Jetzt Internet statt Energie: Der neue EU-Kommissar Günther Oettinger © JULIEN WARNAND/dpa

Es gibt wenig, das Günther Oettinger mehr begeistert als Papier. Er kann es markieren, stapeln, und – ganz wichtig – er kann Gelesenes falten und damit ad acta legen. Nun wird ausgerechnet dieser Mann, der gedruckte Zeitungen lieber liest als iPad-Ausgaben, Digitalkommissar für Europa. Die taz verhöhnt ihn schon als "Bildschirmschoner für Brüssel".

Immerhin eines ändert sich nicht im Leben des Günther Oettinger. Häme ergießt sich weiter über ihn wie die Schokosoße über eine Brüsseler Waffel. Als Oettinger vor viereinhalb Jahren Energiekommissar wurde, hieß es, der Mann könne kein Englisch, habe von Energiepolitik keine Ahnung, und Merkel wolle ihn bei der Brüsseler EU-Kommission entsorgen.

Heute verhandelt der 60-Jährige mit europäischen Stromkonzernen auf Englisch, und selbst das Kanzleramt hört aufmerksam zu, wenn er die nächste Direktive vorstellt. Wie vieles andere in Brüssel ist Oettinger besser als sein Ruf.

So viel lässt sich schon sagen, ehe er sein neues Amt angetreten hat: Oettinger wird eine wichtige Rolle spielen in der neuen Kommission, und er hat mit mehr als 1.200 Beamten einen enormen Apparat hinter sich. Anders als die sechs neuen Vizepräsidenten, die Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker ernannt hat. Sie haben zwar einen schönen Titel, de facto aber wenig Hausmacht, um ihre Ziele durchzusetzen. Dem Vernehmen nach hätte auch der Deutsche Vizepräsident werden können, lehnte es aber ab. "Er hatte Angst, als Frühstücksdirektor zu enden", wie ein Parteifreund sagt. Selbst mit dem Amt des Wettbewerbskommissars sei Oettinger gelockt worden. Er habe auch das nicht gewollt. Typisch für Oettinger ist, dass nach seiner Nominierung zunächst ein Satz hängen blieb, den viele als Enttäuschung missverstanden haben: "Ich bin nicht happy, aber glücklich." Dabei ist Oettinger eher an anderer Stelle Kummer gewohnt. Er ist leidenschaftlicher Fan des VfB Stuttgart.

Seine größte Qualität wird Oettinger in den nächsten Wochen ausspielen. Er hat ein fotografisches Gedächtnis und wird sich schnell in sein neues Gebiet einlesen. Schon im Kreuzverhör des EU-Parlaments – durch das die Kandidaten für die Kommission im Europäischen Parlament ab der übernächsten Woche müssen – wird er den Abgeordneten die großen Linien seiner Politik aufzeigen. Das war schon so, als er Energiekommissar wurde. Er konnte sich für das Klein-Klein begeistern, dachte aber noch lieber eine Spur größer.

Eine gemeinsame Energieaußenpolitik beispielsweise mahnte Oettinger bereits an, als Russlands Präsident Wladimir Putin hierzulande noch als verlässlicher Partner gefeiert wurde. Der Industrie ist er sicher näher gewesen, als ein grüner Energiekommissar es gewesen wäre, aber das liegt nun einmal im Wesen eines konservativen CDU-Politikers seiner Generation.

Oettingers Makel ist, dass zu wenig von dem, was er vorschlug, auch umgesetzt wurde. Die großen Fragen – eben jene nach einer gemeinsamen Energieaußenpolitik – wurden nie ernsthaft vorangetrieben. Die Euro-Rettung war in den vergangenen Jahren wichtiger. Schlimmer noch: Die Mitgliedsstaaten und somit auch die Bundesregierung sahen nie Anlass zur Eile. Jeder kochte sein eigenes Süppchen, gerne auch radioaktiv. Und jeder noch so fundierte Vorschlag aus Oettingers Abteilung wurde von den Beamten im Rat der Mitgliedsstaaten zerrieben.

Selbst längst beschlossene Vorhaben, wie die Steigerung der Energieeffizienz, werden aufgeweicht, wo es nur geht. Auch das Berliner Wirtschaftsministerium blockierte jahrelang unter dem damaligen Minister Philipp Rösler (FDP) die Umsetzung des Ziels, bis 2020 rund 20 Prozent weniger Energie als im Jahr 2005 zu verbrauchen. Und Kanzlerin Angela Merkel warb nicht dafür, dass die schwäbische Hausfrau genauso gut durchs Leben kommt, wenn ihr Staubsauger und die Kaffeemaschine auf weniger Wattzahl laufen. Die Verbraucherin würde dabei nicht nur Dutzende Euro Stromkosten im Jahr sparen, sondern auch unabhängiger werden von russischem Gas.