In unserem Dietzhausen gehen einige Ältere wie früher nach der Stimmabgabe noch auf ein Bier in die Kneipe. Doch dort wird auch an diesem Tag nicht sofort politisiert, sondern man redet zuerst über die in diesem Jahr besonders reichliche Pilzernte. (Es gibt zurzeit außergewöhnlich viele, aber leider allzu oft madige Steinpilze.) Nach dem zweiten Bier dann Prognosen zum Ausgang der Landtagswahl. Keiner der drei am Nachbartisch, der Älteste trägt, "wie es sich zur Wahl gehört", Schlips und Anzug, will eine, wie sie sagen "Revolution" in Thüringen. Darunter verstehen sie einen Politik- und Führungswechsel, also den "Sturz der Regierung", ähnlich wie vor 25 Jahren, "als wir das heutige demokratische Wahlrecht erkämpften". Ich spendiere ihnen eine Runde und lasse mir erklären, weshalb sie in Thüringen nach mehr als 20 Jahren CDU-Regierung keinen Politikwechsel, also etwa eine Koalition von Linken, Sozialdemokraten und Grünen, wollen; mit dem ersten linken Ministerpräsidenten in Deutschland, also zumindest eine kleine Revolution.

Die Begründungen, und darauf gibt der Älteste einen russischen Wodka aus, sind so plausibel wie gegensätzlich. Er behauptet, dass die Revolution 89 so gut für Thüringen war, dass "es keiner weiteren, vielleicht durch eine Führung der Linken alles wieder infrage stellenden Revolution bedarf". Im Gegenteil, man müsse das Erreichte bewahren! Sein Gegenüber meint, dass man vorher nie wisse, was eine gesellschaftliche Veränderung bringen könnte. Schließlich habe die vor 25 Jahren manchen Thüringern nicht nur Gutes beschert. Ihm beispielsweise Arbeitslosigkeit, nachdem in Suhl das Simson-Werk, die größte europäische Moped-Fabrik, geschlossen wurde und ihn ein Wessi aus seiner Wohnung geschmissen habe. Nein, nicht noch mal eine Revolution!

Und der Dritte, mit vielleicht 60 Jahren der Jüngste, entgegnet, dass es Thüringen, obwohl es immer noch das Billiglohnland Nummer eins in Deutschland sei, trotz alledem insgesamt gut gehe. Also sollte man das alte Bewährte nicht umstürzen. Nur eventuell ein wenig verbessern. Ich will entgegnen: "So wie ich, der 1989 den Sozialismus nur verbessern wollte." Aber ich sage es nicht, denn ich weiß, dass die Thüringer (ich bin ein gebürtiger Sachse) zumindestens in der Kneipe bis zum bitteren Ende streiten und jeder am Stammtisch seine Meinung als die einzig richtige verteidigt. Kompromissloser und leidenschaftlicher, als das die Abgeordneten "im Auftrag der Wähler" im Thüringer Landtag tun.

Ich hatte die Politiker 1999 bei Reportagerecherchen ein Jahr lang im Parlament beobachtet und mir oft gewünscht, dass die da oben die Debatten genauso erbittert geführt hätten wie unten die Wähler in der Kneipe. Aber Christine Lieberknecht (seinerzeit Thüringer Landtagspräsidentin) war schon damals, und ist es wohl noch immer, weniger streitsüchtig als vielmehr freundlich verbindend. Lieberknecht – ich hatte sie damals wie eine gute Bekannte zum Tee einladen und mit ihr über alles Mögliche, etwa die Mühen des Schreibens, sprechen können – hatte ich als warmherzige, natürliche Person erlebt. Gestern Abend erschien sie mir im Fernsehen unnatürlich steif und unnahbar. Und Bodo Ramelow – den ich wegen seines Aussehens als Pinocchio bezeichnet hatte, was er mir lange nachgetragen hat – mühte sich auch bei der Wahl vor 15 Jahren um ein Regierungsbündnis mit der SPD, die 1999 noch vom linksfreundlichen Richard Dewes geführt wurde. Nicht nur diese zwei Spitzenpolitiker, sondern viele der Landtagsabgeordneten, die ich 1999 kennenlernte, regieren und opponieren noch heute in Erfurt.

Viele von ihnen sitzen nun seit fast 25 Jahren fest auf den Bänken und Posten des Parlaments. Wahrscheinlich hat der Jüngste am Stammtisch in Dietzhausen recht, als er mir sagt: "Weißt du, wenn es dem Thüringer im Leben gut geht, er genug Holz für den Winter hinterm Haus hat, wird er sich nicht der Gefahr aussetzen, sein Leben ungeplant zu verändern." Wahrscheinlich ist das in Thüringen gleichermaßen für Landtagsabgeordnete oben als auch für die Wähler unten gültig.

Am Abend dann kam schon mit der ersten Prognose die Bestätigung der nachmittäglichen Kneipenrunde: Die Thüringer Wähler wollen keine Revolution von unten. Im Gegenteil. Nur noch knapp über 50 Prozent – vier Prozentpunkte weniger als bei der vorigen Wahl – nahmen ihr 1989 erkämpftes Recht auf freie, demokratische Wahlen wahr. (In unserem Dorf nicht einmal 43 Prozent.) Die Hälfte der Thüringer verhinderte weder einen Politikwechsel, noch beförderte sie ihn. Stattdessen verhalfen Wähler aller Parteien der "Alternative für Deutschland" zu einem zweistelligen Votum. Und während ich diese Zeilen schreibe, ist alles für die künftige Thüringer Regierung noch offen: sowohl mit einer Stimme Mehrheit die Beständigkeit für Rot-Schwarz als auch mit einer Stimme Mehrheit die Veränderung für Rot-Rot-Grün.

Nein, die Thüringer Wähler unten haben am Sonntag keine Revolution eingeleitet. Die könnten jetzt nur noch die Politiker oben untereinander auskungeln. Doch ob eine von oben "ausgekungelte" Revolution diesen Namen noch verdient hat, wage ich zu bezweifeln.

PS. Eine Revolution geschah aber doch noch, gleichzeitig mit der Stimmabgabe: Die Bürger rund um die Rhön entschieden sich mit 33.726 Stimmen (59 Prozent) gegen die auf dem Gipfel der 751 Meter aufragenden Hohen Geba von Politik und Wirtschaft geplante Touristenattraktion, den Bau des schiefsten Turmes der Welt, der dort jährlich 100.000 Besucher anlocken sollte. Aber auch hier: Thüringen bleibt Thüringen!