Angst vor Boko Haram. Eine Schülerin in einem abgebrannten Klassenzimmer im Nordosten Nigerias © PIUS UTOMI EKPEI/AFP/GettyImages

Müssen wir den Islam fürchten? Ja. Gerade wenn wir Muslime sind. Denn wir erleben eine neue Dimension des globalen Dschihad, eine Entfesselung der radikalsten Kräfte des Islams. Ob die militanten Islamisten ihn nun richtig auslegen oder nur für ihre politischen Zwecke missbrauchen, ändert nichts an der Gefahr, die derzeit vom Islam ausgeht.

Die politische Misere in den arabischen Staaten und der wachsende Extremismus machen eine Religion zur Zeitbombe. Zwar ist die Mehrheit der Muslime friedlich. Eine Minderheit jedoch sieht in der Gewalt die Erfüllung eines heiligen Versprechens.

Als die Milizen des Islamischen Staates (IS) vor wenigen Wochen im Irak aufmarschierten, veröffentlichten Anhänger eine Weltkarte des künftigen Kalifats: Jedes Territorium, wo derzeit Muslime leben oder früher lebten, soll innerhalb von fünf Jahren zum IS gehören – halb Asien, drei Viertel Afrikas, Teile Osteuropas und natürlich Andalusien. Wie soll das geschehen? Ein Kämpfer erklärte es: "Der Sieg des Islams wird nicht errungen, ohne dass Körperteile zerfetzt und Schädel zermalmt werden."

Eine entfesselte Brutalität soll den Lauf der Geschichte ändern und das Reich Gottes erzwingen. Das ist wahnwitzig. Und man mag einwenden: Eine Armee von 30 .000 Mann wird das nicht schaffen. Doch Vorsicht! Die Gefahr geht nicht nur von dieser mörderischen Truppe aus, sondern auch von einer Idee. Das Kalifat ist als mental map ins kollektive Gedächtnis des Islams eingraviert: als Erinnerung an dessen militärische und wirtschaftliche Macht zwischen dem 7. und dem 11. Jahrhundert.

Der Prophet Mohammed zeichnete eine ähnliche Weltkarte. Er soll Briefe verschickt haben an den Kaiser von Byzanz, den Sassanidenkönig in Persien, den römischen Statthalter in Ägypten und den christlichen König von Abessinien: "Nimm den Islam an, dann bist Du sicher!" Kurz nach Mohammeds Tod standen viele dieser Gebiete unter islamischer Herrschaft.

Es ist ein Traum von Omnipotenz, der heute auf eine Ohnmacht trifft, wie sie viele Muslime verspüren. Diese Ohnmacht treibt Tausende junge Männer aus Europa nach Syrien und in den Irak. Nachdem die Arabellion mit ihrem Versprechen von Freiheit gescheitert ist, erhebt sich nun heiliger Zorn.

Seine Ursachen gehen zurück auf das Jahr 1924, als das Osmanische Reich zusammenbrach. Damals entstanden unabhängig voneinander zwei Bewegungen, die das islamische Kalifat wiederherstellen wollten: In Indien belebte der Gelehrte Abul Ala Maududi den Dschihad neu. Er wollte die britische Herrschaft brechen und die Umma, die Gemeinschaft aller Muslime, schaffen. Seine Ideen fanden in Indien, später in Pakistan und Afghanistan Widerhall. Die Ideologie der Taliban basiert bis heute auf Maududis Islamverständnis.

Fast zeitgleich entstand in der Provinzstadt Ismailia am Sueskanal die Muslimbruderschaft. Der Arabischlehrer Hassan al-Banna legte ihre Ziele fest: Die islamischen Gesellschaften seien von allen nichtislamischen Elementen zu reinigen, in einem zweiten Schritt sei das Kalifat wiederherzustellen. Heute sind die Muslimbrüder in mehr als siebzig Staaten präsent.

