini 1979 errichtete. Auch die schiitischen Hisbollah-Milizen im Libanon berufen sich auf das Prinzip der geistlichen Herrschaft. Im religiös und ethnisch heterogenen Libanon war es zwar nicht möglich, einen Gottesstaat zu errichten. Deshalb entwickelte sich eine Mischform aus Staat im Staat und Terrormiliz. Ausgerechnet diese schiitische Bewegung war Vorbild für viele sunnitische Terrororganisationen, denn sie führte die ersten "erfolgreichen" islamistischen Selbstmordanschläge gegen westliche Einrichtungen durch. Am 23. Oktober 1983 wurden zwei mit Sprengstoff beladene Lkw von Hisbollah-Selbstmordattentätern in den amerikanischen Stützpunkt in Beirut gelenkt. 305 Menschen kamen ums Leben, darunter 241 US-Marines und 58 französische Fallschirmjäger. Der Anschlag inspirierte Islamisten weltweit, weil sich die USA danach aus dem Libanon zurückzogen. So wurde Hisbollah als der "Bezwinger Amerikas" berühmt.

Wenige Jahre später trat in den besetzten palästinensischen Gebieten Hamas in Erscheinung. Sie übernahm nicht nur die Ideologie von Hisbollah, sondern auch ihre Taktik: Selbstmordanschläge als Mittel der Politik. Dieses Konzept machte überall in der islamischen Welt Schule. Busse in Tel Aviv, die U-Bahn in London, Touristen in Luxor, Bars auf Bali, Botschaften in Kenia, ein jüdischer Tempel in Tunesien, das World Trade Center und das Pentagon in den USA. Dazu kommen Anschläge im Irak, in Afghanistan, Pakistan, Marokko und Ägypten – denen zahllose Muslime zum Opfer fielen.