Es schimmert durch die riesigen Eichen und Kiefern vor uns, die ruhige Oberfläche des Wassers dort unten. "Ohne ihn hätte ich nicht leben können", sagt Martin Walser oben am Hang, auf der Terrasse vor seinem Haus. Wir reden über einen großen, vertrauten Lebensfreund des Schriftstellers, dessen Kraftfeld ihm half und abstieß, der zudem oft in dessen Büchern vorkommt – den Bodensee. Hier in Nußdorf wirkt er gar nicht einmal riesig, das andere Ufer ist nah. Aber die Wolken türmen sich an diesem Spätsommertag; hier können die Elemente perfekt herumtoben. Oh ja, das alles kommt einem schon sehr herrlich vor.

"Gestern bis zur gelben Boje jenseits der Birke, heute, das Wasser vom Nachtregen kälter, bis zur Stange", so notierte Walser, der Schwimmer, 1979 in sein Tagebuch. Und noch heute lässt sich der 87-Jährige vom Ufer seines Grundstücks in das Wasser gleiten. Wenn der Autor einst seinen Verleger Siegfried Unseld in Frankfurt besuchte, schwammen sie am Morgen: "Siegfried 28, ich 20 Bahnen", die Anzahl der Bahnen änderte sich, der Abstand nie.

Wettkämpfe des Lebens, Wettkämpfe der Kunst und Wettkämpfe mit dem eigenen Ich: Das ist der Stoff, aus dem die Tagebücher Martin Walsers gemacht sind. Seit 1951 sind seine Aufzeichnungen überliefert, soeben ist ihr vierter Band Schreiben und Leben erschienen, der die Jahre 1979 bis 1981 umfasst. Dreißig Jahre eines Autorendaseins bislang also, in denen sich zugleich dreißig Jahre Bundesrepublik spiegeln – und der Leser kann dem allmählichen Werden Walsers als Künstler zusehen, in Triumphen und Untergängen.

Mit diesem Experten also wollen wir über das Tagebuchschreiben reden. Doch zunächst gerät der fremde Besucher überraschend in eine fröhliche Mittagsrunde auf der Terrasse: Walsers bezaubernde Frau Käthe, mit der er seit unvorstellbaren 64 Jahren verheiratet ist, hat fangfrischen Saibling bereitet, Tochter Johanna ist dabei, zufällig zu Besuch ist der Enkel Jakob, über dessen Taufe 1980 wir noch eben im Tagebuch des Großvaters gelesen hatten. Es wird eine Flasche Sekt geköpft und die Geschichte des Hauses erzählt, in dem die Walsers seit den sechziger Jahren leben und das zum Zentrum ihrer Künstlerfamilie wurde.

Was für ein Herbst des Patriarchen, der glänzend aufgelegt ist: Seine Augen blitzen unter den berühmten Augenbrauen, sein heiser angerauter Singsang mit rollendem R erfüllt die Luft, und der Gast sagt sich derweil nochmals ungläubig, dass dieser ältere Herr in lässigem dunkelblauem Jeanshemd einst den Preis der Gruppe 47 in Berlin gewann, just an jenem Wochenende vor 59 Jahren, als in Weimar Thomas Mann seine Schiller-Rede hielt.

Oben im Arbeitszimmer zeigt Walser dann seine Tagebücher: zahlreiche Bände mit seiner Handschrift, mit Zeichnungen und sogar mit Gedichten, kleinere Bände für seine vielen Reisen zwischendurch. "Ich kann sofort dreißig Seiten aufschreiben, wenn ich irgendwo ins Hotel zurückkomme – wie ein Tonband, jeden Satz genau." Es dürfe keine Tendenz, Absicht oder Rechtfertigung geben; Walser hat für sein Tagebuchideal vor Jahren das Wort "Hingeschriebenheit" geprägt. Für die Druckfassung gibt es keine Verbesserungen, nur seine Entscheidung, ob man Sätze streichen soll, die vor seinen Augen nicht standhalten. Aber warum überhaupt zu seinen Lebzeiten gedruckte Tagebücher? "Die Zeitgenossen haben diese Tagebücher bei mir bewirkt. Also sollen sie auch lesen, was sie bewirkt haben." Beschwert habe sich noch keiner.