Diese Ideen inspirierten zahlreiche militante Gruppen, die im Laufe der letzten Jahrzehnte Terroranschläge in der arabischen Welt, in Asien, Europa und den Vereinigten Staaten verübten. Die Globalisierung brachte die beiden Bewegungen einander näher. In den achtziger Jahren begegneten sich die Kinder und Enkel Al-Bannas und Maududis in Afghanistan und kämpften gegen die Russen. Nach dem Ende der Sowjetherrschaft legten die Islamisten ihre Waffen nicht nieder, sondern gründeten gemeinsam Al-Kaida.

Ihr verbindendes Credo lautet: Der Wille Gottes muss von den Gläubigen vollstreckt werden. So steht es im Koran: "Ihr seid die beste Gemeinschaft, die je von Menschen hervorgebracht wurde. Ihr gebietet das Rechte und verbietet das Verwerfliche!" Die Scharia-Polizei von Wuppertal zitiert diese Sure ebenso wie die Sittenwächter in Saudi-Arabien, im Iran, in Nordnigeria oder der indonesischen Provinz Banda Aceh. Sie sehen sich als Vollstrecker von Allahs Gesetz. Dass das religiöse Gesetz das oberste sei, wird nicht nur von Islamisten, sondern von vielen frommen Muslimen akzeptiert. Auch deshalb konnte der IS mit wenigen Tausend Kämpfern sogar Millionenstädte erobern.

Kommt eine islamistische Bewegung an die Macht, entsteht eine islamische Diktatur wie im Iran, in Afghanistan und im Sudan. Wird sie an der Macht gehindert, dann verwandelt sie sich in eine Terrororganisation wie Ansar al-Din in Mali, Ansar al-Scharia in Libyen oder die Islamische Heilsfront in Algerien.

"Wir brauchen ein Buch, das den Weg weist, und ein Schwert"

Auch im schiitischen Islam gibt es die Idee vom Reich Gottes auf Erden. Sie war der Motor der Islamischen Republik im Iran, die Ajatollah Chomeini 1979 errichtete. Auch die schiitischen Hisbollah-Milizen im Libanon berufen sich auf das Prinzip der geistlichen Herrschaft. Im religiös und ethnisch heterogenen Libanon war es zwar nicht möglich, einen Gottesstaat zu errichten. Deshalb entwickelte sich eine Mischform aus Staat im Staat und Terrormiliz. Ausgerechnet diese schiitische Bewegung war Vorbild für viele sunnitische Terrororganisationen, denn sie führte die ersten "erfolgreichen" islamistischen Selbstmordanschläge gegen westliche Einrichtungen durch. Am 23. Oktober 1983 wurden zwei mit Sprengstoff beladene Lkw von Hisbollah-Selbstmordattentätern in den amerikanischen Stützpunkt in Beirut gelenkt. 305 Menschen kamen ums Leben, darunter 241 US-Marines und 58 französische Fallschirmjäger. Der Anschlag inspirierte Islamisten weltweit, weil sich die USA danach aus dem Libanon zurückzogen. So wurde Hisbollah als der "Bezwinger Amerikas" berühmt.

Wenige Jahre später trat in den besetzten palästinensischen Gebieten Hamas in Erscheinung. Sie übernahm nicht nur die Ideologie von Hisbollah, sondern auch ihre Taktik: Selbstmordanschläge als Mittel der Politik. Dieses Konzept machte überall in der islamischen Welt Schule. Busse in Tel Aviv, die U-Bahn in London, Touristen in Luxor, Bars auf Bali, Botschaften in Kenia, ein jüdischer Tempel in Tunesien, das World Trade Center und das Pentagon in den USA. Dazu kommen Anschläge im Irak, in Afghanistan, Pakistan, Marokko und Ägypten – denen zahllose Muslime zum Opfer fielen.

