Manchmal, so scheint es, hat die Geschichte einen Hang zum Zynismus. Es ist der 10. September, der Abend vor dem 13. Jahrestag der Anschläge von New York und Washington, als der Präsident, der Amerikas Soldaten nach Hause holen wollte, eine neue Mission gegen den Terror ausruft: "Unser Ziel ist klar", erklärt Barack Obama in seiner Rede an die Nation. "Durch eine umfangreiche und nachhaltige Antiterrorkampagne werden wir Isis schwächen und letztlich vernichten." Und er macht klar, wie er das erreichen will. "Systematisch werden wir mit Luftschlägen gegen die Terroristen vorgehen." Die "Kampagne" gegen den "Islamischen Staat" (IS) werde Jahre dauern, sagt Obama. Das Wort "Krieg" meidet er.

Warum er es nicht aussprechen will, liegt auf der Hand. Sechs Jahre lang hat der Präsident alles daran gesetzt, sein Versprechen zu erfüllen, die geerbten Kriege zu beenden. Nichts will er so wenig, wie zwei Jahre vor Ende seiner Präsidentschaft die Vereinigten Staaten in einen neuen Krieg zu führen. Jedenfalls nicht in einen, der an die anderen erinnert. Es soll ein Krieg sein, der den Tod auf Abstand hält, geführt im Wesentlichen durch Flugzeuge und Verbündete.

Aber geht das überhaupt? Lässt sich der IS in einem "klinisch" geführten Kampf besiegen? Und was, wenn es diesmal so nötig und richtig wäre wie nie, mit aller Macht einzugreifen, und wenn die einzige Supermacht, die in der Lage wäre, dabei voranzugehen, ausgerechnet jetzt die falsche Zurückhaltung zeigt?

Die täglichen Bilder von Kreuzigungen, Erschießungen und Enthauptungen, sie sind mächtig. Aber noch mächtiger sind die Erinnerungen an die Interventionen des vergangenen Jahrzehnts. All diese Missionen endeten, gemessen an den erwünschten Zielen, in Debakeln, sei es in Afghanistan, im Irak oder in Libyen. "Ich entschuldige mich nicht dafür, dass ich vorsichtig bin auf diesen Gebieten", soll Barack Obama laut New York Times dieser Tage vor Vertrauten gesagt haben. Soll ihn die Opposition doch schwach und feige nennen – er werde sich nicht, wie sein Vorgänger George W. Bush 2003, von einem Washingtoner "Fieber" hinreißen lassen, US-Truppen gegen radikale Sunniten im Irak einzusetzen.

Nur: Wäre das überhaupt ein "Fieber", jetzt hart und entschlossen gegen den IS vorzugehen? Wäre es nicht vielmehr kühle Vernunft, den Vormarsch dieser Terrorgruppe zu stoppen?

Im Vergleich mit dem IS wirkt die 5.000 Mann starke Al-Kaida in Afghanistan im Jahr 2001 rückblickend wie eine Miniarmee. Nach Geheimdienstschätzungen sollen sich dem IS im Irak und in Syrien bis zu 45.000 Dschihadisten angeschlossen haben. Sie kontrollieren ein 750 Kilometer weites, ölreiches Gebiet vom Stadtrand von Bagdad bis vor die Tore des syrischen Aleppo.

Die Nato-Staaten beschwören die Bedrohung ihres Bündnisgebietes – und doch herrscht in den wichtigsten Regierungskabinetten dieselbe Rückzugsstimmung wie in Washington. In Großbritannien ließen die Volksvertreter Premierminister David Cameron vor einem Jahr spüren, was sie von neuen Auslandsabenteuern halten, als sie eine geplante Vergeltungsaktion gegen den Giftgaseinsatz in Syrien ablehnten.

Und die Deutschen? In dem Land, das seit Monaten eine ernsthafte Debatte über mehr Verantwortung und gewachsenen internationalen Einfluss führt, fällt die Politik trotz einer geostrategischen Bedrohung plötzlich, panisch fast, zurück in den ältesten aller außen- und sicherheitspolitischen Reflexe: Lass das mal die Amerikaner machen. Ein neuer Feldzug gegen Islamisten? Ohne uns.

Noch bevor die Bundesregierung gefragt wird, ob die Bundeswehr sich an irgendeiner Art von Militäroperation beteiligen könne und wolle, schloss die Kanzlerin mit Hinweis auf die Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak jeden Gedanken an ein weiteres Engagement aus: "Wir werden auf keinen Fall Kampftruppen in den Irak schicken." Und zu möglichen Luftschlägen gegen den IS stellte Außenminister Frank-Walter Steinmeier klar: "Wir werden das nicht tun." Ein Nein, obwohl die Bundesregierung Luftschläge gegen die IS-Truppen für zwingend erforderlich hält. Ein Nein, obwohl die Luftwaffe mit ihren Tornado-Kampfjets über Angriffs- und Aufklärungsfähigkeiten verfügt, die eine internationale Anti-IS-Koalition bestens gebrauchen könnte. Ein Nein, weil die Regierung wohl zu Recht annimmt, ein Ja wäre den Deutschen nicht zu vermitteln.