Geträumte Umarmung mit Habermas

Für ihn selbst ist die Lektüre einfach und kompliziert zugleich. "Dieser Mensch, der da Tagebuch schreibt, den kann ich anschauen, als hätte ich nichts mit ihm zu tun. Ich fühle mich auch – und jetzt kommt mein höchstes Wort – unschuldig. Denn die Hand hat das geschrieben, was ich nicht beabsichtigt habe. Es passiert wie von selbst. Vor meinem inneren Gerichtshof macht mich das unschuldig."

Auf der Couch sitzend, kann sich Walser über Eigenheiten amüsieren: So notiert er im Tagebuch Hotelzimmernummern und Zugfahrpläne. Vor allem aber sind seine Tagebücher eine "vollkommen legere Übungswiese": Viele Szenen und Entwürfe für Essays und Romane findet der Leser hier, Alltägliches direkt neben kunstvollen Miniaturen. Und es hilft: "Die Lebensschwierigkeit hat keinen anderen Platz für einen Autor." Träume werden ebenfalls von Walser protokolliert, im Februar 1979 hatte er einen Traum mit seinem Freund Jürgen Habermas. Nach einer Explosion werden Walser und er in die Luft gewirbelt: "Wir klammern uns an einander, umarmen einander" – und nach glimpflichem Aufprall auf dem Boden: "Wir umarmen einander noch fester." Oder eine andere Walser-Vision: "Der neue Papst, der Pole, liest in der Peterskirche eine Stelle aus der Blechtrommel vor. Ich beneide Günter Grass. Aber dann bemerke ich, dass das ein Traum ist."

Der Beichte folgt die Absolution

Die Jahre 1979 bis 1981 sind für Walser die Zeit nach Tod und Wiederauferstehung als Autor: der Verriss seines Romans Jenseits der Liebe durch Marcel Reich-Ranicki 1976 sowie dessen Lob für die Novelle Ein fliehendes Pferd zwei Jahre später waren die Epizentren des vorherigen Tagebuchbandes. Die Erschütterungen wirken nach: "Nach 76 wieder von vorne anfangen. Ich hatte es falsch gemacht? Aber was ist an dem, was ich jetzt gemacht habe, richtig?" Seine Leser gefallen ihm auch nicht recht – "Zu mir kommen die, die wie ich sind, die Verkrampften." Und schwarze Gedanken gibt es nach wie vor ("Ich erlebe das Leben als einen Sturz."): "Es kann mit 56 oder 58 Schluß sein. Am besten wäre 57. 57 ist eine schönere Zahl als 56 oder 58."

Doch insgesamt fällt das Klagen in diesen Jahren des Erfolgs leiser aus. Stattdessen lesen wir zahlreiche wunderbar präzise Szenen und Geschichten, vor allem von seinen Reisen, ob nach New York oder in die DDR, einen amüsanten Besuch beim bestaunten Maler Werner Tübke in Leipzig zum Beispiel. Neben seiner Frau ("Nichts ist so undurchschaubar wie ein Ehepaar", weiß Walser) gilt intensive Aufmerksamkeit seinen vier Töchtern, ob sie wie Franziska nun mit ihrem Schauspielerkollegen Edgar Selge zusammen sind oder sich wie Alissa streng nach Affären des Vaters erkundigen oder wie die 13-jährige Theresia sich über das ewige Notizenmachen des Vaters beschweren.

Diese Tagebücher wirken ruhiger als die früheren; es sind die Aufzeichnungen eines Mannes jenseits der fünfzig, der schon einiges überstanden hat. Fragen wir ihn direkt: "Fühlten Sie sich damals reifer als zuvor?" Prompt rollen Walsers Augen theatralisch himmelwärts: "Sie haben da ein Adjektiv genannt, das in meinem Selbsterlebnis nicht vorkommt! Mir imponieren am meisten die Figuren, die nie reif geworden sind. Sollte ich es jetzt geworden sein, möchte ich damit fast nichts zu tun haben."

Natürlich sind Walsers Tagebücher auch eine herrliche Menagerie bundesdeutscher Intellektueller. Brillant ist seine Enzensberger-Analyse: "Der Blick stößt an am neuen Gegenstand, und das macht jedes Mal Dingg." Also klingelt es ständig: "Wenn er in schnellen Blick-Rucken herumschaut, hört man das DinggDinggDingg." Erschütternd sind viele Szenen mit dem betrunkenen Uwe Johnson, auch kurz nach dem eher grotesken Gespräch von Bundeskanzler Helmut Schmidt mit Autoren in Unselds Haus. Der Kanzler beeindruckte Walser dabei: "Schmidt trocken, konkret, wir verkrampft, um Sachen bemüht, als müssten wir verbergen, dass wir keine haben und uns für keine außer uns selbst interessieren."