Der militante Islamismus überwindet alle ethnischen Differenzen

Der Vormarsch der IS-Milizen zeigt eine neue Dimension des Dschihad. Bei seinem einzigen öffentlichen Auftritt sagte der selbst ernannte Kalif Abu Bakr al-Bagdadi in Mossul: "Ich verspreche euch nicht, was andere Herrscher ihren Untertanen versprechen: keine Sicherheit, keinen Wohlstand. Nein, ich verspreche euch, was Allah den Gläubigen im Koran versprach: dass Er sie zu seinen Stellvertretern auf Erden werden lässt." Al-Bagdadi rief die Gläubigen zum Kampf gegen die Ungläubigen auf: "Ein islamischer Staat kann nur bestehen, wenn das Gesetz Allahs vollstreckt wird. Dazu brauchen wir Macht und Stärke: ein Buch, das den Weg weist, und ein Schwert, das der Religion zum Sieg verhilft."

Das Schwert heißt jetzt IS, aber das Buch heißt immer noch Koran. Ein Blick auf die reale Weltkarte heute zeigt, dass der IS nur eine von vielen islamistischen Gruppen ist, die so denken.

Und wie sieht es in Asien aus? Auf die westliche Globalisierung gab es drei unterschiedliche Reaktionen. Die Asiaten waren kreativ. Die Araber reaktiv. Die Afrikaner passiv.

Von der Kreativität Asiens profitierten zunächst auch islamische Länder wie Malaysia und Indonesien, die nicht zuletzt wegen ihrer ethnischen und religiösen Vielfalt Säkularisierung und Modernisierung zuließen. Doch der Einfluss dieser islamischen Peripherien auf das arabische Zentrum des Islams blieb schwach. Umgekehrt importierten diese Länder die Ideologie des Dschihad aus den unruhigen Ländern des Nahen Ostens.

Natürlich wird der Islam auch von kriminellen Banden missbraucht, etwa von den Warlords in Afghanistan, die vom Drogenhandel leben. Ja, der Dschihad muss nicht fromm sein.

Aber seine Unerbittlichkeit entspricht dem Zorn der Unterprivilegierten. Besonders deutlich wird das in Afrika. Es ist der Erdteil, der von der Globalisierung nicht profitiert. China und der Westen beuten die Ressourcen des Schwarzen Kontinents aus, schotten jedoch ihre Märkte vor afrikanischen Exporten ab. Dennoch bleibt politischer Protest aus. Nur der radikale Islam nimmt den stummen Zorn der Afrikaner auf. Und auch hier dient der Traum vom Kalifat als Fluchtweg aus der bitteren Realität.

Das krasseste Beispiel ist Boko Haram. Anfangs beschränkte sich die Terrorgruppe auf Attacken gegen Polizeistationen und Militär. Aber als der Gründer Ustaz Mohammed Yusuf 2009 von Sicherheitskräften getötet wurde, intensivierte die Gruppe unter Abu Bakr Shekau ihre Anschläge. 2011 jagte ein Selbstmordattentäter das UN-Hauptquartier in der nigerianischen Hauptstadt Abuja in die Luft. Insgesamt wird die Zahl ihrer Opfer auf 10.000 geschätzt. Dennoch spielten westliche Terrorexperten die Gefahr herunter. Erst als Boko Haram mehr als 250 christliche Mädchen verschleppte, wurde die Gefahr im Westen wirklich wahrgenommen.

Unfreiheit beginnt mit dem Irrglauben: "So will es Gott, ich habe keine Wahl"

Inspiriert vom Islamischen Staat, hat Boko Haram jetzt ein eigenes Kalifat im Bundesstaat Borno ausgerufen. Nun umzingeln die Milizen die Millionenstadt Maiduguri. Im Nordnigeria hat es immer Islamisten gegeben, aber Boko Haram ist anders, sie haben Zellen überall im Lande. 280.000 Mitglieder sollen es sein. Global ist die Gruppe mit den Al-Shabaab-Milizen in Somalia vernetzt, mit Ansar al-Din in Mali und Islamisten in Eritrea und Kenia. Doch nun scheint der IS für die islamistischen Nigerianer interessanter als Al-Kaida zu sein.

Und so breitet sich der Terror im Namen Allahs aus: Der militante Islamismus überwindet alle ethnischen Differenzen und kulturellen Besonderheiten. Überall sind seine Weltbilder ähnlich, seine Methoden barbarisch. Früher kochte jede Dschihad-Gruppe ihr eigenes Süppchen, jetzt rücken sie näher aneinander und überbieten sich.

Der IS aber ist das neue Vorbild. Mit den militärischen und medialen Erfolgen des Kalifats geraten Gruppen wie Al-Kaida unter Zugzwang. Islamisten in Algerien und Pakistan lösen sich von Al-Kaida und bekennen sich zum IS. Al-Kaida kündigte die Gründung einer neuen Gruppe in Indien an. Die Bewegung braucht dringend einen neuen 11. September, um nicht endgültig in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.

Müssen wir uns vor dem Islam fürchten? In der Feindschaft zwischen den islamistischen Gruppen, die denselben Gott anbeten, liegt die Chance, dass sie nicht mit vereinten Kräften noch größeres Unheil anrichten. Doch in der Uneinigkeit lauert auch die Gefahr, dass sie immer schwerer zu bekämpfen sind.

Islamisten konnten zwar bislang keine tragfähigen Staaten aufbauen, sie errichteten auf den Trümmern gescheiterter Staaten immer mehr Scharia-Enklaven. In Staaten, die noch halbwegs funktionieren, spalten Islamisten die Gesellschaft und lähmen Institutionen. Hinzu kommt die Demografie: 65 Prozent aller Muslime sind unter dreißig. Die Arbeitslosigkeit steigt besonders unter jungen Menschen rasant. Ihre Wut ist Öl ins Feuer der Radikalisierung. Und es sieht nicht danach aus, als sei das Potenzial dieser jungen Generation bald ausgeschöpft. Denn die Probleme in der islamischen Welt wachsen schneller als die Kapazität, diese Probleme zu lösen. Wankenden Mächten springen nun die Islamisten zur Seite und bieten ihre Dienste an.

Unfreiheit beginnt mit dem Irrglauben "So will es Gott, und ich habe keine andere Wahl". Unterwerfung ist die wörtliche Übersetzung des arabischen Wortes "Islam". Zu viele Muslime glauben, dass Gott sie, ihre Taten und Gedanken überwache und jeden Fehltritt bestrafe. Die meisten Muslime halten sich zwar nicht an alle Gebote. Aber viele fühlen sich als Sünder und fürchten die Strafe Gottes. Ihr Wunsch, sich von der Sünde reinzuwaschen, treibt sie in die innere Abhängigkeit.

Eine der größten Leistungen der Moderne war, den Menschen von der Vorstellung eines strafenden Gottes befreit zu haben. Die Aufklärung versetzt uns in die Lage, uns von Unterwürfigkeit zu distanzieren. Das ist die Voraussetzung für kritisches Denken und Freiheit. Genau diese Distanzierung lehnen konservative Muslime aber ab. Und der Sinn des Lebens wird somit: Gott dienen und seinen Willen wollen. Dies schafft Unmündigkeit und verhindert jeden Fortschritt.

Die Welt sollte Angst vor dem militanten Islamismus haben wie vor dem Faschismus im 20. Jahrhundert. Aber keine Angst, die lähmt. Den Faschismus besiegte man mit konsequenter Kriegsführung. Die faschistische Ideologie musste erst eine vernichtende militärische und moralische Niederlage erleiden, sodass Widerstand keinen Sinn ergab. Danach war ein Marshallplan für die Besiegten notwendig. Auch das brauchen viele islamische Staaten heute.

Aber sie müssen sich auch selbst von der Theologie der Gewalt emanzipieren. Der Faschismus wäre niemals besiegt worden, wenn die Deutschen darauf bestanden hätten, dass nur Hitler und seine Schergen böse waren, ihre Rassenlehre aber in Ordnung war. Jetzt sind alle Muslime gefragt, sich von autoritären Denkweisen des Islams zu emanzipieren.

Natürlich hat der Islamismus nicht nur religiöse Ursachen. Aber wer die weltweit grassierende Theologie der Gewalt besiegen will, sollte zugeben: Sie hat mit dem Islam zu tun.