Geburtstagsfeste werden zum großen Kino, so der fünfzigste von Jürgen Habermas, bei dem alles aufläuft, was Rang und Namen hat, und Walser sich prompt unwohl fühlt. "Das ganze Gerede ist ungeheuer leicht, und jeder glaubt, sich dabei auszeichnen zu können. Jeder erhofft sich etwas." Schwer wirkt die Kritik des Gastgebers, Walser habe "einen schlechten und ungeheuer nationalistischen Aufsatz geschrieben". Mit dem Essay Händedruck mit Gespenstern für Habermas’ Sammelband Stichworte zur "Geistigen Situation der Zeit" zerbröckelte allmählich die Freundschaft mit dem Philosophen. Walsers Tagesbilanz: "Ich komme immer mit einer Art von Verliebtheit auf eine solche Gesellschaft, und dann verreckt alles."

Und immer wieder Siegfried, der Rastlose, der in Badehose und Bademantel auf den überschwemmten Markusplatz in Venedig geht und alle begeisterten Blicke auf sich zieht. Unselds scheiternde Ehe mit seiner Frau Hilde dokumentiert Walser in bizarren bis grausamen Szenen. Frage an den Freund von einst: Hätte Unseld solche Passagen geduldet? "Er hätte nichts dagegen gehabt, weil er den Gesamtsinn meines Tagebuchs verstanden hätte. Denn er war nicht nur ein Freund, sondern auch ein Literaturfreund."

Im Tagebuch stoßen wir auch auf etwas, was Walser seit seinem Bericht über den Auschwitz-Prozess 1964 bis heute nicht in Ruhe ließ: den Holocaust. Seine Rede Auschwitz und kein Ende notiert er 1979 ins Tagebuch. Jetzt steht Walser auf und holt von seinem Schreibtisch ein vergriffenes Buch des weithin vergessenen jiddischsprachigen Schriftstellers Scholem Jankew Abramowitsch (1835 bis 1917): "Ein Autor wie Kafka und Swift." Völlig begeistert erzählt er von dieser Entdeckung, dem er in seinem dieser Tage erscheinenden Essay unter dem Titel Shmekendike Blumen ein Denkmal setzen will. Der zumeist in der Ukraine lebende, von Scholem Alejchem verehrte Abramowitsch ist einer der Gründerväter der jiddischen Literatur, die sich zwischen dem Russischen und Hebräischen behaupten wollte. Walser ist in seinem Essay ein stürmischer Prophet Abramowitsch – und plötzlich steht nicht nur das gelebte Leben auf dem Programm, sondern es entdeckt hier jemand einen neuen literarischen Kontinent.

Der Beichte folgt die Absolution

Durch das große Fenster schauen wir jetzt noch einmal auf den See, mit letzten Fragen. Lastet nicht doch mit dem Tagebuch manchmal die Last der Jahrzehnte zu stark auf der Seele? "Wahrscheinlich bin ich in der Kindheit so sehr zum Beichten erzogen worden, dass ich nicht anders kann", sinniert der Schriftsteller lächelnd. "Außerdem kann das Beichtkind gar nicht genug beichten, denn es wird dafür belohnt – mit der Absolution. Und es wird verstanden!"

Und das Leben, gab es da nie die Versuchung, es einmal ganz woanders zu probieren? "Oh doch, ich habe immer im Geist die Koffer gepackt, in Richtung Berlin, München oder Manhattan. In Amerika habe ich oft eine innere Weite entdeckt, deshalb wäre ich manchmal gerne dort geblieben. Es passierte aber nie." Also ist er hier verwurzelt? Martin Walser protestiert lachend: "Das haben mir die Leute immer als Maske draufgesetzt, und das trotz 150 Reisetagen im Jahr! Ich bin nicht schuld an dieser Ideologie der Verwurzelung. Etwas daran stimmt aber: Ich hätte ja nie ohne das Wasser leben können. Dirigieren konnte ich mein Leben nie – immer hat das Leben mich dirigiert." Das will einem in diesem Moment bei Martin Walser als eine ziemlich gelungene Fügung erscheinen.